Japan will zu Beginn des nächsten Jahres mit der großflächigen Dekontaminierung der durch die Atomkatastrophe von Fukushima radioaktiv verseuchten Regionen beginnen. Die Regierung beschloss am Freitag, die Belastung für die Bürger in Gebieten mit Strahlenwerten von bis zu 20 Millisievert jährlich bis August 2013 zu halbieren. Die Belastung ist der Grenzwert für Evakuierungen. Unterdessen gedachten die Menschen in der Katastrophenregion der tausenden Opfern des Erdbebens und des Tsunamis vor acht Monaten.
Regierung will Ungewissheit beenden
Die Arbeiten zur Dekontaminierung umfassen neben der Provinz Fukushima mit dem beschädigten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi auch andere Gebiete der nordwestlichen Region Tohoku sowie Regionen im Großraum von Tokio. Mit der Festlegung auf ein Datum will die Regierung Japans den rund 160000 Evakuierten einen Zeitrahmen geben, um sich auf eine Rückkehr in ihre frühere Heimat vorzubereiten und die derzeit herrschende Ungewissheit beenden. In ausgewiesenen Sonderdekontaminierungsgebieten, in denen die Strahlenbelastung zwischen 1 und bis zu 20 Millisievert im Jahr beträgt, werden Häuser, Straßen, landwirtschaftliche Felder und Wälder vom Atombetreiber Tepco sowie der Regierung gereinigt.
Mehrere Zwischenlager
Die abgetragene Erde und Schutt sollen in verschiedene Zwischenlager abtransportiert werden. Auch die Asche von Abfallverbrennungsöfen, die mit über 8000 Bequerel pro Kilogramm strahlt, muss zwischengelagert werden. Die Entsorgungsfrage ist jedoch noch offen. Die Regierung drängt daher lokale Behörden, Abraum zu sammeln, bis ein Endlager für diesen leicht strahlenden Abfall gefunden ist. Allerdings zögern noch viele Gemeinden wegen Sorge vor den radioaktiven Strahlen und der noch ungeklärten Endlagerfrage, solche Zwischenlager auszuweisen.
Gefahrenquellen für Atomkraftwerke
In Japan stand ein Erdbeben mit anschließendem Tsunami am Anfang der Ereignisse, die zur Atomkatastrophe in Fukushima führten. Auch in Europa gibt es Meiler in seismisch aktiven Zonen, etwa im französischen Fessenheim direkt an der deutschen Grenze.
Ein Tsunami wie in Japan ist in Europa eher unwahrscheinlich. Allerdings sind auch hierzulande Überflutungen denkbar. Wasser ist für Atomanlagen gefährlich, weil es die aus Dieselgeneratoren und Batterien bestehende Notstromversorgung lahmlegen kann. Deiche gehörten zum wichtigsten Schutz gegen diese Gefahr, heißt es in einem aktuellen Arbeitspapier der Vereinigung der Westeuropäischen Atomaufsichtsbehörden (WENRA).
Das WENRA-Papier zählt als Risiken auch Sturm und starke Regenfälle sowie die Kombination mehrerer Extremwetterlagen auf. Atomexperte Heinz Smital von Greenpeace sieht auch in Waldbränden eine Gefahr, die sich beispielsweise im vergangenen Sommer bei den Großfeuern in Russland gezeigt habe. Denn der dichte Rauch könne dazu führen, dass Notstromdiesel-Generatoren wegen Sauerstoffmangels nicht ansprängen.
Terrorangriffe sind deshalb so brisant, weil sich Täter gezielt den Kern einer Atomanlage, den Reaktordruckbehälter, vornehmen könnten. Dadurch ist nach den Worten von Atomexperten Smital «eine Zerstörung möglich, die sonst nicht erreicht werden kann». Bei einem Angriff könnten in kürzester Zeit riesige Mengen Strahlung frei werden, während sich die Freisetzungen in Tschernobyl und Fukushima vergleichsweise begrenzt und langsam abgespielt hätten.
Das Risiko von Cyberattacken auf Atomkraftwerke geriet 2010 durch den Computerwurm Stuxnet ins Rampenlicht. Stuxnet wurde laut «New York Times» von den USA und Israel entwickelt, um das iranische Atomprogramm zu sabotieren. Dass private Hacker einen atomaren GAU auslösen können, hält Frank Rieger vom deutschen Chaos Computer Club für «ziemlich unwahrscheinlich». Bislang seien solche Risiken aber offenbar noch nicht detailliert erforscht, meint Rieger.
Die Wahrscheinlichkeit eines Flugzeugabsturzes auf ein Atomkraftwerk lässt sich zumindest annähernd vorhersagen, indem Flugrouten, allgemeine Unfall-Zahlen sowie die potentielle Trefferfläche ins Kalkül gezogen werden. Die kuppelartige Form des Betonmantels vieler Reaktorgebäude sorgt dafür, dass die Trefferfläche für einen möglichen Frontalaufprall gering ausfällt.
Die Höhe eines Risiko bemisst sich nach zwei Dingen: der Wahrscheinlichkeit, dass das befürchtete Ereignis eintritt, und dessen Schwere. Das Risiko kann also auch dann hoch sein, wenn das Ereignis sehr unwahrscheinlich ist, aber die Folgen immens wären. Ob allerdings auch extrem unwahrscheinliche Ereignisse - wie beispielsweise ein Satellitenabsturz - bei den europäischen Akw-Tests eine Rolle spielen sollten, sei letztlich keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftspolitische Frage, hieß es aus deutschen Fachkreisen.
Die Planung der Regierung sieht ferner vor, in Gebieten, wo die Strahlenwerte über 20 Millisievert jährlich liegen, die Belastung schrittweise zu reduzieren. Hier gibt es also kein konkretes Datum. Dazu gehört die Sperrzone im Umkreis von 20 Kilometern um die Atomruine Fukushima Daiichi. Der Staat übernimmt die Verantwortung und die Kosten der Reinigungsarbeiten. Doch wie effizient sich die Maßnahmen umsetzen lassen, bleibt abzuwarten.
Neue strahlende Partikel
So wurde in manchen Orten der Boden fünf Zentimeter abgetragen. Doch neue strahlende Partikel, die von den Bäumen gewaschen und geweht wurden, ließen die radioaktive Belastung auf dem gereinigten Boden wieder ansteigen. Ein neues Gremium aus Ministern will laut japanischen Medien nun in Kürze zusammentreten, um zu beraten, wie die Reinigungsarbeiten vorangebracht werden können.
Die Arbeitsbedingungen im Atomkraftwerk Fukushima haben sich unterdessen laut dessen Betreiber Tepco deutlich verbessert. Das Kühlsystem des Kraftwerks sei wieder intakt, sodass die Reaktoren auf einem konstant niedrigen Niveau gehalten werden könnten, teilte der Stromkonzern am Freitag mit. Zukünftig könnten täglich wieder bis zu 3300 Arbeiter auf dem Gelände eingesetzt werden. (dapd,dpa)