Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Feministin veröffentlicht Autobiografie: Alice Schwarzer war schon mit vier der Chef

Feministin veröffentlicht Autobiografie

Alice Schwarzer war schon mit vier der Chef

  • |
  • |
  • |
    Journalistin und Feministin Alice Schwarzer. (Archivbild), dpa
    Journalistin und Feministin Alice Schwarzer. (Archivbild), dpa

    Wäre sie heute vier, wäre sie ein "wildes Huhn": Bereits mit vier Jahren war Deutschlands berühmteste Feministin Alice Schwarzer "Familienchef". Das uneheliche Mädchen, das bei den Großeltern aufwuchs, war sehr früh selbständig, hatte eine Mädchenbande, schloss zwar die Handelsschule ab, doch dann stockte die Karriere. Also wurde Schwarzer mit 19 Au-Pair in Paris. Schwarzer gehört in Paris bald zum Kreis um die Philosophin und feministische Leitfigur Simone de Beauvoir. Sie fordern gleichen Lohn für Frauen und ein Recht auf Abtreibung. Prominente Frauen starten dazu 1971 eine Kampagne, die Schwarzer kurz darauf nach Deutschland importiert. Im "Stern" bekennen 374 Frauen: "Wir haben abgetrieben". Eine Provokation.

    Als sie 1974 endgültig zurück nach Deutschland kommt, beginnt ein schwieriges Verhältnis zu anderen Vertreterinnen der aufkeimenden Frauenbewegung: "Sicher, ich habe mit Impulsen, Aktionen und Veröffentlichungen zum Aufbruch der Frauen beigetragen." Zugleich sei sie aber "untypisch" gewesen. "Ein Import, der immer fremd blieb." Sie sei in den 70ern zur "Zielscheibe Nr. 1" geworden. Als "Schwanz-ab-Schwarzer" oder "Männerhasserin" wurde sie beschimpft, als sie mit ihrem Kampagnen Tabus brach. "Allerdings hat es neben allen Aggressionen auch immer sehr viel Zuneigung gegeben, von Anfang an. Sonst hätte ich das vermutlich gar nicht überlebt." Bis heute werde das "Hexen-Szenario" mit ihr durchgespielt.

    Schwarzer kann aber auch gut austeilen. In "Lebenslauf" ist zwar zu lesen: "Mit Frauen legen ich mich selten an." Durchaus feindselig attackierte die 68-Jährige aber Kristina Schröder (CDU), die als Familienministerin ungeeignet sei und besser als Pressesprecherin bei "rechtskonservativen Männerbünden" anheuern solle. Der Umgang mit TV-Moderatorin Lisa Ortgies, die 2008 "Emma"-Chefredakteurin werden sollte, aber rausflog, war ebenfalls rüde.

    Der erste Kuss: Volker. Die große Liebe: eine Frau

    Ihre Erinnerungen wirken offen, sind unterhaltsam, Selbstkritik gibt es kaum. Insgesamt ist Schwarzer zufrieden, betont, dass sie immer unabhängig geblieben sei und sich keinem Kollektivdruck gebeugt habe. Sie sei "in wechselnden Bündnissen" tätig gewesen, vor allem über die Zeitschrift "Emma", die in einem Kraftakt und mit den Erlösen aus ihrem Bestseller "Der kleine Unterschied" (1975) entstand.

    Bislang gab die 68-Jährige kaum Privates von sich preis. Jetzt beschreibt sie sich als energisch und unerschrocken, aber auch verletzlich. Es soll auch ein zweiter Teil der Biographie folgen. Schwarzer zeigt sich in Teil eins als eine Frau, die sich oft isoliert fühlte, der häufig niemand zur Seite sprang, wenn ihr bittere öffentliche Häme entgegenschlug. Sie zeichnet das Bild einer wissensdurstigen, aktiven Frau voller Tatendrang, die gerne feiert, viele Freunde hat. Ein Kontrast zu dem Image, das man Schwarzer heute gern verpasst - eine zeternde Besserwisserin und Einzelkämpferin, die andersdenkende Frauen öffentlich attackiert und starke Geschlechtsgenossinnen neben sich nur schwer erdulden kann. Und die Journalistin outet sich als jemand, der Männer und Frauen liebt. Der erste Kuss galt mit 14 Jahren dem rothaarigen Volker, die große Liebe war zehn Jahre lang Bruno aus Paris. Nach zwei Jahren mit Ursula folgt ihre zweite lange Liebesbeziehung: "Mit einer Frau. Mit ihr lebe ich bis heute weitgehend mein Beziehungsideal (...) Wir sind ein offenes Paar, aber kein öffentliches. Und so wird es bleiben."

    Ein Buch über den Fall Kachelmann

    Ihre zweite Lebenshälfte fehlt zwar in der Autobiografie, einen Schlenker in die jüngste Vergangenheit macht Schwarzer aber doch. Die Kritik an ihr wegen ihres Einsatzes für die "Bild"-Zeitung aus dem Prozess gegen Wettermoderator Jörg Kachelmann habe groteske Züge angenommen, meint die Journalistin. Tatsächlich hat die Rolle Schwarzer viel Renommee gekostet. Über den Fall Kachelmann plant sie ein Buch.

    Alice Schwarzer im Interview

    Warum endet Ihr "Lebenslauf" schon 1977, umfasst also nur Ihr halbes Leben?

