Wer frisch verliebt ist, würde seinen Partner am liebsten mit Küssen überhäufen, ihn damit bestürmen, ihn von Kopf bis Fuß damit eindecken. Während solch ein Anblick des überschwänglich zelebrierten Glücks Passanten auf der Straße sonst meist nur ein milde wissendes Lächeln oder ein genervtes Kopfschütteln entlockt, sollten sie am Sonntag rufen: „Mehr davon!“ Denn der 6. Juli ist seit mittlerweile zwei Jahrzehnten offiziell auf der ganzen Welt der Tag des Kusses.
Seit 24 Jahren feiert die Welt den Tag des Kusses
Wer ihn erfunden hat, weiß heute keiner mehr. Fest steht nur: Es passierte wohl im Jahr 1990 in Großbritannien – ausgerechnet in einem Land, das im Vergleich zu den großen Kussnationen Europas vergleichsweise jungfräulich wirkt.
Da ist zuerst einmal Österreich, die Nation, die berühmt ist für den formvollendeten Handkuss. Nicht nur bei „Sissi“ wurde gehaucht statt geschmatzt: Zahllose Kostümfilme, die das höfische Leben im 18. Jahrhundert abbilden, setzten den Handkuss in Szene. Vor allem während der Wiener Ballsaison verbeugt sich mancher Herr auch heute noch galant vor seiner Herzensdame und platziert ein Küsschen auf ihrem Handrücken. Die Songzeile „Küss die Hand, schöne Frau“ aus dem Jahr 1987 bescherte der gar nicht höfisch-zurückhaltenden Wiener Band Erste Allgemeine Verunsicherung sogar einen Riesenhit.
Dabei waren es gar nicht die Österreicher, die die eleganteste Form des „Busserls“ erfunden haben. Die Habsburger brachten den Handkuss einst aus Spanien in die Alpenrepublik – dort war er Teil des strikt geregelten Hofzeremoniells gewesen.
Tag des Kusses 2014: Wer sind die besten Küsser?
Die zweite Nation in Europa, der in Sachen Küssen und Knutschen so schnell niemand etwas vormacht, sind natürlich die Franzosen: Nicht umsonst ist die Stadt der Liebe deren Metropole. Sogar eine ganze Kuss-Gattung wurde nach unseren lebenslustigen Nachbarn benannt: der „French Kiss“. Angeblich, weil den Bewohnern Frankreichs Anfang des 20. Jahrhunderts eine Vorliebe für abenteuerliche und leidenschaftliche Geschlechtsakte nachgesagt wurde. Die Franzosen selbst nannten den Zungenkuss übrigens lange Zeit „baiser florentin“, also „Florentiner Kuss“. Heute sprechen sie oft einfach vom „Kuss der Liebenden“.
Und wo in der Reihe der Kussnationen reiht sich nun Deutschland ein? Vor Russland, wo sich der sozialistische Bruderkuss zwischen DDR-Staatschef Erich Honecker und Kreml-Oberhaupt Leonid Breschnew 1979 ins kollektive Gedächtnis brannte? Oder vielleicht hinter Dänemark, wo im 19. Jahrhundert der große Philosoph Søren Kierkegaard das Unbeschreibliche in Worte fasste, als er schrieb: „Der Kuss ist eine symbolische Handlung, die nichts zu bedeuten hat, wenn das Gefühl, das sie bezeichnen soll, nicht vorhanden ist.“
Internationaler Tag des Kusses: In welchem Land küsst es sich am besten?
Hierzulande jedenfalls hat sich bereits vor fünf Jahren der Verein Kussfreunde e. V. gegründet. Sein Ziel: die „Rettung der deutschen Kusskultur“, wie die Mitglieder auf ihrer Internetseite schreiben. Der Vorsitzende und damit Oberküsser des Vereins, Marco Wanke aus Garmisch-Partenkirchen, machte seitdem mit gewagten Aktionen von sich und seiner Bussi-Bande reden – zum Beispiel, als er zehn Tage lang durch Deutschland reiste, um 1000 Frauen mit einem Kuss zu beglücken.
Ob das unser Land ein Stück mehr zu einer „Kuss-Oase“ machte, wie es sich die Kussfreunde zum Ziel gesetzt haben? Fest steht: Deutschland war schon relativ früh relativ tolerant, was öffentliche Lippenbekenntnisse anging – anders als etwa Spanien, wo Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit bis in die Siebzigerjahre hinein streng verboten waren. Inzwischen ziehen auch die Küsse homosexueller Paare gerade in den deutschen Metropolen kaum mehr Blicke auf sich. Andererseits: Die Kussfreunde haben heute 438 Mitglieder. Sie alle sind der Meinung, dass Deutschland beim Küssen noch viel aufzuholen hat. Und wem das Gefühl, auf Wolke sieben zu schweben, als Motivation nicht reicht: Küssen ist gesund. Wissenschaftlern zufolge wirkt ein kräftiger Schmatzer wie eine Energiespritze: Er stärkt das Immunsystem und lindert noch dazu Stress. Also los – Bussi, Bussi! Der Sonntag ist ein guter Tag dafür. (mit dpa)