Bradley Manning soll 250000 geheime Dateien an Wikileaks verraten haben. Wollte er damit Kriegsverbrechen öffentlich machen? Oder handelte er aus Hass?

Washington Das also ist der angebliche Whistleblower. Der Obergefreite, der 250000 geheime US-Dokumente ans Internet verraten haben soll. Der Mann, ohne den Wikileaks-Chef Julian Assange heute noch unbekannt wäre. Der 1,57 Meter kleine Obergefreite wirkt hager, und das schmale Gesicht unter der kräftigen schwarzen Brille kämpft mit Hautproblemen.
Der 24-jährige Bradley Manning trägt bei der Anhörung in Fort Meade Tarnanzug wie alle Militärs im Saal. Er verschwindet beinahe in den riesigen Ledersesseln der Verteidigung. Und er bemüht sich, konstruktiv zu wirken, sobald er angesprochen wird, aber abgesehen von Formalien zum Auftakt war das nie der Fall. Also blättert er in Unterlagen und dreht einen kleinen Stift zwischen den Fingern, das einzige Zeichen für Nervosität. Die Hand des Verteidigers streicht ihm zu Beginn des dritten Verhandlungstages ermutigend über den Rücken. Es ist nicht einfach nur ein soldatischer Klaps.
David Coombs ist auch nicht einfach nur ein Verteidiger. Der prominente Advokat hat selbst zwölf Jahre lang gedient und setzt von Anfang an auf Angriff. Den Ermittlungsrichter Paul Almanza, einen weich und vorsichtig wirkenden Offizier mit großer Brille, dessen Stimme bisweilen zum Flüstern herabsinkt, hatte er gleich am ersten Tag scharf attackiert. Er rügte nicht nur, dass Almanza beim Justizministerium angestellt ist, sondern nötigte ihn auch einzuräumen, dass in ebendiesem Ministerium eine Untersuchung gegen Wikileaks anhängig sei, jene Internetplattform, an die Manning die Dateien weitergereicht haben soll.
Coombs verlangte Almanzas Rückzug zugunsten eines Offiziers, an dessen Unvoreingenommenheit weniger Zweifel bestünden; der Tag verstrich in einem Wechsel aus Verhandlung und Unterbrechungen, in denen sich vor allem Almanza mehrfach beraten ließ. Er lehnte es schließlich ab, den Vorsitz niederzulegen, musste Coombs aber die Schlagzeilen in den Medien lassen, als dieser in den Saal rief: „Ist das alles, was wir hinbekommen?“
Die Spannung des Anfangs ist seither gewichen, auch weil die befürchteten Zwischenfälle im Publikum ausblieben. Almanzas Aufgabe ist nicht, Manning zu verurteilen, sondern zu prüfen, ob die Anklage genug Material hat, um einen Prozess zu rechtfertigen.
Manning ist wegen mehr als zwanzig Vergehen angeklagt, von denen das schwerste, „Unterstützung des Feindes“, mit der Todesstrafe geahndet werden kann. Die Anklage will im Höchstfall auf lebenslang plädieren. Allerdings weiß niemand, ob die Art der Dokumente und ihrer Verbreitung diesen Vorwurf am Ende hergibt. Außenministerin Hillary Clinton selbst hatte nach Bekanntwerden der Affäre bekundet, der Vorfall sei zwar peinlich, habe aber keine wesentlichen Auswirkungen auf die Außenpolitik gehabt.
Die Anklage versucht deshalb, Manning auch alle möglichen anderen Verstöße nachzuweisen: die Installation nicht genehmigter Programme auf seinem Rechner im Irak, wo er 2009 und 2010 den Datenklau gestartet haben soll, die Nutzung seines Computers zu arbeitsfremden Zwecken oder den Verstoß gegen Verschwiegenheitserklärungen. Zahlreiche Zeugen sollen das belegen: ehemalige Vorgesetzte, Kameraden, die denselben Computer benutzten, Systembetreuer. Als mehrere Zeugen, inklusive des verantwortlichen Systemadministrators, zugeben müssen, nie etwas gegen Musik, Videos und Spiele unternommen zu haben, obwohl das ebenfalls gegen die Regularien verstieß, fährt die Verteidigung zumindest einen Punktsieg ein. Natürlich wissen alle im Saal, dass das nicht dasselbe ist wie die Weitergabe von 250000 geheimen Dateien.
Aber weil niemand weiß, ob die Hauptvorwürfe zu halten sind, bauen beide Seiten vor – ein zähes Ringen, in dem Almanza mal den Einsprüchen der einen Seite recht gibt, mal denen der anderen. Er möchte nichts falsch machen, der Eindruck der Vorverurteilung ist ohnehin schon in der Welt, besonders seit Präsident Barack Obama sich zu der öffentlichen Aussage hinreißen ließ, Manning habe das Gesetz gebrochen. Weil Obama Oberbefehlshaber ist, sehen Kritiker darin auch eine Beeinflussung des Militärgerichts.
Mannings Unterstützer ließen sich vor allem zu dessen 24. Geburtstag am Samstag sehen: 300 Menschen demonstrierten vor dem Eingangstor von Fort Meade. Dass die Untersuchung gerade hier stattfindet, ist nicht ohne Ironie: Die Militärbasis ist der Sitz des größten amerikanischen Nachrichtendienstes NSA, dessen Hauptaufgabe die Enthüllung ausländischer Geheimnisse ist.
