Sie sparen und sie sparen. Und geißeln sich nach vier harten Jahren mit einer weiteren Schrumpfkur. Wenn Irland heute die Haushaltskürzungen für 2012 bekannt gibt, wird Europas gefallener Wirtschaftsprimus sich erneut in Duldsamkeit üben. Der Ehrgeiz ist groß, als erstes Krisenland den Rettungsschirm zu verlassen.
14,5 Prozent der Iren sind arbeitslos
Weitere vier Milliarden Euro will Ministerpräsident Enda Kenny im nächsten Jahr aus der schwächelnden irischen Wirtschaft pressen. Kreative Mangelverwaltung ist da gefragt. 14,5 Prozent der Iren sind mittlerweile arbeitslos. Das Land hat nur wenig mehr Einwohner wie Berlin und München zusammen, schultert seit dem Kollaps seiner aufgeblähten Immobilienbranche jedoch das größte Staatsdefizit aller Industrienationen.
Um Geld in die Kasse zu spülen, will Finanzminister Michael Noonan jetzt die Mehrwertsteuer auf 23 Prozent anheben. Im Öffentlichen Dienst müssen die Angestellten mit einer Lohnabsenkung von 15 Prozent rechnen. Grund-, Erbschafts- und Kapitalertragssteuern werden eingeführt – für Irland ein Novum. Weiteres Potenzial haben die findigen Finanzbeamten in Dublin schon ausgemacht: Derzeit ist die kostenlose Wassernutzung auf der Insel lediglich ein amüsantes Kuriosum, schon bald aber Geschichte.
"Irland ist nicht Griechenland"
„Von allen schlechten Jungs sind die Iren die guten“, scherzt ein Beamter im Finanzministerium, „unser Ziel ist es aber, zu den schlechtesten der guten Jungs aufzusteigen. „Die Botschaft ist klar: Irland ist nicht Griechenland, und schon 2013 will die Insel, die als Erstes unter den Rettungsschirm geschlüpft ist, wieder selbstständig wirtschaften.
Doch die Euro-Krise droht den Musterschüler aus seiner ehrgeizigen Bahn zu werfen. Während in Brüssel über die richtige Finanzierung für Krisenstaaten im Süden debattiert wird, zittert man im Norden, wo die einzige Rettungsleine, die Irland hat, zu reißen droht: die Exportwirtschaft. 80 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung gewinnt die Insel durch ihre Ausfuhren. Schlittert der Kontinent in eine neue Rezession, verliert Irland einen seiner Hauptabsatzmärkte.
Deutsche Firmen in Irland profitieren
Arbeitsminister Richard Bruton appelliert deshalb an Berlin und mahnt zur Eile: „Europa muss einen sicheren Raum schaffen, in dem Krisenländer die notwendigen ökonomischen Reformen auch effektiv umsetzen können.“ Irland habe seine Hausaufgaben gemacht, aber bestehen könne es nur, wenn die starke Euro-Zone rasch verteidigt werde: „Die zwei Pferde müssen gemeinsam eingespannt werden.“
Es gibt allerdings auch Krisengewinner, zu denen vor allem die über 300 deutschen Firmen zählen, die in Irland investieren. „Geschäftsmieten sind um 30 bis 50 Prozent gesunken“, frohlockt etwa Sven Spollen-Behrens. Der Bonner Optiker hat im vergangenen Jahr zwei Filialen in Dublin eröffnet, acht weitere im ganzen Land sollen folgen. Es sei zwar schwierig, im Moment Kunden über die Türschwelle zu locken, aber für 2013 erhofft er sich ein besseres Klima: „Sobald die Zukunft heller strahlt, brauchen die Leute auch wieder Sonnenbrillen.“
21 Milliarden Schulden abgetragen
40 Prozent aller deutschen Firmen wollen nach einer Erhebung der irischen Auslandshandelskammer im kommenden Jahr Mitarbeiter einstellen, so auch der Software-Konzern SAP. Die Hälfte der Belegschaft hat er in den letzten drei Jahren angeheuert, 85 Stellen sind aktuell frei, 100 neue Mitarbeiter sollen 2012 gesucht werden. Dass die Gehälter aufgrund der Krise im Schnitt um 14 Prozent abgesenkt wurden, kommt den multinationalen Firmen gelegen: Irlands Lohndrückerei macht sie noch wettbewerbsfähiger.
21 Milliarden Euro Schulden haben die Iren schon abgetragen, zwölf Milliarden sind noch offen. Jedes Prozent Wachstum, das ausländische Investoren generieren, spült 800 Millionen Euro in den Staatssäckel. Doch die Prognosen für 2012 sind jüngst mehrfach nach unten korrigiert worden. Dass der keltische Tiger irgendwann wieder tanzen wird, daran besteht für viele Iren indes kein Zweifel. Dies ist nicht ihr erstes Comeback. Und es ist auch nicht ihre schwerste Krise.