Ist er schuldfähig oder nicht? Knapp eine Woche vor dem Prozessauftakt halten Psychiater den norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik in einem neuen Gutachten für schuldfähig. Den Richtern liegen nun zwei gegensätzliche Gutachten zum Geisteszustand des Attentäters vor. Bei einer Verurteilung könnte der geständige 33-Jährige für den Tod von 77 Menschen - darunter viele Jugendliche - ins Gefängnis kommen.
Erstes Gutachten bescheinigt Geisteskrankheit
Ein erstes Gutachten von November stuft ihn dagegen als geisteskrank und damit nicht schuldfähig ein. Die Ärzte legten im Falle eines Schuldspruchs eine Unterbringung in der Psychiatrie nahe. Der Prozess beginnt am 16. April. Breivik werden Terrorismus und vorsätzlicher Mord zur Last gelegt.
Großes Wiederholungsrisiko
Die zwei Mediziner kommen in ihrem am Dienstag bei Gericht eingereichten Untersuchungsbericht zu dem Schluss, dass der rechtsradikale Islamhasser nicht unter einer Psychose litt, als er die Anschläge verübte. "Es besteht außerdem ein großes Risiko, dass er ein solches Gewaltverbrechen wiederholt", heißt es.
Breivik hatte am 22. Juli 2011 zunächst eine Bombe im Osloer Regierungsviertel gezündet und acht Menschen getötet. Dann hatte er 69 Teilnehmer eines Ferienlagers der regierenden Sozialdemokraten auf der Insel Utøya erschossen. Er gestand die Taten, bezeichnet sich aber als unschuldig.
Überwachung Breiviks rund um die Uhr
Für das neue Gutachten war Breivik wochenlang rund um die Uhr im Gefängnis von einem Expertenteam überwacht und befragt worden. "Unsere Beobachtungen haben unsere Schlussfolgerungen gestärkt", sagte Psychiater Agnar Aspaas.
Den Richtern liegt aber auch das erste Gutachten von November 2011 vor, das Breivik als paranoid-schizophren und daher als unzurechnungsfähig einstuft. Demzufolge würde er bei einer Verurteilung in eine psychiatrische Anstalt kommen. Das Ergebnis war in der Öffentlichkeit heftig kritisiert und auch von Experten angezweifelt worden. Deshalb wurde eine zweite Beurteilung angeordnet.
"Das Gericht wird die Ergebnisse beider Untersuchungen in Betracht ziehen", erklärte Psychiater Terje Tørrisen. In dem Prozess werden die Autoren der zwei Berichte aussagen. Welches Gutachten sich durchsetzt, entscheiden die Richter.
Er hält sich für einen politischen Aktivisten
Breivik selbst hat stets bestritten, geistesgestört zu sein. Er sieht sich als politischen Aktivisten und betont, er übernehme die volle Verantwortung für seine Taten. Nach seiner Festnahme gab er an, einen Krieg gegen die Islamisierung Europas zu führen. Er habe die sozialdemokratische Regierung für die seiner Meinung nach laxe Einwanderungspolitik bestrafen wollen.
Vergangene Woche hatte Breivik in einem offenen Brief das erste Gutachten angegriffen, das ihn für nicht zurechnungsfähig erklärte. "Das ist das Schlimmste, was mir passieren konnte, denn es ist die ultimative Erniedrigung", schrieb er. Die Psychiater hätten Dinge erfunden, um ihn als verrückt erscheinen zu lassen. Sie hätten nicht verstanden, dass seine Taten auch politisch motiviert sein könnten. "Einen politischen Aktivisten in eine psychiatrische Anstalt einzuweisen ist sadistischer und bösartiger, als ihn zu töten", schrieb Breivik. "Es ist ein Schicksal, schlimmer als der Tod."
Schlussplädoyers wahrscheinlich am 21. Juni
Die Staatsanwaltschaft will in dem Prozess bis zu 21 Jahre Gefängnis oder die Unterbringung in der Psychiatrie fordern. Insgesamt sollen fast 100 Zeugen aussagen. Die Schlussplädoyers werden am 22. Juni erwartet. Der Attentäter selbst empfindet das Verfahren als "einmalige Gelegenheit", den Menschen in Europa seine Weltsicht zu erklären. Diese hatte er bereits in einem mehr als 1500 Seiten umfassenden "Manifest" aufgeschrieben und kurz vor den Attentaten im Internet verbreitet. dpa