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Internet: Wikileaks und der digitale Wutbürger

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Wikileaks und der digitale Wutbürger

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    Demonstration Wikileaks
    Demonstration Wikileaks Foto: acg

    Der Staatsfeind Nummer eins will ein Buch schreiben. Ausgerechnet Julian Assange besinnt sich auf Papier und Verlagswesen, um seine Autobiografie zu veröffentlichen. Es erscheint wie ein Widerspruch, war es doch eben jener Assange, der dieser Tage Mediengeschichte schrieb - online. 2010 war nicht nur das Jahr, in dem Assanges Wikileaks endgültig seinen Durchbruch als weltweite bekannte Enthüllungs-Plattform schaffte. Es war auch das Jahr, in dem dank Wikileaks eine neue politische Aktionsform erstmals von einer breiten (Medien-)Öffentlichkeit wahrgenommen wurde: der Massenprotest im Netz. Mit seiner Macht, aber auch seiner möglichen Radikalisierung und Gewalt.

    Gut acht Wochen ist es her, dass über das Internetportal Wikileaks rund 250 000 amerikanische Botschafts-Depeschen veröffentlicht und renommierten Medien - unter anderem dem deutschen Spiegel und dem britischen Guardian - zur Verfügung gestellt wurden.

    Cablegate, so der schnell geprägte Begriff für das Informationsleck, brachte dem Internetportal und seinem Kopf Julian Assange aber nicht nur Ruhm ein. Im Gegenteil. Nur wenige Tage nach den zum Teil recht peinlichen Enthüllungen schlug das Imperium zurück. Mehrere Unternehmen stoppten - offensichtlich auf Druck der US-Regierung - die Geldflüsse für das spendenfinanzierte Projekt. Wikileaks-Chef Assange selbst sah sich mit einem internationalen Haftbefehl wegen Verdachts der Vergewaltigung konfrontiert.

    Der selbst ernannte Underdog mutierte zum Staatsfeind Nummer eins - und erhielt prompt Unterstützung von unerwarteter Seite.

    Unter dem Namen "Operation Payback" begannen Aktivisten, die vermeintlichen oder echten Wikileaks-Gegner ins Visier zu nehmen. Die Internetseiten von Mastercard, Visa, Paypal, und der schweizerischen Postfinance, aber auch die Internetpräsenz der konservativen Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, wurden zum Ziel sogenannter DoS-Attacken.

    DoS-Attacken sind eine moderne Form der Kriegsführung im Internet: Tausende Rechner überhäufen einen Ziel-Computer so lange mit Datenabfragen, bis dieser nicht mehr nachkommt und zusammenbricht.

    Im Fall Wikileaks waren vor allem die Computer renommierter Finanzdienstleister das Ziel. Und die Angreifer waren mehrere tausend Menschen, die sich unter dem Namen "Anonymous" zusammengeschlossen hatten und für ihre Attacken ein Computerprogramm nutzten. Aus anonymen Solidaritätsbekundungen für Wikileaks und Assange war plötzlich ein aktiver Angriff auf fremde Infrastrukturen geworden. Als ob Teilnehmer eines friedlichen Sitzstreiks damit begonnen hätten, aus der Gruppe heraus mit Steinen zu werfen.

    Pseudonyme gehören seit jeher zum Internet

    Anonymität an sich gehört seit jeher zum Internet. Schon in den Diskussionsgruppen der frühen 90er Jahre, den Newsgroups, war es üblich, sich nur unter Pseudonym zu Wort zu melden. Daran hat sich bis heute nur wenig geändert, sieht man von den sozialen Netzwerken wie Facebook oder Xing ab, die nur mit Realnamen funktionieren.

    Im Grunde ebenfalls nichts Neues ist die Nutzung der Anonymität im Internet zur ungestraften Meinungsäußerung. Regimegegner in China und dem Iran mit ihren hehren Motiven profitieren davon ebenso wie Soziopathen, die als sogenannte Trolle Blogs, Foren und andere Diskussions-Plattformen im Internet unsicher machen.

    Und doch nahmen die Aktionen der Wikileaks-Sympathisanten eine neue, bislang ungewohnte Dimension an. Ihren Ausgang hatten die Attacken auf der Internet-Plattform 4chan.org, auf der Nutzer Bilder und Kommentare unzensiert und anonym veröffentlichen können. Gibt der Betreffende beim Einstellen eines Beitrags keinen eigenen Namen an, wird stattdessen der Name "Anonymous" angezeigt.

    "Anonymous" nannte sich schließlich auch die lockere Gruppierung, die Anfang Dezember die Cyber-Angriffe gegen die vermeintlichen oder echten "Feinde" von Wikileaks verübte. Es war nicht das erste Mal, dass "Anonymous" aktiv wurde. In den vergangenen zwei Jahren hatten die anonymen Aktivisten auch mehrfach gegen Scientology protestiert. Der Zulauf war damals aber weitaus geringer als im Fall der Wikileaks-Aktionen, denen sich spontan Tausende Internetnutzer aus der ganzen Welt anschlossen. "Anonymous war bisher nicht in diesem Ausmaß politisch und hatte keine besonders starke Agenda oder Ethik. Dies verändert sich gerade dramatisch", stellte einer der Aktivisten kürzlich folgerichtig im Interview mit dem Fachportal heise.de fest.

    Die "Proteste per Mausklick" (heise.de) riefen angesichts ihrer fragwürdigen Methoden viele Kritiker auf den Plan. Da war etwa von einem "virtuellen Mob" die Rede: "Man erwartet eine Hackerarmee und trifft einen Haufen Chaoten", schrieb die Zeit. Es sei eine "Sache der Reife", sich an solchen Aktionen nicht zu beteiligen, erklärte auch der niederländische Hacker Rop Gonggrijp auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs.

    Aber lassen sich die Wikileaks-Aktionen wirklich so einfach abtun? Tatsache ist, dass Meinungsbildung gerade bei jüngeren Menschen heute zunehmend in der digitalen Welt stattfindet. Und damit auch politische Willensbekundung. Dank sozialer Netzwerke im Internet ist es so leicht wie nie, in kürzester Zeit Menschenmassen zu erreichen - und zu mobilisieren. "Nach der ersten Überraschung über die eigene Wirkungskraft erproben die Netze nun gezielt ihre politische Macht", stellte der Organisationspsychologe und Netzforscher Peter Kruse fest, als sich Zehntausende - meist junge - Menschen bei Facebook & Co organisierten, um für Joachim Gauck als Bundespräsidenten zu protestieren.

    Das Internet ist so politisch wie nie zuvor

    Umgekehrt rollen bisweilen aber auch Empörungswellen durch die virtuelle Welt - die dann von traditionellen Medien aufgenommen und auf die Agenda ihrer Berichterstattung gehoben werden: Der digitale Wutbürger verschafft sich durch Masse eine Stimme.

    Das kann schiefgehen, wenn die Anonymität - wie im Fall Wikileaks - für illegale Attacken missbraucht wird. Das kann aber auch gut sein, wenn zuvor unpolitische Nutzer motiviert werden, sich für gesellschaftliche Ziele einzusetzen.

    Das Internet, so viel steht fest, ist so politisch wie nie zuvor. Und "Anonymous" war nicht der Grund dafür. Es war nur eine Folge. Von Sascha Borowski

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