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Der Fall Strauss Kahn und die Franzosen: Macht und Moral

Der Fall Strauss Kahn und die Franzosen

Macht und Moral

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    Ein Leben voller Skandale und Affären: Nun ist die Karriere von «DSK» zu Ende. dpa
    Ein Leben voller Skandale und Affären: Nun ist die Karriere von «DSK» zu Ende. dpa

    Als hätte Christine Lagarde es geahnt. Ein „weniger sexueller Ansatz“ in der Politik könne manchmal durchaus hilfreich sein, hat die französische Finanzministerin ironisch lächelnd in einem Interview mit dem US-Sender ABC gesagt. Ohne verallgemeinern zu wollen – aber Frauen brächten weniger Testosteron und Libido mit ein.

    Das war im Oktober 2010, am Rande der Jahresversammlung des Internationalen Währungsfonds. Heute gilt Lagarde als aussichtsreiche Kandidatin für den IWF-Chefsessel und damit als Nachfolgerin des Mannes, der im Verdacht steht, eben über seine unkontrollierbare Libido gestolpert zu sein.

    Ob die amerikanische Justiz Dominique Strauss-Kahn der versuchten Vergewaltigung eines New Yorker Zimmermädchens für schuldig erachten oder den Vorwurf als heimtückisches Komplott, zumindest nicht beweisbar einordnen wird – der einstige IWF-Chef ist politisch und gesellschaftlich erledigt. Auch weil er eine verhängnisvolle, ungesunde Verknüpfung von Sex und Macht verkörpert. Und weil man neuerdings darüber spricht, und zwar ausführlich. Auch eine gute Woche nach der Festnahme des bisher beliebtesten Politikers steht Frankreich unter einem dreifachen Schock.

    Da ist zum einen das Gefühl der Erniedrigung. Ausgelöst haben es die Fotos, die DSK unrasiert, übernächtigt und in Handschellen zeigten. „Außer dem mutmaßlichen Opfer, dem Zimmermädchen, gibt es ein nachweisliches Opfer, und zwar Frankreich“, sprach Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet als Erste eine Sorge vieler Franzosen aus: Was sollen die anderen von uns denken? Die so stolze, selbstbewusste Nation fürchtet um ihr Ansehen in der Welt, die boshaften Titelblätter amerikanischer Zeitungen verletzen sie tief. Christine Lagarde mit ihrem zumindest persönlich einwandfreien Ruf wäre auch gerne gesehen an der Spitze des IWF, um den Image-Schaden von DSK wiedergutzumachen.

    Zum Zweiten wurde binnen weniger Stunden aus dem großen Hoffnungsträger nicht nur der französischen Sozialisten, sondern auch vieler Sarkozy-Müden ein möglicher Sexualverbrecher – und damit unwählbar. Sein großer Vertrauensvorschuss erklärt, warum 57 Prozent der Franzosen lieber an ein Komplott glauben als an den schwer lastenden Vorwurf. Ein charismatischer, brillanter Rhetoriker, ein charmanter, gewandter Weltbürger – DSK erschien als der perfekte Kandidat für die Präsidentschaftswahl 2012. Sein offen praktizierter „Don-Juanismus“, wie es nun heißt, kam ihm sogar zupass. „Politiker müssen verführen können“, sagte seine Frau Anne Sinclair. Ohnehin sind die Franzosen die Vielweiberei ihrer Politiker gewohnt.

    Diese Tatsache aber bringt sie zu einem dritten Schock, der sich nun als große Medien- und Selbstkritik äußert: Wie geht die französische Öffentlichkeit eigentlich mit ihren Mächtigen und deren Skandalen um? Warum schwiegen die Journalisten über die Verquickung von Sex und Macht, die sich jetzt angegriffen fühlen von den skrupelloseren angelsächsischen Kollegen?

    Plötzlich will jeder von Strauss-Kahns möglicherweise pathologischen „kleinen Schwäche“ gewusst haben. Als Eigenart eines unverbesserlichen Frauenhelden wurde sie bislang akzeptiert, ja bewundert. Biograf Michel Taubmann sah ihn eher als Opfer seines eigenen Sex-Appeals: „DSK liebt die Frauen. Aber die Frauen lieben ihn auch.“

    Erst jetzt, wo die klare Grenze zwischen Galanterie und einer Straf- und Gewalttat gezogen werden muss, erscheinen auch frühere Affären in einem anderen Licht. Galt die Liebelei mit einer ungarischen IWF-Mitarbeiterin 2008 als gegenseitig, taucht nun ihr Brief an den IWF auf, in dem sie über seine zudringlichen Avancen klagt.