    Schwarzer: "Es freut mich, dass Sie schon jetzt gespannt sind auf die zweite Hälfte! Das Buch geht bis 1977, vom ersten Tag Alice bis zum ersten Tag "Emma". Und das sind schon 370 Seiten, also mehr Stoff als genug. Und es sind die prägenden Jahre: Kindheit und Jugend, mein Aufbruch in die Welt. Und das Entstehen von Frauenbewegung und "Emma", wie es so genau aus dem Inneren noch nie erzählt wurde."

    Ging es Ihnen - nach den beschriebenen Diffamierungen und Zerrbildern - auch darum, Ihr öffentliches Bild zu korrigieren, die "richtige" Alice Schwarzer zu beschreiben?

    Schwarzer: "Klischees sind Klischees, die Realität eines Menschen ist immer anders, ist vielschichtiger. Ich denke, das wird auch in meiner Autobiografie klar, in der vieles steht, von dem die LeserInnen sehr überrascht sein werden. Ich weiß nicht, was die "richtige" Alice Schwarzer ist, eine Biografie ist ja immer eine Begegnung, der Blick eines Menschen auf einen anderen. Und eine Autobiografie ist die Begegnung mit sich selbst. Das Besondere daran ist, dass man sich natürlich selber am besten kennt. Aber man hat auch seinen eigenen Blick auf sich - jemand anders würde die Akzente bei einer Biografie über mich zweifellos anders setzen."

    Auch Ihre Kritiker leugnen nicht Ihre Verdienste, sehen aber Ihre Bedeutung schwinden und meinen, Sie erkennen die wahren Themen seit einigen Jahren nicht mehr. Leisten Sie denen nicht Vorschub, indem Sie Ihre Aktivitäten der letzten 35 Jahren gar nicht thematisieren?

    Schwarzer: "Im Gegenteil. Ich zeige auf, dass die großen Themen von heute schon gestern Thema waren. Fast alles, was heute als brandaktuell diskutiert wird, war bereits in den 1970er Jahren Thema nicht nur für mich: 1973 zum Beispiel habe ich ein Buch über die Unmöglichkeit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschrieben und den Konflikt der Mütter, ihr ewig schlechtes Gewissen. 1975 ein Buch über die Rolle von Sexualität und Liebe im Verhältnis der Geschlechter, den "kleinen Unterschied". Der wird nicht zufällig bis heute immer wieder neu aufgelegt."

    Sie schreiben: "Mit Frauen lege ich mich selten an, schon gar nicht öffentlich." Und das verwundert, wenn ich an Ihre Frontalangriffe etwa gegen Lisa Ortgies und vor allem Kristina Schröder denke.

    Schwarzer: "Ich gehe nicht davon aus, dass Männer immer unrecht haben - und Frauen immer recht. Ich nehme Frauen so ernst wie Männer. Und wenn ich etwas in der Sache zu kritisieren habe, dann tue ich das selbstverständlich auch dann, wenn eine Frau diese Sache vertritt. Zur Erinnerung: Mein sicherlich berühmtester Disput, der damals die ganze Nation beschäftigt hat, war das TV-Duell mit Esther Vilar anno 1975."

    Sind Sie von vielen Frauen rückblickend enttäuscht? Sind Frauen (noch immer) zu feige, sich mit anderen anzulegen?

    Schwarzer: "Nein, ich bin ganz und gar nicht von Frauen enttäuscht. Frauen sind auch nur Menschen. Und ich hatte noch nie Tendenz, Frauen zu idealisieren. Dass manche Frauen Angst davor haben, sich öffentlich kritisch zu äußern, verstehe ich sogar sehr gut. Diese Frauen sehen nicht zuletzt an meinem Exempel, was mit einer passiert, die den Mund aufmacht."

    Ihr Reporter-Einsatz aus dem Kachelmann-Prozess für die "Bild", die ihr Geld auch mit halbnackten Frauen macht, hat Sie viel Ansehen gekostet. Gehört so ein Thema nicht in eine Autobiografie?

    Schwarzer: "Wenn ich ausschließlich in feministisch korrekten Zeitungen und Zeitschriften schreiben wollte, dann bliebe mir nur "Emma". Denn mit einer Berichterstattung, die Frauen wirklich ernst nimmt, hat leider nicht nur "Bild" Probleme. Und meine Kommentare im Fall Kachelmann sind etwas, auf das ich wirklich stolz bin. Schließlich habe ich es gewagt, gegen eine breite Front extrem voreingenommener Leitmedien, die schon Monate vor Beginn des Prozesses genau wussten, dass Kachelmann unschuldig ist und die Ex-Freundin eine Lügnerin, gegenzuhalten. Und das nicht nur in "Emma", sondern auch in der Millionenauflage von "Bild". Aber nicht etwa, indem ich im Umkehrschluss behauptet hätte: Der Mann ist schuldig und die Frau ist sein Opfer. Sondern nur, indem ich gesagt habe: Es könnte auch sein, dass die Frau nicht lügt und er schuldig ist. Zu genau diesem Schluss sind dann nach zehn Monaten Verhandlung auch die Mannheimer Richter gekommen."

    Sie werden Ende nächsten Jahres 70. Ist dann Schluss mit "Emma" und mit dem Feminismus?

    Schwarzer: "Weder noch. Die "Emma" wird ja gottseidank von etlichen Schultern getragen. Und ich, ich bin ja keine Frau mit einem Amt. Ich werde denken, schreiben und handeln, so lange ich lebe." dpa

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden