Eine einzige Seminararbeit fehlt David Wnendt noch, damit er sein Studium der Film- und Fernsehregie in Potsdam abschließen kann. Aber Wnendt kommt einfach nicht dazu, die zehn Seiten im Fach Filmgeschichte zu schreiben. Denn heute läuft „Kriegerin“, der Abschlussfilm des 34-Jährigen, im Kino an. Der Streifen über junge Neonazi-Frauen hat den Nachwuchsregisseur zu einem gefragten Gesprächspartner gemacht. Tag für Tag gibt der gebürtige Gelsenkirchener Interviews, verteilt Flyer und besucht Filmfestivals.
Wnendt hat das Drama bei der renommierten Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam/Babelsberg als praktische Diplomarbeit eingereicht. Protagonistin ist eine junge Frau, die zu einer rechtsextremen Clique in Ostdeutschland gehört. Marisa schlägt zu, sobald sie jemand nervt. Ihre Lieblingsfeinde: Ausländer, Juden, Polizisten. Das verschobene Weltbild der 20-Jährigen gerät erst ins Wanken, als sie mit jungen Asylbewerbern aneinandergerät.
Zum Zeitpunkt des Drehs, im Spätsommer 2010, war Wnendt noch ein Filmstudent unter vielen. Rechtsextremismus hatte es im Kino schwer. „Es gab viele Leute, die uns gesagt haben, so etwas wolle niemand sehen“, sagt der 34-Jährige. Mit der Zwickauer Terrorzelle, der Festnahme von Beate Zschäpe, hat sich das schlagartig geändert. In der Öffentlichkeit wird wieder über Neonazis und Rechtsterrorismus diskutiert, Dinge, die verdrängt wurden, aber immer aktuell waren.
Wnendt sah sich mit dem Thema zum ersten Mal nach seinem Abitur konfrontiert. Während einer Reise durch die neuen Bundesländer, die er nutzte, um Industrieruinen zu fotografieren, begegnete er vielen gleichaltrigen Rechtsextremen. Sie waren überall akzeptiert, niemand nahm an ihrer Gesinnung Anstoß. „Die Situation war völlig anders als alles, was ich aus meiner Jugend kannte“, sagt der Nachwuchsregisseur. Seine Eindrücke haben ihn nicht mehr losgelassen. Bis aus ihnen ein Film wurde, dauerte es aber noch Jahre.
Wnendt, der durch die Diplomatentätigkeit seines Vaters unter anderem in Islamabad und Miami aufgewachsen ist, strebte nach dem Abitur erst eine Banklehre an. Dann kam der Wehrdienst dazwischen, „und ich hab noch einmal nachgedacht, was ich wirklich will“. Wnendt machte Praktika in der Filmbranche, arbeitete als Beleuchter und Regieassistent. Nach einem Magisterstudium kam er 2004 an die Filmhochschule. Vergangene Woche wurde sein Diplom-Film „Kriegerin“ in der Vorauswahl des Deutschen Filmpreises 2012 gewählt – der höchsten Auszeichnung der Branche. Kathrin Runge