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Interview: Ein Schock, der nicht vergehen will

Interview

Ein Schock, der nicht vergehen will

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    Ort und Symbol des Unfassbaren: die norwegische Insel Utøya.
    Ort und Symbol des Unfassbaren: die norwegische Insel Utøya. Foto: Foto: afp

    Oslo Norwegen gedenkt am Sonntag der Opfer des Anschlags vom 22. Juli. Der norwegische Politologe Magnus Engen Marsdal von der Denkfabrik „Zentrum für Gesellschaftsanalyse“ in Oslo analysiert die Lage in seinem Land nach dem Massaker und spekuliert, wie es sich verändern könnte.

    Wie verhält sich Norwegen vier Wochen nach dem Massaker am nationalen Trauertag? Hat sich die Stimmung in Norwegen wieder normalisiert? Kann man schon voraussehen, wie sich das Massaker langfristig auf die Gesellschaft und die Politik auswirken wird?

    Marsdal: Es stehen alle immer noch unter einem unfassbaren, nahezu unwirklichen Schock. Zumindest kurzfristig hat sich viel verändert. Plötzlich haben die Leute so etwas wie subtile Angst etwa dabei, auf unser großes Rockkonzert bei Oslo zu gehen.

    Wird noch ein weiterer Terroranschlag befürchtet?

    Marsdal: Das schwingt mit. Gleichzeitig hat nun doch auch der Alltag angefangen, der Wahlkampf zu den Regionalwahlen im September hat begonnen und die Sommerferien sind für die meisten Norweger am letzten Montag zu Ende gegangen.

    Kann man zum Wahlkampfauftakt bereits erkennen, wie die Weichen für Norwegens Zukunft gestellt sind?

    Marsdal: Auffällig ist, wie sehr sich alle Parteien, von links bis zu der einwanderungsfeindlichen Fortschrittspartei, zurückhalten. Alle sind sich unsicher, wie die Wähler in diesem nationalen Ausnahmezustand reagieren werden. Keiner will sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Die Kommunalwahlen im September werden den Umfragen zufolge zugunsten der Sozialdemokraten entschieden. Die haben enorm zugelegt, die Rechtspopulisten haben stark verloren. Sie sind von einst 30 auf unter 15 Prozent gesunken. Langfristig ist aber unklar, was passiert. Derzeit öffnen wir uns gesellschaftlich und politisch den Einwanderern. Ob die positive Stimmung und der Zulauf bei den Sozialdemokraten – das gilt übrigens auch für die Nachwuchsorganisation – bis zu den nächsten Parlamentswahlen in zwei Jahren anhalten wird, ist schwer zu sagen. Aber die Partei hat aus heutiger Sicht gute Chancen, an der Regierung zu bleiben. Vor dem Massaker schien ein Machtwechsel hin zu einer Rechtskoalition, erstmals auch mit den Rechtspopulisten als Juniorpartner, sehr wahrscheinlich. Breivik hat letztlich wohl ausgerechnet der Partei, die er abgrundtief hasst, den Weg zum Wahlsieg in zwei Jahren freigemacht.

    Wie ist es mit den Muslimen, der Einwanderungspolitik und den Rechtspopulisten?

    Marsdal: Ich glaube nicht, dass die Sozialdemokraten, die sich vor dem Massaker in Richtung der Rechtspopulisten bewegt und eine restriktivere Einwanderungspolitik eingeschlagen haben, ihren Kurs ändern werden. Viele Muslime sagen allerdings, dass die Stimmung ihnen gegenüber derzeit spürbar besser geworden sei. Im Volk ist die Sympathie gewachsen. In Oslo werden Teezusammenkünfte von der islamischen Gemeinde organisiert, an denen interessierte Norweger teilnehmen können. Teilweise geht es uns heute in Norwegen so wie Ihnen in Deutschland in den 50er oder 60er Jahren. Es herrscht viel Unwissenheit. Außerhalb der Metropolen gibt es wenig orientalische Kultur, mit der wir normalen Norweger in Berührung kommen. Das Land ist noch sehr traditionell strukturiert. Die Wege zwischen neuen Staatsbürgern und alten kreuzen sich selten. Ich selbst habe fast ausschließlich enge Freunde aus meiner nordnorwegischen Heimat, obwohl ich Bücher über den Rechtspopulismus schreibe und mich für aufgeschlossen halte.

    Die Rechtspopulisten haben zumindest versprochen, keine Brandstifter-Reden mehr zu halten. Daran halten sie sich bis jetzt auch. Aber ich glaube, in zwei Jahren ist der Vorsatz wieder vergessen. Dabei hat eine somalische Frau islamischen Glaubens gerade die Vorsitzende der Rechtspopulisten, Siv Jensen, in Schutz genommen. Jemand hatte ein Bild von Jensen in Oslo an eine Wand gemalt und sie der terroristischen Brandstiftung bezichtigt. Die Somalierin hat das Bild überpinselt, weil man selbst mit Jensen so nicht umgehen dürfe. Doch alle wissen: Jensen warnt ständig von der schleichenden Islamisierung im Land und gibt den Sozialdemokraten die Schuld für Breiviks Verbrechen. Die Somalierin wird für ihren Großmut geliebt.

    Wenn die Somalierin ein so großes Herz für die Rechtspopulisten zeigt, werden diese vielleicht auch weicher in Einwanderungsfragen?

    Marsdal: Die Fortschrittspartei von Siv Jensen war lange die zweitstärkste Partei. Sie ist im Verhältnis zu anderen rechtspopulistischen Parteien Europas relativ moderat.

    Interview: André Anwar

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