Die meisten Opfer waren fast noch Kinder: Der Massenmord des offensichtlich verwirrten Rechtsradikalen Anders Behring Breivik an 76 wehrlosen Menschen in Norwegen erschüttert die Welt. Der christliche Fundamentalist richtete auf einer winzigen Ferieninsel nahe Oslo ein grauenhaftes Blutbad an. Er erschoss auf einem fröhlichen Jugendtreffen gegen Intoleranz und für ein friedliches Miteinander mindestens 68 Teilnehmer oder trieb sie im Wasser in den Tod. "Jeder lief um sein Leben und hat versucht, wegzuschwimmen", sagte der 21-jährige Camporganisator Adrian Pracon, der verletzt überlebte.
Fast eineinhalb Stunden schoss der Attentäter mit einem Schnellfeuergewehr gezielt auf die panischen Jugendlichen, die weder von der Insel Utøya fliehen noch auf schnelle Hilfe hoffen konnten. "Es sah aus, als habe er Spaß", sagte Augenzeuge Magnus Stenseth (18). Viele versuchten, sich zu verstecken oder die 700 Meter bis zum rettenden Ufer durch das kalte Wasser zu schwimmen. Eine Terroreinheit konnte erst kein geeignetes Boot auftreiben. Als die Polizei endlich auf der Insel eintraf, ließ sich der mittlerweile geständige Täter Anders Behring Breivik ohne Gegenwehr festnehmen. An diesem Montag soll gegen ihn Haftbefehl erlassen werden.
Vor dem Massaker hatte der 32-jährige Norweger im etwa 40 Kilometer entfernten Oslo mit einer selbstgebauten Autobombe Teile der Innenstadt in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Mindestens sieben Menschen wurden durch die Wucht der Explosion und Trümmer getötet. Das Büro von Ministerpräsident Jens Stoltenberg würde völlig verwüstet.
"Grausam, aber Notwendig"
Im Geständnis bezeichnete Breivik seine Taten als "grausam, aber notwendig". Keine drei Stunden vor dem ersten Anschlag hatte er ein wirres "Manifest" im Internet abgeschlossen: "Ich glaube, dies wird mein letzter Eintrag sein." Er wolle Europa vor "Marxismus und Islamisierung" retten. In dem Text stufte er "multikulturelle" Kräfte als Feind ein. Er beschrieb den Bau einer Bombe, erwähnte auch die Jugendorganisation. Niemandem habe er von seinen Plänen erzählt.
Seit dem Frühjahr hatte Breivik tonnenweise Kunstdünger gekauft, der zur Herstellung von Bomben geeignet war. Der Hobbyschütze hatte über Netzwerke im Internet Kontakte in die rechte Szene. Neun Jahre bereitete er die Tat laut seinem "Manifest" vor. Er soll nun auf seinen Geisteszustand untersucht werden. "Es ist ausgesprochen schwer für mich, eine vernünftige Zusammenfassung von dem zu geben, was er in dem Verhör gesagt hat", sagte sein Verteidiger Geir Lippestad. Die Ermittler gehen davon aus, dass er allein gehandelt hat. Die Beamten fürchteten, dass auch zwei Tage nach den Attentaten noch nicht alle Todesopfer entdeckt waren. Rund um Utøya suchtn Spezialisten nach mindestens vier Vermissten.
Die wehrlosen jungen Leute im Ferienlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF waren dem Täter arglos entgegengekommen. Er trug eine falsche Polizeiuniform. Als er auf die Teenager traf, hatten diese sich gerade versammelt, um mehr über den Anschlag zu erfahren, der nur kurz zuvor die nahe Hauptstadt erschüttert hatte. "Wir dachten, es wäre gut, die Polizei auf der Insel zu haben. Bis der Polizist plötzlich anfing, auf Leute zu schießen", sagte der Überlebende Pracon.
