Ein Acker im Schneesturm, Männer mit eisverklebten Gesichtern – so sieht Glück aus dieser Tage in den USA. Das 22-Seelen-Dorf, auf dessen Gemarkung Doug Dezort den Elementen trotzt, heißt nicht nur Fortuna.
Es macht seinem Namen auch alle Ehre. „Wo ich herkomme, bringt eine gute Ölquelle vielleicht zehn Barrel am Tag“, sagt der 54-Jährige. „Hier geht das in einer Stunde.“ Dezort drückt ein paar Knöpfe am Pumpturm und schmunzelt in seinen gefrorenen Bart hinein: „Oder schneller. Diese könnte sich auf 500 Barrel täglich einpendeln.“
Das ist Fracking
Fracking ist ein Verfahren zur Gewinnung von Erdgas aus Gesteinsporen. Bei dem «Hydraulic Fracturing» wird Gestein in 1000 bis 5000 Metern Tiefe mit hohem hydraulischen Druck aufgebrochen.
Beim Fracking wird in der Regel ein flüssiges Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Boden gepresst. Dadurch entstehen Risse im Gestein, durch die das Gas entweichen und über Bohrrohre an die Oberfläche gelangen kann.
Fracking ist daher umstritten. Umweltschützer befürchten eine Verunreinigung des Trinkwassers. Das Umweltbundesamt (UBA) sieht darüber hinaus Unsicherheiten durch den Chemikalieneinsatz - zum Beispiel bei der Entsorgung des anfallenden Abwassers (Flowback).
Fracking ist besonders in den USA wirtschaftlich und politisch interessant geworden, um unabhängiger von Erdöl- und Erdgaslieferungen aus dem Ausland zu werden.
Auch in Deutschland gibt es nennenswerte Vorkommen dieser unkonventionellen Erdgas-Lagerstätten. Man findet sie zum Beispiel in Schiefertonformationen, Kohleflözen und dichten Sandsteinformationen - unter anderem in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.
Studien gehen davon aus, dass der deutsche Gasbedarf mit den Vorkommen bis zu 27 Jahre lang gedeckt werden könnte. Allerdings gelten 14 Prozent der Fläche als Wasserschutzgebiete, somit ist das Förderpotenzial weit geringer.
Dezort ist aus dem neun Stunden entfernten Cut Bank in Montana angereist, um die Osterweiterung der Firma Mountainview Energy zu überwachen. Sie läuft wie geschmiert. Ein paar hundert Meter weiter wird eine zweite Quelle zum Pumpen vorbereitet, nächste Woche soll die dritte Bohrung beginnen. Seit neue Erschließungsverfahren die Energiebilanz der USA umgekrempelt haben, schießen überall im Land Förderanlagen aus dem Boden.
Hier suchen Menschen aus aller Welt ihr Glück
Quer durch die Bundesstaaten spucken bislang geschlossene Gesteinsformationen plötzlich Erdgas und Öl in rauen Mengen. Keine ist so ergiebig wie der Bakken im Westen von North Dakota. Auf mehrere hundert Milliarden Barrel werden die Reserven geschätzt. Wo früher eine flache Einöde an der kanadischen Grenze verdämmerte, suchen jetzt Menschen aus aller Welt ihr Glück.
Im Herbst ist der 700 000-Einwohner-Bundesstaat zum zweitgrößten Ölproduzenten hinter Texas aufgestiegen. Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass Amerika bis 2020 weltgrößter Erdölproduzent wird. Experten halten es für möglich, dass im Bakken mehr Öl liegt als im ganzen Rest des Landes zusammen.
„Erstaunlich süß, finden Sie nicht?“ In Williston, dem Epizentrum des Rausches, schwenkt Bürgermeister Ward Koeser das schwarze Gold in einem Marmeladeglas. Es ist dünnflüssig und riecht leicht betäubend, nicht unangenehm. „Rohöl aus dem Bakken“, sagt Koeser. „Einfach zu verarbeiten. Sehr gefragt.“
Die höchsten Gehälter im gesamten Bundesstaat
„Süß“ sind auch die Nebenwirkungen. „Von den Städten zwischen 10 000 und 50 000 Einwohnern gibt es keine in den USA, die so schnell wächst wie wir“, sagt Koeser. „Wir haben eine Arbeitslosigkeit von 0,7 Prozent. Wir haben die höchsten Gehälter im Bundesstaat.“
Während die öffentliche Hand fast überall in Schulden ertrinkt, steuert North Dakota auf einen Haushaltsüberschuss von vier Milliarden Dollar zu. „Und für die USA bietet der Boom die Möglichkeit, unabhängiger zu werden“, sagt Koeser. „Es ist nicht gut, wenn man Energie bei seinen Feinden kaufen muss.“
Dass im Schiefer von North Dakota Ölvorkommen schlummern, war seit Jahrzehnten bekannt. Ihre Erschließung gelang aber erst vor wenigen Jahren, als zwei traditionelle Verfahren kombiniert wurden: Horizontalbohrungen und das „Fracking“. Dabei kann man durch Sprengungen, mit Wasser und Chemie auch aus festen Steinformationen Brennstoffe gewinnen.