    Die Journalistin Tristane Banon wird erst jetzt angehört, die zwar mehrmals öffentlich von einer Sex-Attacke berichtet hat, aber nicht klagte – ihre Mutter, eine Parteifreundin Strauss-Kahns, riet ihr ab. Die Sozialistin Aurélie Filipetti sagt, er habe sie so aggressiv angebaggert, dass sie es vermied, alleine mit ihm zu sein. Aber warum sagt sie es erst jetzt? Und schon 2007, als Strauss-Kahn Chef des IWF wurde, warnte der Journalist Jean Quatremer in seinem Internet-Blog vor dessen berüchtigtem Umgang mit Frauen. Frankreich könne sich keinen Skandal erlauben, sagte er. Quatremer erhielt eine Rüge.

    Frankreichs Medienrecht sieht einen strengen Persönlichkeitsschutz vor. Die Amouren ihrer Politiker rechneten die Menschen stets dem Privatleben zu, das sie respektvoll schützten. „Die Information hört auf der Schwelle zum Schlafzimmer auf“, lautet sogar die Devise des Enthüllungsblattes Le Canard Enchaîné. So konnte der einstige Präsident François Mitterrand jahrelang auf Staatskosten mit zwei Familien leben, ehe er sich öffentlich zu seiner Geliebten Anne Pingeot und Tochter Mazarine bekannte. Die Journaille wusste es und schwieg doch in erstaunlicher Einigkeit, auch über Mitterrands weitere Affären. Es gilt als legendär, dass Valérie Giscard d’Estaing 1974 im Morgengrauen mit einem Milchlaster zusammenstieß, nachdem er von einem Schäferstündchen zurückkam. Und auf die Frage, warum Jacques Chirac in der Nacht, als Lady Di tödlich in Paris verunglückte, nicht erreichbar war, antwortete seine Frau Bernadette: „Woher soll ich denn wissen, wo mein Mann seine Nächte verbringt?“ Schon Präsident Félix Faure soll 1899 in den Armen seiner Geliebten gestorben sein, weil sein Aphrodisiakum zu hoch dosiert war.

    Geschichten, über die in Paris geschmunzelt und dann galant geschwiegen wird. Das galt auch für die Ehe-Turbulenzen Nicolas Sarkozys mit seiner zweiten Frau Cécilia, die er ebenfalls betrogen haben soll. Dass diese dunkle Episode nun in dem in Cannes gezeigten Film „La Conquête“ („Die Eroberung“) beschrieben wird, ist neu und damit erklärbar, dass Sarkozy sein Privatleben selbst großzügig zur Schau stellt und Carla Bruni wie eine Trophäe präsentiert.

    Die Journalisten Christophe Deloire und Christophe Dubois benennen in ihrem Buch „Sexus Politicus“ eine französische Tradition, die auf die Monarchie zurückgehe: „Viele Frauen zu haben ist ein Macht-Attribut.“ Ausgerechnet in der Republik, die seit der Revolution die Gleichheit der Bürger einen ihrer Grundpfeiler nennt, gelten für die Mächtigen Sonderrechte. Das geht von zahlreichen Privilegien und Statussymbolen bis zu einer Sonderbehandlung durch die Medien und die Justiz. Auch untereinander hält die Machtelite zusammen. So erhielt DSK sofort prominente Unterstützung, noch bevor die Fakten bekannt waren, ob vom ehemaligen Justizminister Robert Badinter, der die „mediale Hinrichtung“ anprangerte, bis hin zum einstigen Kulturminister Jack Lang, der beschwichtigte, es sei doch „niemand gestorben“. Dass er eigentlich nur sagen wollte, dass ein Verdächtiger in den USA meist sofort auf Kaution freikommt, sofern es keine Toten gibt, ging unter. Frauenrechtlerinnen werfen ihm nun vor, die schwere Straftat der versuchten Vergewaltigung zu minimalisieren. Sie fordern, aufzuräumen mit dem tief verwurzelten „Sexismus“ in der französischen Gesellschaft – und werden mehr gehört als je zuvor.

    Es scheint etwas in Bewegung zu kommen. Ein Schock kann auch heilsam sein.

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