Der Ausstieg aus der Kernkraft ist beschlossene Sache – die finanziellen und technischen Konsequenzen dieser Entscheidung allerdings werden erst allmählich sichtbar. „Deutschland wird jetzt das Land in Europa, vielleicht sogar in der Welt, mit den höchsten Energiekosten“, fürchtet der stellvertretende Fraktionschef der Union, Arnold Vaatz. Bisher sei in keiner Weise erwiesen, dass Wind- und Sonnenenergie den Bedarf tatsächlich decken. Auch der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) ist skeptisch, ob die Bundesrepublik vom Jahr 2022 an ohne Atomkraft auskommt: „Wir werden ganz große Probleme haben, die Versorgungssicherheit herzustellen.“
Dazu braucht Deutschland vor allem ein modernes Stromnetz. Um die Windenergie von Nord- und Ostsee ohne größere Verluste in den wirtschaftsstarken Süden der Republik zu transportieren und einen wachsenden Anteil an Strom aus Wind, Sonne oder Biomasse ins Netz einspeisen zu können, sind nach einer Studie der Deutschen Energieagentur (Dena) innerhalb von zehn Jahren Investitionen von bis zu 29 Milliarden Euro nötig – je nachdem, für welche Technik sich Politik und Energiewirtschaft entscheiden. „Das fehlende Stromnetz“, hat der Chef der Agentur, Stephan Kohler, schon vor der Katastrophe von Fukushima gewarnt, „darf nicht zum Flaschenhals werden, der den Ausbau der erneuerbaren Energien bremst.“ Bisher wird der Strom vor allem in großen Kohle- und Atomkraftwerken erzeugt und von dort aus verteilt. In Zukunft soll er vor allem dezentral produziert und von Zigtausenden kleiner Wind- und Solaranlagen in ein deutlich kleinmaschigeres, spinnenartiges Netz eingespeist werden.
Ob klassische Hochspannungsleitung, teures Erdkabel oder eine Kombination aus beidem: Je nach Ausbauvariante müssen bis zum Jahr 2020 mehr als 6000 Kilometer an solchen „Strom-Autobahnen“ neu verlegt oder umgerüstet werden. Beim Einsatz moderner Hochtemperaturseile zum Beispiel, die bis zu 50 Prozent mehr Energie transportieren können, rechnet die Dena mit einem Bedarf von 1700 Kilometern an neuen Leitungen und der Umrüstung von 5700 Kilometern bestehender Trassen. Geschätzte Kosten: fast 1,7 Milliarden Euro pro Jahr.
Auch der Ausbau der Windenergie kommt trotz der umstrittenen „Verspargelung“ der Landschaft noch nicht so zügig voran, dass die Energiewende zum Selbstläufer wird. In der Ostsee hat Angela Merkel erst vor Kurzem den ersten Offshore-Park mit 21 Windrädern eröffnet, an der deutschen Nordseeküste ist ebenfalls erst eine Anlage in Betrieb, die jetzt allerdings ausgebaut werden soll. Viele der 21600 Windräder, die sich bisher an Land drehen, müssen in den nächsten Jahren überdies durch leistungsstärkere Mühlen ersetzt werden.
Höhere Subventionen für Windparks im Meer
Hier wie dort haben Betreiber und Investoren das gleiche Problem: In stürmischen Zeiten, wenn ihre Anlagen buchstäblich auf Hochtouren laufen, kann das bestehende Netz ihren Strom häufig nicht mehr aufnehmen. Immer wieder, klagt der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, müssten deshalb Windräder abgeschaltet werden. Erschwerend hinzu kommt, dass die Parks im Meer künftig stärker bezuschusst werden als Windräder an Land. Dies könnte, so fürchten die Grünen, den Umstieg auf erneuerbare Energien vor allem in Bayern und Baden-Württemberg behindern.
Um die Schwankungen auszugleichen, denen die Wind- und Sonnenenergie unterliegen, sollen nach dem Willen von Union und FDP Dutzende neuer Gaskraftwerke gebaut werden. Nicht immer jedoch geht das so schnell wie in Ingolstadt, der Heimat von Horst Seehofer. Hier lagen nach den Worten des CSU-Chefs zwischen der ersten Idee und der Inbetriebnahme lediglich fünf Jahre. In der Regel allerdings dauert es bis zu acht Jahre, ehe eine solche Anlage läuft. Sie lässt sich in Minuten hochfahren und liefert dann sofort Strom – zum Beispiel an schattigen oder windstillen Tagen.
Bis zum Jahr 2020 wollen Union und FDP außerdem zehn Prozent des bislang verbrauchten Stromes von mehr als 500 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr einsparen. In die energetische Sanierung von Gebäuden sollen dabei jedes Jahr 1,5 Milliarden Euro fließen. Das sind zwar gut 500 Millionen mehr als bisher. Nach Berechnungen der Dena allerdings wären aber fünf Milliarden Euro nötig, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen will. Wie wichtig der sparsamere Umgang mit Energie ist, zeigt nicht zuletzt eine Zahl: Heizung, Warmwasser und Beleuchtung von privaten und öffentlichen Gebäuden machen heute 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland aus.