Eine Ölbohrung kostet bis zu zehn Millionen Dollar
Eine Ölbohrung im Bakken kostet zwischen sieben und zehn Millionen Dollar, nach sechs bis 18 Monaten ist das Geld oft schon wieder eingespielt. Je nach Einsatzbereitschaft können Ölarbeiter in North Dakota mit einem Jahresgehalt von 80 000 bis 120 000 Dollar rechnen, der US-Durchschnitt liegt bei gut 46 000.
Arbeitslose und Überschuldete packen diese Gelegenheit genauso beim Schopf wie Menschen, die nach der Immobilienkrise dachten, sie müssten ihr Haus aufgeben. Andere wollen schnell zu Wohlstand kommen. Fast alle sind Männer, die für einige Jahre die Heimat verlassen und Geld nach Hause schicken. „Ich finde es großartig, dass wir so vielen Menschen die Chance geben können, im Leben neu anzufangen“, sagt Koeser.
Die gute Tat hat jedoch ihren Preis. Innerhalb weniger Jahre ist die Bevölkerung von 12 000 auf 18 000 explodiert – die 7000 bis 8000 Arbeiter nicht mitgerechnet, die in „Man Camps“ aus Wohnwagen und Containern hausen. Bis 2017, hat die North Dakota State University ausgerechnet, muss Williston eine Infrastruktur für 50 000 Menschen auf die Beine stellen.
Die Straßen der gesamten Region leiden unter dem Schwerlastverkehr. Das katholische Mercy Medical Center hatte sich auf eine schrumpfende Kundschaft aus Senioren eingestellt. Jetzt werden Kreißsäle und OP-Kapazitäten für Arbeits- und Verkehrsunfälle aus dem Boden gestampft.
Mc Donald`s findet keine Mitarbeiter
Der unvermutete Ansturm schafft aber nicht nur logistische Probleme. Wer nicht in der Ölbranche arbeitet, findet kaum noch Wohnraum, seit Immobilienpreise sich vervielfacht haben. McDonald’s und Walmart zahlen bis zum Doppelten ihres normalen Lohns, können ihre Stellen aber genauso wenig besetzen wie Kliniken oder die Stadtverwaltung. Es gibt ohnehin kaum Frauen oder Teenager für die klassischen Dienstleistungsjobs.
„Man kann auf Man Camps keine Gemeinschaft errichten“, sagt Bürgermeister Koeser. Die Menschen sollen nicht nur vorübergehend kommen, sie sollen ihre Familien nachholen. Noch besteht das Ausgeh-Angebot aus Kino, zwei Stripklubs und ein paar Kneipen. Aber schon dieses Jahr wollen mehrere Restaurantketten eröffnen, ein Einkaufs- und ein Sportzentrum sind ebenfalls im Bau. „Mein Traum wäre, dass wir am Ende dieser ganzen Blase vielleicht 25 000 sind und immer noch eine großartige Lebensqualität haben“, sagt Koeser.
Am Ende der Blase – wann wird das sein? Schon zweimal war North Dakota Schauplatz eines Ölrausches, in den 50er und 80er Jahren. „Unsere größte Sorge ist, dass die Regierung in Washington ein Moratorium übers Fracking verhängt“, sagt der Bürgermeister. „Der Abstand zum Grundwasser ist hier riesig. Aber Washington ist nicht sehr bekannt für gesunden Menschenverstand.“ Immerhin: „Die großen Konzerne scheinen sicher zu sein. Sie machen riesige Investitionen.“
Die großen Konzerne haben lang andernorts gesucht, vor den Küsten etwa. Die Abbaurechte im Bakken befinden sich oft in der Hand kleinerer Unternehmen. Der norwegische Ölmulti Statoil hat eins davon eben für 4,4 Milliarden Dollar gekauft.
Da macht sich auch Patrick Montalban keine Sorgen, der Geschäftsführer der Firma Mountainview Energy, die in Fortuna ihr Glück gefunden hat: „Ich bin seit 35 Jahren im Geschäft, mein Vater seit 60“, sagt der 55-Jährige.
„Wir haben schon eine ganze Reihe Firmen gegründet. Aber diesmal soll es etwas Großes werden. Es ist eine fantastische Chance!“ In zwei bis drei Jahren soll der Börsenwert der Gesellschaft von 60 Millionen Dollar auf bis zu einer Milliarde klettern.
