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24. August 2010 21:32 Uhr

11. September 2001

ZDF-Doku: Keine Verschwörung, sondern Nachlässigkeit

Das ZDF hat am Dienstag zur Primetime versucht, Licht ins Dunkle um die Anschläge vom 11. September zu bringen. Dieser Versuch ist gescheitert, vielmehr wurde Altbekanntes effekthascherisch neu inszeniert.

Am Ground Zero läuft der Wiederaufbau. Kritik gibt es derzeit vor allem wegen eines geplanten Moschee-Baus.
Foto: DPA

Primetime und das ZDF bringt eine Doku? Was ist da denn los? Neue Fakten zum 11. September sollten präsentiert werden, viele erwarteten eine Verschwörung. Was kam, war größtenteils bekannt und teils effekthascherisch in Szene gesetzt.

Die ZDF Doku "11. September - die wahre Geschichte" spürte in Teil 1 ("Es begann in Hamburg") der Frage nach, wie die Supermacht USA am 11. September 2001 Ziel eines verheerenden Anschlags auf das World Trade Center in New York werden konnte. Und das von Tätern, die kaum richtig fliegen konnten.

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Kursieren neben der offiziellen Version der Ereignisse hunderte Verschwörungstheorien über 9/11, unternahm die ZDF-Doku der beiden Spiegel-TV-Journalisten Florian Huber und Marc Brasse einen neuen Anlauf, das Unerklärbare doch zu erklären.

Im Zentrum steht wie in den großen Dramen der Menschheitsgeschichte fast immer ein menschlicher, allzumenschlicher Streit. Die These der Doku lautet: Weil die zwei entscheidenden Männer der Geheimdienste FBI und CIA Intimfeinde waren, kam es zur Katastrophe.

Die Hauptperson der Doku ist John Patrick O'Neill, Ex-FBI-Agent, intimster Kenner Bin Ladens und Kopf der Terror-Abwehr der USA. "Er war schon im Krieg, als alle anderen Staatsschützer noch im Tiefschlaf lagen", sagt etwa der französische Terror-Ermittler Jean-Charles Brisard. Kurz vor den Anschlägen verließ O'Neil das FBI und heuerte ausgerechnet im World Trade Center als Sicherheitschef an, wo er dann nur 19 Tage später bei den Flugzeug-Anschlägen tragisch ums Leben kam. Ein Fakt, der in vielen Verschwörungstheorien eine bedeutende Rolle einnimmt, die die ZDF Doku in dieser Weise jedoch nicht verfolgt. Dabei wäre die Tatsache, dass O'Neills Warnungen konsequent ignoriert wurden und er kurz vor den Anschlagen, bei denen er ums Leben kam, abserviert wurde, eine kritische Nachfrage wert gewesen. So hätten auch Verschwörungstheorien entkräftet werden können oder gar bestätigt. Dass amerikanische und andere westliche Geheimdienste die sich deutlich abzeichnende Gefahr fahrlässig unterschätzt hatten, ist jedoch schon lange eine Tatsache und keine Verschwörungstheorie mehr.

Die Doku verzichtet leider auf weitere, spannendere Fragen wie zum Beispiel: Warum wurde O'Neill kurz vor dem 11. September offensichtlich gemobbt? Wer stahl seinen Koffer mit Geheiminformationen, was ihm großen Ärger einbrachte? Weshalb unternahm die US-Regierung nie etwas gegen die drohende, den USA bekannte Gefahr aus dem Mittleren Osten? Dass Al Kaida überhaupt erst duch die USA zu dem wurde, was sie ist, verschweigt der Film zusätzlich. Die Doku macht Anspielungen, greift die nahesten Vermutungen aber konsequent nicht auf und gibt so natürlich keine Antworten.Die langweilige Doku war jedoch spannend inszeniert, was bei einer Beteiligung von TV-Historiker Guido Knopp absehbar war. Die Geschichte war denn weniger Doku als Doku-Soap, unterlegt mit Spannung erzeugender Musik. Die Szenen waren personalisiert und somit emotionalisiert - eine kritische Doku sieht anders aus.

So geht es dann um das Duell des FBI-Manns gegen den CIA-Kollegen Michael Scheuer, der neben O'Neill der einizge Mann in den USA gewesen sein dürfte, der ähnlich Bescheid wusste über Osama bin Laden und dessen Ziele. Doch der isolierte O'Neill und Scheuer hassten sich, pflegten eine innige Feindschaft, misstrauten sich und enthielten sich gegenseitig Informationen. Der lachende Dritte war Osama bin Laden.

Das, sagt der Terrorexperte Lawrence Wright, sei eine der Dramen der Geschichte: "Sie haben nicht nur nicht kooperiert, sie verbargen Informationen voreinander." So verpassten sie die große Chance, die Anschläge vom 11. September zu verhindern. Das, so die Meinung der Macher der Doku, wäre durchaus möglich gewesen. So aber scheiterte O'Neill an sich selbst und den Feinden im eigenen Lager.

Dennoch fragt sich der Zuschauer nach 45 Minuten, wofür die beiden Journalisten acht Monate Zeit brauchten, um diese wenigen Informationen zu sammeln, die im Kern auf die Aussage zurückzuführen sind: Wegen mangelnder Kooperation der Geheimdienste und einer lahmen US-Regierung konnte es erst zu den Anschlägen kommen. Dies aber, war schon hinlänglich bekannt, spannende und so nah liegende Anschlussfragen wurden keine gestellt. Den Querverweis auf den heute noch viel schlimmer aufgeblähten und ineffektiven Geheimdienstapparat der USA spart sich die Doku.

Außerdem begab sich die Dokumentation als zweites (überflüssiges) Thema auf die Spuren von Mohammed Atta und Ziad Jarrah. Jener jungen Männer, die es Anfang der 1990er Jahre aus dem Nahen Osten zum Studium nach Hamburg gezogen hatte und die am 11. September 2001 zu den Todespiloten zählten. Der Film beweist: Al Kaida hat den Anschlag auf die Twin Tower über Jahre geplant, das World Trade Center wurde schon Mitte der 90er Jahre als Anschlagsziel ausgespäht. Auch hier finden sich jedoch kaum Neuigkeiten, die Hamburger Geschichte wirkt vielmehr als Streckmittel, um überhaupt die 45 Minuten zu füllen. Der Zusammenhang zu O'Neill wird nicht sichtbar, die erzählte Geschichte üer Atta kennen Interessierte schon seit Jahren auswendig.

Die Doku-Macher Marc Brasse und Florian Huber versprachen "die wahre Geschichte". Eine vollmundige Ankündigung, die sie trotz achtmonatiger Recherche nicht halten konnten. Zu viele Hintergründe, die zur "wahren Geschichte" des 11. September gehören, werden nicht erzählt, ja nicht einmal angesprochen. Vielleicht ist das der Grund, warum eine Doku es doch einmal in das Hauptabendprogramm des ZDF geschafft hat.

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