Der Tellerwäscher, der es zum Millionär bringen will und glaubt, damit seine Mitmenschen zu beeindrucken, ist nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit.
Heutzutage zieht eher die umgekehrte Geschichte: die vom Millionär, der seine Besitztümer verschenkt, weil finanzieller Reichtum nicht glücklich macht.
Karl Rabeder (47) hat viel zu tun, diese Geschichte zu vermarkten. Das knapp zweistündige Gespräch in seiner Villa in Telfs in Tirol wird immer wieder vom Geplärr seines Handys unterbrochen. Interviews, Fernsehaufnahmen und Talkshows wollen koordiniert und Anfragen beantwortet sein.
Der massive Esstisch in dem lichtdurchfluteten Wohnraum, auf dem sein Laptop steht und daneben als verspätetes Mittagessen die Kaffeetasse und ein Teller mit zwei trockenen Brezen, "der ist mein Büro", sagt Rabeder. Das Büro ist ihm wichtig, damit er arbeiten kann.
Aber mehr als die 40 Quadratmeter um sich herum nutzt er schon jetzt nicht mehr. Und das Haus in Frankreich, in dem er im vorigen Jahr kein einziges Mal war und im Jahr davor eine Woche - "ein Wahnsinn". Deshalb ist er dabei, alles herzugeben - die Häuser, die eigenen Flugzeuge -, um nach Innsbruck in eine Zwei-Zimmer-Wohnung zu ziehen. Oder auch in eine Hütte in den Bergen.
Aber noch hat Rabeder Zeit, den Blick durch die riesige Glasfront des Wohnzimmers zu genießen. Wenn er aufsteht, das Handy am Ohr, und einen Schritt nach vorne geht, sieht er die verschneite Gartenanlage vor sich liegen und jenseits der Nachbarhäuser am Südhang das Bergpanorama des Inntals. 13 Jahre hat er hier gewohnt, anfangs mit seiner Frau, von der er seit 2003 geschieden ist. "13 Jahre sind genug", sagt Rabeder, und auf seinem Gesicht breitet sich ein zufriedenes Lächeln aus.
Wichtig ist jetzt nur noch, dass andere die Villa und den Garten mit Schwimmteich und Sonnenterrasse schön finden. Der großzügige Wohn-Ess-Raum unter dem flach geneigten Dachstuhl wirkt schon allein durch seinen großzügigen Zuschnitt. Aus dem Erdgeschoss ist das Plätschern eines Brunnens zu hören. Ein weiß verputzter Ofen im Zentrum des Raums, eine blaue Ledergarnitur in der Ecke, ein Schreibschrank an der Wand und auf der Fensterbank Pflanzen, die wenig Pflege brauchen - alles passt.
Doch Rabeder, der mit 32 schon so viel Geld verdient hatte, dass er, wie er sagt, "von den Zinsen hätte leben können", braucht das alles nicht mehr. "Wie die Wohnung ausschaut ist mir wurscht", sagt er bestimmt. Seine künftige Bleibe habe nur den Zweck, zwei Rucksäcke mit dem Rest seiner Habe hineinstellen zu können. Denn wenn er nicht schlafe oder arbeite, sei das Erste: "Tür auf und raus. Wanderschuhe, Mountainbike - was immer - und raus in die Natur."
Wer einmal in seine Villa einzieht, die laut Gutachten 1,6 Millionen Euro wert ist, überlässt er gerne dem Zufall. Sie wird im Internet verlost (www.luxusvillatirol.at). Eigentlich hätte der Gewinner schon am 28. Februar ermittelt werden sollen. Doch jetzt werde es wohl eine Verlängerung bis zum 31. August geben. Denn erst etwa die Hälfte der behördlich genehmigten 21.999 Lose seien verkauft.
Der Stückpreis ist der gleiche wie bei einigen anderen Hausverlosungen: 99 Euro. In Österreich und weiteren europäischen Ländern ist diese Art des Immobilienverkaufs schon nichts Besonderes mehr. In manchen Fällen war sie in Zeiten der Wirtschaftskrise schon ein Akt der Verzweiflung. Im Falle Rabeders aber erscheint sie als gute Tat.
Denn das, was nach Abzug von Darlehensrückzahlungen und der Glücksspielgebühr von zwölf Prozent (261 000 Euro) übrig bleibt, soll Menschen in Entwicklungsländern helfen, eine Existenz aufzubauen.
