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04. September 2010 08:12 Uhr

Migration und Integration

Kommentar: Sarrazins Deutschland

Hört man Thilo Sarrazin nur flüchtig zu, so wird man ihn missverstehen. Denn dann könnte man fast meinen, hier spreche einer endlich aus, was alle wissen, was sich aber kaum je einer zu sagen traut. Von Markus Günther

Hört man Thilo Sarrazin nur flüchtig zu, so wird man ihn missverstehen.

Denn dann könnte man fast meinen, hier rede endlich mal einer Klartext, hier spreche einer endlich aus, was alle wissen, was sich aber kaum je einer zu sagen traut: dass sich Deutschland dramatisch verändert, dass einiges vollkommen schiefläuft in diesem Land, dass eine neue Unterschicht entsteht und manches neue urbane Getto, dass das Gerede von der schönen multikulturellen Gesellschaft schrecklich naiv war und die Realität viel schwieriger und schmerzhafter ist, dass das Zusammenleben mit islamischen Migranten nicht etwa störungsfrei ist, sondern spannungs- und manchmal konfliktreich.

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Hört man aber genauer hin, so wird man Thilo Sarrazin anders verstehen: Hinter seinen Beobachtungen und Argumenten, die manchmal klug und richtig, manchmal arg zugespitzt und bisweilen völlig falsch sind, verbirgt sich eine gefährliche Ideologie. "Biologismus" hat Frank Schirrmacher das dieser Tage genannt, also eine ideelle Überhöhung der biologischen Vorgaben menschlichen Lebens, ein götzenhafter Glaube an das Diktat genetischer Voraussetzungen.

Einfacher gesagt: Sarrazin denkt nicht nur bei Juden an ein "bestimmtes Gen", er sieht das menschliche Leben überhaupt in einer genetischen Perspektive, in der das Erbmaterial besser oder schlechter ist, in der Menschen nützlich oder wertlos sind, jedenfalls aber intelligent oder dumm und schließlich: ein volkswirtschaftlicher Gewinn- oder Verlustposten.

Neu ist das alles nicht. Als die Genetik im 19. Jahrhundert wie ein neuer Kontinent entdeckt und in ersten Hauruck-Expeditionen grob erschlossen wurde, hatten Theorien dieser Art Weltkonjunktur. Schon Darwin selbst - heute unverständlicherweise als großer Aufklärer verehrt - verband die Nationalökonomie auf das Scheußlichste mit der Evolutionsgeschichte: "Abgesehen vom Fall des Menschen ist niemand so töricht, seine schlechtesten Tiere zur Zucht zuzulassen." Darwin warnte vor "Entartung".

Von da aus war es nur noch ein kleiner gedanklicher Schritt zu Nietzsches Forderung: "Ich lehre Euch den Übermenschen. Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll." Auch der Schritt zu Zwangssterilisation und Euthanasie, zu ethnischem Hass und systematischer Vernichtung von Menschen war nicht mehr groß.

Bei Weitem nicht nur Deutschland, auch andere Länder haben diesen Weg im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts eingeschlagen; aber kein Volk ist ihn so konsequent weitergegangen wie das deutsche. In diesen Tagen ist es 75 Jahre her, dass die Nürnberger Rassegesetze den "Schutz des deutschen Blutes" regeln sollten.

Thilo Sarrazin will kein Rassist sein und ist sich womöglich nicht einmal bewusst darüber, welche Bilder und Ängste ihn treiben. Geboren im Februar 1945 - also in dem Augenblick, in dem Deutschland in Schutt und Asche fiel -, ist Sarrazin auf bedrückende Art ein Kind jener Zeit geblieben. Er denkt Menschen in Rassen; er denkt Länder als Ergebnis von Blut und Boden; er definiert eine Nation als Volksgemeinschaft. Das alles hilft uns heute nicht weiter.

Deutschland war im Übrigen auch nie durch Geografie und Gene definiert, viel weniger als etwa Frankreich oder England. Deutschland war immer Sprach- und Kulturnation; Deutschland war und ist Werte- und Ideengemeinschaft.

Deshalb fordern die demografischen Veränderungen und die sozialen Verwerfungen dieser Jahre nicht nur zur Auseinandersetzung mit Migranten und Muslimen, sondern vor allem zur Auseinandersetzung mit uns selbst heraus: Was heißt es denn eigentlich, Deutscher zu sein? Was sind die Werte und Traditionen, die glaubhaft gelebt, überzeugend vermittelt und leidenschaftlich verteidigt werden sollen?

Sarrazins Deutschland ist ein historisches Missverständnis. Deutschland in den Grenzen von 2010 - das ist eben kein genetischer und geografischer, sondern ein gedanklicher Raum. Diesen Raum zu füllen, ist die eigentliche Herausforderung. Denn eine Selbstvergewisserung, bei der sich die Deutschen auf die Werte der Aufklärung, auf Freiheit und Toleranz, vor allem aber auf ein christliches Menschenbild und ihre christlich-jüdische Kulturtradition besinnen würden, hätte eine machtvolle integrierende Wirkung auch auf Migranten völlig fremder Kulturkreise.

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