Im Gerichtssaal selbst haben nur etwa 40 Zuhörer Platz, viele Besucher und auch die meisten Medien müssen in anderen Gebäuden mit einer Übertragung vorliebnehmen. Unter den Glücklichen, die Zugang haben, sind im Morgengrauen angereiste Vertreter von Menschenrechtsgruppen und zwei Anwältinnen im Auftrag von Wikileaks-Chef Assange. „Ich weiß nicht, ob Manning das Gesetz gebrochen hat, sagt Jennifer Robinson (30) aus London in einer Pause.
„Wir sind hier, um herauszufinden, ob das Verfahren irgendwelche Bedeutung im Hinblick auf Julian Assange hat. Und Mr. Coombs hat gleich am Anfang für uns bestätigt, dass die USA höchstwahrscheinlich versuchen werden, Assange zu belangen.“ Dann sagt Robinson doch noch etwas zu Manning: „Wenn er wirklich die Quelle war, dann hat er Informationen über Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen enthüllt, die von massivem öffentlichen Interesse sind.“ Das sogenannte Apache-Video ist die bekannteste: Jene Aufnahme, auf der man sieht, wie eine US-Hubschrauberbesatzung unter Gelächter fliehende Zivilisten niedermäht. Dass Manning nicht nur hierfür die Quelle war, scheint offensichtlich – die Anklage hat Chatprotokolle auf den Tisch gelegt, in denen er sich unter dem Namen bradass87 selbst bezichtigt; die Verteidigung hat bislang nicht widersprochen.
Schwieriger ist die Frage des Motivs. „Ich will, dass die Menschen die Wahrheit erfahren“, steht in diesen Protokollen. Aber auch manches, was Hass auf die Armee und die Menschen erkennen lässt, mit denen er im Irak zusammenleben musste. Mannings Schwierigkeiten mit seiner Familie, die Probleme mit seiner Homosexualität zu einer Zeit, als diese im US-Militär noch verschwiegen werden mussten, eine bevorstehende Trennung, das alles war schon vor der Verhandlung Thema in den Medien.
Das Gerücht, er habe eine Geschlechtsumwandlung erwogen, wurde in Fort Meade bislang nicht aufgegriffen, aber Coombs gibt sich viel Mühe, den fragilen Gemütszustand seines Mandanten herauszuarbeiten.
Zeugen berichten von unkontrollierten Wutausbrüchen, umgeworfenen Stühlen und einem tätlichen Angriff auf eine Kameradin. Im Gericht bestätigten Kameraden, Manning habe keine Freunde gehabt; manche hätten zeitweise seinen Suizid befürchtet. „Ich bin ein Wrack“, heißt es in den Protokollen. „Ich sitze in der Wüste mit einem Haufen hypermaskuliner, schießwütiger, ignoranter Proleten als Nachbarn. Und der einzige sichere Platz, den es für mich zu geben scheint, ist diese Internet-Satelliten-Verbindung.“ Coombs versucht offenbar, dem Militär zumindest eine Mitschuld nachzuweisen. Die Strategie kann aber auch nach hinten losgehen: Ist Manning womöglich gar kein Idealist im Kampf für die Wahrheit, sondern einfach nur ein frustrierter Soldat, der sich rächen wollte?
Dass er nicht zielgerichtet etwa nur das Apache-Video kopierte, sondern gleich 250000 Dokumente auf einmal, scheint diese These zu stützen. „Das sehen auch viele seiner Anhänger so“, sagt Jeff Paterson. „Er hätte nur einzelne Dinge veröffentlichen sollen, skandalträchtige. Aber Manning hat ja die Sachen nicht einfach ins Internet gestellt, sondern sie Wikileaks zur Auswertung gegeben“, erklärt der 43-Jährige Gründer von „Courage to Resist“ (Mut, sich zu widersetzen), eine Organisation zur Unterstützung von Soldaten mit Gewissensproblemen. „Und Wikileaks hat sie auch nicht einfach veröffentlicht“, sagt Paterson weiter, „sondern internationalen Medien zugänglich gemacht. Der Guardian hat das Passwort öffentlich gemacht. Dort hat jemand Mist gebaut.“
Paterson war selbst im Gefängnis, weil er 1990 als Marine den Einsatz im Irak verweigerte. In Bezug auf Manning meint er: „Er hat schlechte Karten. Es hatten ja schon früh führende Politiker gesagt, dass sie die Todesstrafe wollen, dann hat sich Obama geäußert, und das Militär hat ihn unter folterähnlichen Bedingungen festgehalten, um klarzumachen: Egal, was im Gericht passiert, wir bestrafen ihn so oder so.“
Paterson fügt hinzu: „Aber es haben Tausende für seine Verteidigung gespendet. Ich denke, mehr als ein Drittel der Amerikaner sympathisieren mit Manning. Er ist jemand, der das Richtige tun wollte. Allerdings glaube ich nicht, dass er mit 21 wusste, was es bedeutet, dafür festgenommen zu werden.“
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