"Er schrie und jubelte"
Amokläufe: Von Texas über Winnenden bis Oslo
Der 1. August 1966 gilt als Auftakt der seitdem nicht mehr abgerissenen Serie von Amokläufen: An der Universität von Texas schießt ein Mann mehr als eine Stunde lang von einem Turm der Uni herunter auf Menschen. 14 Personen kommen ums Leben.
Am 16. Oktober 1991 bringt in Killeen (Texas) ein Mann in einem Café 23 Personen um. Anschließend richtet er sich selbst.
20. April 1999: Die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold stürmen die Columbine High School in Littleton in den USA. Sie töten dort zwölf Schüler und einen Lehrer. 24 weitere Personen werden verletzt. Danach richten sich die Amokläufer selbst. Diese Tat gilt als zweiter Auftakt von Amokläufen und als Beginn des Schul-Amoks.
Der erste Schulamok in Deutschland findet am 26. April 2002 statt: Am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt tötet der 19 Jahre alte Schüler Robert S. 16 Menschen. Danach richtet er sich selbst. Der Amokläufer war ein Jahr zuvor von der Schule verwiesen worden.
In Emsdetten schießt ein 18-Jähriger 20. November 2006 in seiner ehemaligen Schule um sich. Mehrere Menschen werden verletzt. Dann tötet sich der Täter selbst.
Am 16. April 2007 erschießt ein Mann an der Technischen Universität von Virginia 32 Menschen und verletzt 15 weitere. Es ist der folgenschwerste Amoklauf in der Geschichte der USA.
Der Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009: Der 17 Jahre alte Tim K. tötet 15 Menschen. Nachdem einer mehrstündigen Flucht vor der Polizei tötet er sich selbst.
Am 22. Juli 2011 lässt der spätere Amokläufer Anders Behring Brevik eine Autobombe in Oslo detonieren. Danach fährt er auf die nahegelegene Insel Utoya und tötet etwa 70 Jugendliche.
Bei einem Amoklauf im belgischen Lüttich tötet ein 33-jähriger Belgier am 13. Dezember 2011 sechs Menschen und verletzt 124 weitere Opfer.
In Serbien erschießt ein Mann im April 2013 insgesamt 13 Verwandte und Nachbarn, darunter sechs Frauen und ein kleines Kind.
Augenzeugen schilderten das schrecklichen Geschehen im Camp. "Ich hab ihn nicht gesehen, aber gehört. Er schrie und jubelte und gab mehrere Siegesrufe von sich", berichtete die 22-jährige Nicoline Bjerge Schie in der Online-Ausgabe der Zeitung "Dagbladet". Die junge Frau hatte sich mit Freunden hinter einem Felsen am Wasser versteckt.
Auch im Wasser feuerte der Schütze auf die wehrlosen, panischen Opfer. Teenager, die verletzt am Boden lagen, soll er mit Kopfschüssen regelrecht hingerichtet haben. Camp-Organisator Pracon sagte, auf ihn habe der Täter ruhig und kontrolliert gewirkt. Er selbst sei von einer Kugel an der Schulter getroffen worden. Anschließend habe er sich in den See geflüchtet, als Anders B. am Ufer auftauchte und erneut auf ihn zielte. "Ich flehte ihn an und er verschonte mich", schilderte der Jugendfunktionär die Begegnung. Campingtouristen, darunter Deutsche, kamen den Jugendlichen mit Booten zu Hilfe. "Als ich zehn aufgenommen hatte, war das Boot voll. Beinahe kenterte es. Zu bestimmen, wen ich mitnehmen sollte, war schrecklich", sagte Urlauberin Torill Hansen.
Ministerpräsident Stoltenberg sprach von der schlimmsten Katastrophe Norwegens seit dem Zweiten Weltkrieg. Er kennt die Insel aus seiner eigenen Teenagerzeit: "Utøya war das Paradies meiner Jugend. Gestern wurde es in eine Hölle verwandelt." Norwegens König Harald V. sprach von einem "Angriff auf unsere Gesellschaft und unsere Demokratie". dpa