Warum sich junge Tibeter aus Protest gegen die Regierung in Peking anzünden.

Ein junger Mann liegt auf der Straße, die Kleidung hängt ihm in Fetzen vom Leib, seine Beine scheinen zu rauchen. Er ist bedeckt mit weißem Staub, offenbar Feuerlöschpulver. Um ihn herum stehen Polizisten in Kampfmontur. Einer stürmt auf die Kamera zu und ruft: „Nicht filmen!“ Das 34-sekündige Handyvideo, das am Wochenende von Exiltibetern im Internet veröffentlicht wurde, soll Lobsang Konchok zeigen, einen 19-jährigen Mönch, der sich Ende September vor dem Kirti-Kloster in der Provinz Sichuan mit Benzin übergossen und angezündet hat.
Die Aufnahmen sind das jüngste Zeugnis einer Serie von Selbstverbrennungen, die eine neue Eskalation des Konflikts zwischen Tibetern und der chinesischen Regierung andeuten. Neun junge Tibeter haben sich seit März angezündet, mindestens fünf von ihnen starben. Zuletzt hat sich am 17. Oktober eine 20-jährige Nonne in der Region Ngaba in Osttibet verbrannt.
Die Taten seien „Ausdruck einer tiefen Verzweiflung und Unzufriedenheit“, urteilt die Organisation International Campaign for Tibet. Obwohl die Todeswilligen in keinem Fall mitteilen konnten, wogegen sie genau protestieren wollen, halten Exiltibeter es für offensichtlich, dass sie sich gegen die harschen Methoden richten, mit denen die chinesischen Behörden seit den Unruhen im Frühjahr 2008 für Ruhe zu sorgen versuchen.
Peking reagiert mit der üblichen Mischung aus verschärfter Kontrolle und Propaganda. In exiltibetischen Internetforen wird über eine neuerliche Verstärkung von Militär und Sicherheitskräften berichtet. In Klöstern ist von einer Kampagne „patriotischer Erziehung“ die Rede. Außenministeriumssprecherin Jiang Yu wirft dem Dalai Lama vor, die Menschen zu „Gewalt und getarntem Terrorismus“ anzustiften.
Die tibetische Exilregierung im indischen Dharamsala erklärt dagegen, dass sie die Selbstverbrennungen ausdrücklich nicht unterstütze, sondern als eine Form von Gewalt sehe, die der Buddhismus verbiete. Allerdings seien die Selbstmordversuche Ergebnis „verstärkter Repressionen in allen tibetischen Klöstern“, sagt ein Sprecher. „Die Tibeter in Tibet, die sich zu verbrennen versuchen, wollen die internationale Aufmerksamkeit auf die wirklich ernste Situation in Tibet lenken.“
Pekings Sorge ist groß, dass junge Tibeter sich mehr mit dem Dalai Lama identifizieren als mit der kommunistischen Partei. Deshalb will die Regierung möglichst selbst den Nachfolger des geistlichen Oberhaupts bestimmen. Der 76-jährige Dalai Lama hat kürzlich erklärt, er wolle sich noch 15 Jahre Zeit lassen, bevor er entscheide, ob er noch einmal wiedergeboren werden wolle. Gleichzeitig wird in Dharamsala aber die Möglichkeit diskutiert, dass er seine Reinkarnation noch zu Lebzeiten selbst auswählen könnte. Die Exiltibeter wollen dadurch vermeiden, dass Peking einen den Nachfolger kürt.
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