Nur wenige sehen den Boom skeptisch
Allein bei Fortuna, wo Doug Dezort die Produktion überwacht, will Montalban 84 Fördertürme errichten, 21 in den kommenden zwei Jahren. Insgesamt besitzt Mountainview in Montana und North Dakota Abbaurechte für 429 Quadratkilometer. Die Zukunft aber liegt im Bakken: „Der hält 30 bis 40 Jahre“, versichert Montalban.
Donny Nelson gehört zu den wenigen, die den Boom skeptisch sehen. Wie viele hier hat er norwegische Vorfahren; auf dem Land seiner Väter baut er Hartweizen an, Gerste, Erbsen und Mais. Gleich neben seiner selbst gebauten Lodge in dem 300-Einwohner-Dorf Keene grast eine Herde Hereford-Angus-Rinder. Farmer und Rancher haben die Landschaft geprägt, seit die Ureinwohner in Reservate gedrängt wurden. „Jetzt habe ich allerdings fast einen Schreibtischjob“, sagt der 49-Jährige.
„Jeden Tag ist irgendwas: Pipelines, Wegerecht, Strom – es kostet endlos Zeit.“ Nelson engagiert sich im Dakota Resource Council, einer Organisation, die für den Erhalt der Lebensgrundlagen eintritt. „Ich bin nicht gegen Öl“, stellt er klar. „Ich heize mein Haus, ich habe ein Auto. Ich möchte nur, dass es richtig gemacht wird.“
Nelsons Ländereien bieten beeindruckende Panoramen, weites Land auf einem Streifen von zwei mal 18 Meilen. Aber Öltürme zu verhindern ist selbst dann nicht einfach, wenn einem das Land gehört. Die Abbaurechte darunter werden nämlich getrennt gehandelt. Wenn eine Mehrheit der Eigner ihr Plazet gibt, ist es egal, wer die Oberfläche besitzt. Immerhin gibt es eine Entschädigung.
Seit an Stellen gebohrt wird, wo Nelson selbst Rechte hält, fließen auch Gewinne. Die meisten Förderstationen auf seinem Gelände sehen sehr sauber aus. Ja, sagt der Farmer, er habe es mit einem großen Konzern zu tun, „und je größer die Firma, desto sorgfältiger sind sie diesmal. Das war früher anders.“
North Dakota fackelt mehr als 30 Prozent seines Ausstoßes ab
Überall im Land leuchten hohe Erdgasflammen. Noch fehlt es an Kapazitäten, um die wertvolle Ressource aufzufangen; North Dakota fackelt mehr als 30 Prozent seines Ausstoßes ab. Vor allem mit den Politikern in der Hauptstadt Bismarck ist Nelson unzufrieden: „Man hätte versuchen können, Gesetze zu erlassen, bevor Tatsachen geschaffen sind.“ Die, die es gebe, würden nicht durchgesetzt.
Und natürlich sorgt sich der 49-Jährige ums Wasser. Zweieinhalb Kilometer Gestein liegen im Bakken zwischen Grundwasser und dem tieferen Öl, die Leitung nach oben wird von Beton und Stahl geschützt. „Aber Menschen machen Fehler“, sagt Nelson, „das ist nur eine Frage der Zeit.“
Es fallen Millionen Liter toxischen Abwassers an, das oft tief in der Erde entsorgt wird. „Wenn das wirklich nicht wieder hochkommt, fehlt die Flüssigkeit immer noch oben im Kreislauf“, gibt Nelson zu bedenken. Und wenn es zu Unfällen mit dem salzigen Gebräu kommt? „Da hilft nur Erde austauschen.“
Die Geologie soll genügend Sicherheit bieten
Die Industrie arbeitet an Recyclingmethoden, und die meisten Menschen hier glauben durchaus, dass die Geologie genügend Sicherheit bietet. Donny Nelson bezweifelt nur, dass Hektik hilft. Er fürchtet um seine vertraute Umgebung. „Ich weiß, wie es hier früher ausgesehen hat“, sagt er. „Zu meinen Lebzeiten wird es nie mehr so sein.“
In Nelsons Garage stehen allerdings auch drei Harley-Motorräder. Der stolze Besitzer zuckt die Schultern. „Natürlich bin ich gespalten. Wenn irgendjemand Ihnen erzählt, dass Geld sein Leben nicht verändert – selbstverständlich tut es das!“ Er würde gerne einen Teil seines Ölgelds aufgeben, wenn der Boom dafür geregelter verliefe, sagt er.
Aber alles? Nelson macht eine kurze, nachdenkliche Pause. Dann sagt er: „Ich würde es ungern verschwinden sehen. Sehr.“