Donnerstag, 18. Januar 2018

24. November 2011 14:18 Uhr

Nachruf für Liedermacher

Ludwig Hirsch: Sternderl schaun

Mit dem Tod von Ludwig Hirsch neigt sich die Ära der österreichischen Liedermacher langsam dem Ende zu.

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Ludwig Hirsch ist tot.
Foto: Herbert Neubauer dpa

Wenn ein Mensch zeitlebens mit dem Tod gewissermaßen per Du war, dann er. Ludwig Hirsch hat das Unausweichliche schon früh in eine unvergleichliche Poesie gewandet. „Dunkelgraue Lieder“ war die Platte, mit der dem Wiener 1978 der Durchbruch gelang. Kurz darauf folgte „Komm großer schwarzer Vogel“. Das Düstere begleitete seine gesamte Karriere. Und im Nachhinein scheint es, als hätte er selbst sein eigenes Ende längst vorausgeahnt. Hirsch titelte seine Tour im Herbst vergangenen Jahres: „Vielleicht – zum letzten Mal.“ Seit gestern ist seine markante warme und dunkle Stimme tatsächlich und doch überraschend verstummt.

Die Hintergründe des Todes kommen erst langsam ans Tageslicht. Am Abend sagte ein Polizeisprecher, der Chansonnier habe sich am Morgen gegen 7 Uhr aus dem zweiten Stock des Wiener Wilhelminenspitals gestürzt. Suizid, vermutet man. In der Klinik war er nach Angaben seines Managements wegen einer Lungenentzündung behandelt worden. Hirsch habe Lungenkrebs gehabt, so die Polizei. Ob sein Kettenrauchen die Ursache der Krankheit war, die ihn schon mit 65 Jahren hat gehen lassen? Die Frage ist nachrangig.

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Seine Texte gehen unter die Haut

Morbid, sarkastisch, zärtlich – nur wenige Liedermacher hatten einen so typischen schwarzen Wiener Humor wie Hirsch, obgleich er selbst gebürtiger Steirer war. Seine oftmals makabren, hintergründigen Texte gehen den Leuten unter die Haut. Jetzt, rückblickend, fühlen sie sich noch intensiver an: Wenn er in „I lieg am Ruckn“ davon singt, wie einer im Sarg liegend die ersten Würmer spürt, läuft einem ein Schauder über den Rücken. Da wünscht man ihm, dass sein „Sternderl schaun“ wahr wurde, in dem es heißt: „Wann mir irgendwann das Auge bricht, dann flutsch ich rauf zu unserm Stern. Woaß’d, wos ich glaub? Do oben gibt’s keine Tränen. Das tut so gut.“ Ja, so muss es sein, wenn ein Poet stirbt. Hirsch schrieb das Lied vor ziemlich genau 20 Jahren. Es war, wie so viele seiner Werke, in Österreich ein Hit. Mit der Single „Gel’, du magst mi“ eroberte er sogar die Hitparadenspitze.

Komm großer schwarzer Vogel, komm jetzt! / Schau, das Fenster ist weit offen, / schau, ich hab Dir Zucker auf’s Fensterbrett g’straht. / Komm großer schwarzer Vogel, komm zu mir! / Spann’ Deine weiten, sanften Flügel aus / und leg’s auf meine Fieberaugen! / Bitte, hol mich weg von da! / Und dann fliegen wir rauf, / mit in Himmel rein, / in a neue Zeit, in a neue Welt...

Dabei legte der Künstler immer Wert auf seine Eigenständigkeit: „Vorbilder im eigentlichen Sinn“, sagte er einmal in einem Interview, „hab’ ich keine. Ich mag Pink Floyd, Leonard Cohen und im Prinzip alle, die etwas zu sagen haben.“

Zu sagen hatte auch er mehr als 30 Jahre lang eine Menge. 22 Alben kamen dabei heraus. Noch vergangenes Jahr dachte Hirsch darüber nach, in diesem Herbst an einem neuen arbeiten zu wollen.

Der Märchenerzähler Ludwig Hirsch

Mit seiner Musik wollte er die Menschen immer wieder zum Träumen und Staunen bringen und ihnen dabei „ein wenig in die Wadeln zwicken“. Gerne schrieb der Sänger, der mit der Schauspielerin Cornelia Köndgen verheiratet war, über Verlierer und Außenseiter der Gesellschaft. Er fühlte sich selbst als Märchenerzähler: „Geschichten erfinden, die Menschen auf eine Abenteuerreise mitnehmen – das ist meine Art, Musik zu machen.“ Aber auch als Schauspieler feierte Hirsch bis zuletzt Erfolge.

Die Wiener Kulturszene, die Freunde und die Fans des Künstlers zeigten sich vom Tode Hirschs tief betroffen. „Wie lacht der Wind, wie weint der Regen...“, schrieb ein Bewunderer des Künstlers auf eine Kondolenzseite im Internet. Kulturministerin Claudia Schmied sagte, Österreich verliere „eine wichtige Stimme der Gegenkultur“.

Danzer ist tot, jetzt auch Hirsch: Wer von den Liedermacher-Heroen im Nachbarland ist übrig geblieben? Wolfgang Ambros noch und Rainhard Fendrich. Von Nachwuchs in Wien kaum eine Spur. Die Ära der Wiener Liedermacher neigt sich dem Ende zu. Schade.

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Ein Artikel von
Josef Karg

Augsburger Allgemeine
Ressort: Bayern und Welt



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