Sein Weg führte ihn von Stuttgart nach Berlin - und nun wieder zurück. Am Sonntag haben die Stuttgarter den Grünen Fritz Kuhn zu ihrem Oberbürgermeister gewählt. Seinen Konkurrenten, den Kandidaten von CDU, FDP und Freien Wählern, Sebastian Turner (parteilos), ließ Kuhn im zweiten Wahlgang mit über sieben Prozentpunkten hinter sich. Schon wieder musste die Union im Südwesten damit Amt und Würden an die Grünen abtreten.
Fritz Kuhn: 52,9 Prozent der Stimmen für den Grünen
Am Ende setzte sich Fritz Kuhn deutlich an die Spitze. Mit 52,9 Prozent der Stimmen ließ er laut vorläufigem Ergebnis seinen Kontrahenten Turner hinter sich. Beim ersten Wahlgang vor zwei Wochen hatten beide erst zwei Prozentpunkte getrennt. Doch schon damals hatte sich Kuhn selbstbewusst gezeigt: "Wer Wahlergebnisse lesen kann, der weiß, dass wir in 14 Tagen gewinnen werden", hatte Kuhn nach dem ersten Wahlgang gesagt. Er sollte Recht behalten. Die Wähler hätten ihm das Vertrauen geschenkt, "darüber bin ich sehr froh und glücklich", sagte er am Sonntagabend.
Anfang Januar wird der 57-Jährige sein neues Amt im Rathaus der Landeshauptstadt übernehmen. Zwar wurde er im Norden Baden-Württembergs geboren und wuchs im bayerischen Memmingen auf, doch gerne betonte der studierte Sprachwissenschaftler während des Wahlkampfs, dass er gerade Stuttgart "viel zu verdanken" habe. Dort saß er in den 1980er und 1990er Jahren als Chef der Grünen-Fraktion im Landtag. Von dort aus startete er seine Berliner Karriere und wurde Bundesvorsitzender seiner Partei, dann Bundestagsabgeordneter, später Fraktionschef im Bundestag.
Wie beruflich, so wurden auch privat die Kuhn'schen Grundsteine in Schwaben gelegt: "In Stuttgart habe ich meine Frau kennen gelernt. Meine zwei Söhne sind in Stuttgart geboren", erzählte er kürzlich.
Kuhn: deutschlandweit der erste Grüne OB einer Landeshauptstadt
Die betonte Liebe zu Stuttgart trotz jahrelanger Abwesenheit hat Kuhn mit dem Wahlverlierer Turner gemein. Damit sind die Gemeinsamkeiten zwischen beiden aber auch schon erschöpft. Dass sie einander nicht viel abgewinnen, hatte sich schon länger angedeutet. Nach dem ersten Wahlgang war ein wahrer Kampf zwischen beiden entbrannt. Turner warf dem Grünen Unglaubwürdigkeit vor. Kuhn konterte und monierte eine "Schmähkampagne" Turners. Diese habe nicht gefruchtet, sagte Kuhn am Sonntag. "Die Wähler sind klüger als das negative Zerrbild, das von mir gezeichnet werden sollte."
Der Wahlausgang vom Sonntag ist aber noch mehr als nur ein Sieg des Kandidaten Kuhn über den Kandidaten Turner. Kuhn ist deutschlandweit der erste Grüne Rathauschef einer Landeshauptstadt - der CDU im Ländle haben er und seine Partei damit die dritte Niederlage in vier Jahren zugefügt.
Im Stuttgarter Gemeinderat hatte die CDU 34 Jahre lang die stärkste Fraktion gestellt. Seit 2009 aber ist die größte Fraktion grün. 2011 löste eine grün-rote Landesregierung unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) Schwarz-Gelb ab. Und nun hat die Union auch das Stuttgarter Rathaus an die Öko-Partei verloren, dessen Chef seit 1974 stets ein CDU-Parteibuch besaß.
Diesem Schicksal hatte die Union schon einmal entgegengebangt, war aber noch einmal davongekommen: Bei der Oberbürgermeisterwahl 1996 lagen der spätere Sieger Wolfgang Schuster (CDU) und der grüne Rezzo Schlauch dicht beieinander. Schlauch scheiterte im zweiten Wahlgang knapp, allerdings weniger an Schuster als an der SPD, deren Kandidat trotz aussichtsloser Position im zweiten Durchgang antrat. Dem Grünen gingen dadurch wichtige Stimmen verloren.
An Schlauchs Seite kämpfte damals Fritz Kuhn. Dasselbe Schicksal wie seinen Parteifreund konnte ihn am Sonntag schon deshalb nicht ereilen, weil die Bewerberin der SPD ihre Kandidatur nach dem ersten Wahlgang zurückgezogen hatte. Und die Stuttgarter Sozialdemokraten hatten sich sogar zu einer Wahlempfehlung hinreißen lassen - für Fritz Kuhn, den neuen Oberbürgermeister. AZ/afp