Letzten Endes“, hat US-Präsident Barack Obama 2010 bekannt, „ist es immer Michelle – ihre moralische Stimme, ihr moralisches Zentrum –, die durch den ganzen Lärm in Washington dringt und mich daran erinnert, was meine eigentliche Aufgabe ist.“ Die Rolle der First Lady wird in den USA heiß diskutiert, seit die New-York-Times-Korrespondentin Jodi Kantor ihr Buch „Die Obamas“ veröffentlicht hat. Die Hauptthese darin: Michelle habe unter ihrer Rolle lange gelitten.
Dass Michelle im Weißen Haus nicht einfach nur Blumen arrangiert, kann niemanden überraschen, der ihre Vita kennt. Die Präsidentengattin ist in den Armenvierteln Chicagos aufgewachsen und kann ihre Vorfahren bis zu den Sklaven zurückverfolgen; ihre Eltern waren einfache Arbeiter. Obwohl der Vater an multipler Sklerose litt, ermöglichte die Familie Robinson Michelle und ihrem Bruder den Besuch der Eliteuniversität Princeton – Michelle schrieb sich für Soziologie und afroamerikanische Studien ein. Mit einem rechtswissenschaftlichen Berufsdoktorat schloss sie ihre Ausbildung 1988 in Harvard ab. Die Hoffnung auf sozialen Wandel verband sie mit ihrem späteren Mann, den sie in einer Kanzlei kennenlernte und 1992 heiratete. Beide waren von der Klugheit des jeweils anderen beeindruckt, aber während Barack an die Veränderbarkeit der Gesellschaft durch Politik glaubte, setzte Michelle eher auf Hilfen vor Ort. Auf seinem Weg ins Weiße Haus hat sie ihn trotzdem unterstützt – wenn man den jüngsten Enthüllungen glauben darf, auch gegen seinen Widerstand: Wer Politik machen will, muss nach deren Regeln spielen und darf sich für Fotos und öffentliche Gefühle nicht zu schade sein.
Perfektionistisch war sie auch sich selbst gegenüber. Einerseits wollte sie als erste schwarze First Lady den Klischees ein elegantes, modernes Image entgegensetzen. Andererseits wurde sie für teure Designerstücke kritisiert, während die Wirtschaft auf Talfahrt war.
Dass Michelle sich aus politischen Diskussionen öffentlich herausgehalten hat, zahlt sich längst aus. Ihr Einsatz für Armutsbekämpfung und gesunde Ernährung kommt hervorragend an, und Familienfotos mit ihr und den Töchtern Malia (13) und Sasha (10) sind auch dann noch für Sympathiepunkte gut, wenn die Umfragen sonst nachgeben.
Auch für Jodi Kantor hat Michelle ihre Rolle gefunden: Während Barack sich mit den grauen Details des Alltags plagt, bewahrt Michelle den Glanz der ursprünglichen Obama-Tugenden: die Wahrnehmung, dass die beiden anders sind als ihre Vorgänger, zugängliche Vorbilder, Symbole für Hoffnung und Veränderung. Gestern wurde die „First Mom“ 48 Jahre alt. Jens Schmitz