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Pflanze aus Südamerika: Stevia verspricht süßes Leben ohne schlechtes Gewissen

Pflanze aus Südamerika

Stevia verspricht süßes Leben ohne schlechtes Gewissen

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    Der Wissenschaftler Udo Kienle von der Universität Hohenheim (bei Stuttgart) betrachtet im Gewächshaus der Universität Hohenheim eine ursprünglich aus Südamerika stammende Stevia.
    Der Wissenschaftler Udo Kienle von der Universität Hohenheim (bei Stuttgart) betrachtet im Gewächshaus der Universität Hohenheim eine ursprünglich aus Südamerika stammende Stevia.

    Ach wie ungerecht ist die Welt. Süße Genüsse wohin man blickt, doch so richtig sorgenfrei zugreifen darf der Mensch nicht. Ob Schokolade, Chips, gesüßter Kaffee, in all den Genußmitteln stecken Produkte, die dem menschlichen Körper schaden.

    Doch was wäre, wenn in der Natur eine Pflanze existieren würde, die das Leben versüßen könnte, jedoch ohne die negativen Eigenschaften des Zuckers wie Karies oder Kalorien?

    Gibt's nicht! Gibt's doch! Denn schon seit Jahrhunderten wächst im Grenzgebiet von Brasilien und Paraguay eine Pflanze mit dem klangvollen Namen "stevia rebaudiana". Und eben diese süße Pflanze hat die wundervolle Angewohnheit, dem menschlichen Körper ein genussvolles Gefühl der Süße zu vermitteln - und das bis zu 300 Mal stärker als herkömmlicher Rohr- oder Rübenzucker.

    Das Beste daran ist: Karies ist beim Genuss dieses Süßungsmittel Fehlanzeige, Kalorien zu vernachlässigen. "Stevia rebaudiana" - auch Honigkraut oder Süßkraut genannt - könnte also einfach Wunderkraut genannt werden; eine Offenbarung für die Menschheit - der Kult vorprogrammiert.

    Denn Schlemmen ohne schlechtes Gewissen war wohl schon immer ein Traum für alle süßliebenden Menschen. Besonders im Vergleich zu den künstlichen Süßungsmitteln Aspartam, Saccharin oder Cyclamat ist Stevia eine große Konkurrenz, haben doch viele Menschen zum einen große Bedenken bei synthetischen Lebensmitteln und zum anderen sind die Nebenwirkungen und die Unverträglichkeiten trotz langjähriger Forschung groß. Dagegen ist Stevia ein biologischer Stoff, der in großen Teilen Asiens und in seinem Herkunftsland seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des Lebens ist.

    Doch vom Kult-Potenzial ist in Europa nach wie vor wenig zu spüren. Vielmehr lebt Stevia seit Jahren ein verbotenes Schattendasein. Nur als Camouflage führen es die hiesigen Bio-Läden - als Tiernahrung, kosmetisches Produkt oder auch als Badezusatz.

    Denn im Gegensatz zu Japan, wo Stevia seit Jahrzehnten rund 40 Prozent des Süßmittelmarktes beherrscht, sträuben sich in der westlichen Welt seit Jahren die verantwortlichen Stellen, das Wundermittel zuzulassen. Die EU-Lebensmittelüberwachung hat im Jahr 1997 die Pflanze gar auf die Liste der "novel foods" gesetzt. Damit ist das biologische Stevia gleichgesetzt mit gentechnisch veränderten oder synthetischen Lebensmitteln, die nach dem EU-Gesetz strenge Kontrollen durchlaufen müssen. "Alles Korruption in der EU. Seit Jahren kämpfe ich dagegen", sagte der belgische Molekularbiologie-Professor Jan Geuns einmal der Wochenzeitung Die Zeit.

    Doch wer profitierte so lange davon, dass das natürliche Süßmittel verboten blieb? Natürlich die Süßmittelindustrie, die so über lange Zeit ihre Produkte auf dem Markt absetzen konnte.

    Seit zwei Jahren scheint sich allerdings ein Gegentrend abzuzeichnen: Immer mehr Länder, die sich lange gegen einen Zulassung von Stevia gestemmt haben, lenken nun ein. Die Vorreiterrolle hat die Schweiz eingenommen. Schon im Jahr 2008 machte das Bundesamt für Gesundheit in der Schweiz mit der "Provisorische Einzelbewilligungen für Steviol Glykoside gemäss Art. 2 Abs. 1 der Verordnung über die in Lebensmitteln zulässigen Zusatzstoffe" deutlich, dass ein Umdenken im Fall "Stevia" stattfindet.

    Oder ist es kein Umdenken, sondern basiert alles - wie auch schon das Verbot - auf dem Druck der Industrieriesen?

    Rein zufällig scheint es nicht gerade zu sein, das gerade jetzt ein Wandlungsprozess bei den Behörden stattfindet. Denn erst im Jahr 2007 hat der Getränke-Hersteller Coca Cola 24 Patente basierend auf dem Stevia-Wirkstoff angemeldet.

    An der Seite von Coca Cola kämpft ein Unternehmen, das in Europa wohl kaum jemandem ein Begriff ist: Cargill. Das vorwiegend in der Agrarwirtschaft tätige Unternehmen ist der größte in Familienbesitz befindliche Konzern in den Vereinigten Staaten. Auf der Welt verteilt arbeiten mehr als 138.000 Menschen für Cargill. Im letzten Jahr erwirtschaftete das Unternehmen rund 116 Milliarden Dollar. In die Kritik geriet Cargill besonders durch seine rigorose Ausweitung des Sojaanbaus in Südamerika, wofür eine große Fläche des tropischen Regenwaldes abgeholzt wurde.

    Cargill überzeugte die amerikanische Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) davon, dass mit dem Steviasüßstoff "Truvia" nun endlich ein Produkt entwickelt wurde, das nicht die lästigen Nebenwirkungen wie Krebs oder Unfruchtbarkeit hat, die noch die Monsanto-Studie aus den 80er Jahren festgestellt hatte. Die FDA war beruhigt und Cargill überhäuft seit dem Jahr 2008 den amerikanischen Süßmittelmarkt mit dem Stevia-Produkt "Truvia", das aus dem Bestandteil Rebaudiosid-A besteht.

    Nachdem bereits die Schweiz ihre Bedenken gegen Stevia gelockert hatte, in Australien und Neuseeland das Süßungsmittel zugelassen wurde und im Jahr 2009 Frankreich das Produkt per Dekret vorläufig zugelassen hatte, scheint es nun so, als würde auch in der Europäischen Union ein Umdenken stattfinden.

    Für die Verbraucher könnte mit dem Umdenken eine glorreiche Zukunft bevorstehen. Denn man stelle sich nur vor, vier Tafeln Schokolade ohne schlechtes Gewissen zu verschlingen - Lobbyismus hin oder her. Sebastian Hrabak

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