Mit sechs Jahren wird Anne Dobbs erstmals missbraucht. Es war der Vater einer Freundin. Später ist es ein Onkel, der sich über Jahre an ihr vergeht. Sie wird bedroht, schämt sich, schweigt. Erst mit 14 Jahren wagt das Mädchen, sich Freunden anzuvertrauen. Doch mit der Anzeige bei der Polizei begann, wie sie sagt, erst die schwerste zeit ihres Lebens. Wer sie in dem Schwabinger Café sitzen sieht, hält sie für eine unbeschwerte junge Frau. Ihr Buch, das sie unter Pseudonym schrieb, bezeichnet sie als „Befreiungsschlag“.
Wie kam es dazu, dass Sie ein Buch über Ihr Martyrium schrieben?
Dobbs: Ich wollte schon immer ein Buch schreiben. Dass es so eines wird, habe ich mir natürlich nicht gedacht. Dieses Thema war eigentlich nicht als Buch geplant. Ich wollte meine Geschichte eigentlich nur für mich aufschreiben. Doch schnell merkte ich: Wenn ich ein Buch schreibe, dann das. Auch meine Freunde haben mich darin bestärkt. Ich hoffe, dass ich dem einen oder anderen damit einen Denkanstoß geben kann. Denn mich hat nicht nur der Missbrauch kaputtgemacht, sondern auch Polizei und Justiz erleichterten mir das Leben nicht.
Inwiefern?
Dobbs: Statt einer Frau vernahm mich ein überforderter Polizeibeamter. Außerdem wurde mir ein Gerichtsgutachter vorgesetzt, der mich nach meinen sexuellen Vorlieben befragte und wissen wollte, ob ich die Taten nicht indirekt provoziert hätte. Das hat mich schockiert.
Sie werfen der Gesellschaft vor, in Ihrem Fall versagt zu haben.
Dobbs: Ja, was mich in den Jahren entsetzt hat, ist die Tatsache, dass überall – ob in den Medien oder in Alltagsgesprächen – darüber geredet wird, wie schlimm so etwas ist. Aber outet man sich dann als Missbrauchsopfer, wird man im Stich gelassen, abgewiesen oder in eine Schublade gesteckt.
Was passierte mit den Tätern? Wurden Sie verurteilt?
Dobbs: Der Vater meiner Freundin wurde nach über vier Jahren Verhandlungs- und Ermittlungszeit zu einer Haftstrafe verurteilt. Das Verfahren gegen meinen Onkel wurde mangels Beweisen eingestellt. Bis heute wurde er für das, was er mir angetan hat, nicht verurteilt.
Wie kann es sein, dass Eltern vom jahrelangen Missbrauch nichts mitbekommen?
Dobbs: Das war tatsächlich so. Ich wollte auf gar keinen Fall, dass meine Eltern oder andere Familienangehörige von dem Missbrauch erfuhren. Ich liebte meine Eltern, Geschwister und Großeltern. Sie wollten stets das Beste für mich. Gerade deshalb brachte ich es nicht übers Herz, ihnen etwas zu erzählen. Ich fühlte mich schuldig. Und meine Angst vor dem Verlust der Familie war lange größer, als die vor den Übergriffen der Peiniger. Ich versteckte meine Gefühle und Wunden. Deshalb glaube ich nicht, dass die Eltern etwas ahnten.
Auch sonst fiel niemandem etwas auf?
Dobbs: Die Frau des zweiten Täters bekam durchaus mit, dass ich öfter mit ihrem Mann alleine im Zimmer war. Auch abgeschlossene Türen hätten ihr auffallen müssen. Zurückblickend betrachtet, glaube ich, es gab Indizien, um erahnen zu können, dass etwas nicht stimmte.
Können Sie eigentlich das Geschehene heute im Alltag ausblenden?
Dobbs: Weitgehend ja, nicht ganz. Ich finde es beispielsweise vor meinem Hintergrund sehr unangenehm, nachts mit der U-Bahn zu fahren. Und ich habe nach wie vor Schlafstörungen. Allerdings träume ich nicht mehr vom Geschehenen.
Wie soll Ihr Leben weitergehen?
Dobbs: Ich studiere Literaturwissenschaften. Nach dem Studium strebe ich irgendeinen Beruf in den Medien an. Tageszeitung fände ich ganz gut.
Warum schrieben Sie das Buch unter einem Pseudonym?
Dobbs: Ich tat es nicht, weil ich nicht zu der Geschichte stehe. Aber ich hielte es für falsch, wenn ich einen Job nur wegen meiner Vorgeschichte bekäme.
Ihre Geschichte hat ein Happy End.
Dobbs: Das ist richtig. Einen meiner Chatpartner, denen ich mich damals zuerst anvertraute, lernte ich irgendwann persönlich kennen. Heute leben wir zusammen und sind ein Paar. Ich war überrascht, dass ich nach alldem, was ich erlebt hatte, überhaupt noch jemanden aufrichtig lieben konnte. Aber er war der Erste, der meine Geschichte quasi von Anfang an miterlebte. Ich vertraue ihm heute bedingungslos.
Interview: Josef Karg