"MyMicroCredit" heißt die gemeinnützige Organisation, die der gelernte Mathematik-, Physik- und Chemielehrer gegründet und mitfinanziert hat und für die er Mitstreiter und Geldgeber sucht.
Es geht um Kleinkredite von 25 Euro aufwärts, die zinslos zur Verfügung gestellt werden - zum Kauf einer Kochplatte für eine Tortillaköchin, zum Kauf von Holz für einen Tischler, zum Kauf von Garn und Textilstoffen für eine Näherin, zum Kauf von Zucker und Plastiktüten für einen Kokosnussverkäufer in El Salvador oder zur Ausbildung von Agrarlehrern in Nicaragua.
Projekte wie diese sind für Rabeder zum Lebensinhalt geworden, seit er seine Firma im Jahr 2004 verkauft hat. Wohnaccessoires wie Trockenblumen, Vasen und Kerzen, die er erst in Polen und Ungarn, dann in China fertigen ließ, hatten ihn reich gemacht. Doch der Wirbel um seine Person dreht sich um etwas anderes: Die Frage, warum einer, der alles erreicht hat, was sich andere erträumen - Geld, Besitz und auch sportliche Erfolge als österreichischer Segelflug-Meister - freiwillig auf alles verzichtet, um mit 1000 Euro im Monat auszukommen.
Rabeders Schlüsselerlebnis
Als Schlüsselerlebnis schildert Rabeder stets den Fünf-Sterne-Urlaub auf Hawaii mit seiner Frau, der für ihn "furchtbar" war. Er sei nur von Schauspielern umgeben gewesen, bei Hotelmitarbeitern wie bei den Gästen. Alle hätten mit zuckersüßem Lächeln die Rolle gespielt: "Die Welt ist wunderbar."
Die echte Welt aber, die wirklich wunderbar ist, sieht für ihn anders aus. Er spürte es am Wochenende nach der Rückkehr auf einer Berghütte. Die Wirtin verschüttete beim Servieren die Apfelsaftschorle und sagte einfach nur "Jessas". Rabeder: "Das war einer der magischen Momente" - ein Moment, der nicht für Geld zu haben ist.
Es dauerte noch einige Jahre, bis Rabeder damit begann, sich von seinem Besitz und der damit verbundenen "Versklavung" zu befreien. Seine Herkunft spielte dabei eine Rolle.
Die Großeltern, die eine Nebenerwerbsgärtnerei hatten, brachten ihm bei, dass man hart arbeiten müsse, um es zu etwas zu bringen. Heute weiß er es besser: "Ich hab' früher immer geglaubt, ich muss etwas anstreben. Inzwischen mach' ich's genau umgekehrt. Ich geh' einfach meinen Lebensweg und nehme das, was mir geschenkt wird, weil die Geschenke immer schöner waren als das, was ich gedacht hatte."
Deshalb hat er auch noch nicht nach einer passenden Wohnung in Innsbruck Ausschau gehalten. "Ich lebe im Hier und Jetzt, was soll ich Ausschau halten?" meint er freundlich. Und er hat auch noch nicht durchgerechnet, wie er die 1000 Euro einteilen wird, mit denen er angeblich jetzt schon auskommt.
Den Audi A3, der ihm in Telfs, "am Ende der Welt", zurzeit noch die Mobilität sichert, werde er dann nicht mehr brauchen. Möbel, Nahrung, Kleidung, Reisekosten, Ausgaben für Computer und Telefon - es ist alles kein Thema für ihn. Selbst der Gedanke, dass er krank oder behindert werden könnte und dafür etwas auf die hohe Kante legen sollte, belastet ihn nicht. "Ich möchte, dass nichts übrig bleibt."
Dass das Geld von selbst wieder mehr werden könnte, wenn er sich seinem Zweitberuf widmet, nämlich dem Coaching von Managern und anderen Menschen, "die sich intelligente Fragen stellen", hält Rabeder für nicht ausgeschlossen. "Aber ich kann ja auch Nein sagen."
Noch sagt er meistens ja, wenn er angerufen wird. Nur in einem Fall reagiert er zurückhaltend: "Radio? Schreiben Sie mir eine E-Mail …", wimmelt Rabeder den Anrufer ab. Radio, so erklärt er hinterher, sei im Moment "sinnloser Zeitaufwand". Die Erfahrung zeige, dass sich kaum ein Hörer die Internetseiten merkt. Von Manuela Mayr