Das Bild des toten Gaddafi ging in den letzten Tagen vielfach durch die Welt. Unklar blieb aber, ob der 69-Jährige bei einem Feuergefecht starb oder exekutiert wurde. Wenige Stunden vor den Feierlichkeiten zur Befreiung des Landes gab der oberste Gerichtsmediziner Libyens nun bekannt, Gaddafi sei durch einen Kopfschuss ums Leben gekommen.
Gaddafi war am Donnerstag bei der Eroberung seiner Heimatstadt Sirte zunächst lebend gefangen genommen worden, wie Videoaufnahmen zeigen. Der Gerichtsmediziner Othman al Sintani sagte am Sonntag, er werde den vollständigen Autopsiebericht im Fall Gaddafi an die Staatsanwaltschaft übergeben.
Unklarheit über die genauen Todesumstände Gaddafis und widerstreitende Ansprüche auf seinen Leichnam verhinderten bislang eine schnelle Beerdigung Gaddafis, wie sie der islamische Ritus eigentlich vorschreibt. Am Freitag lag der blutbefleckte Leichnam mit Schusswunden in Kopf, Brust und Bauch noch im Kühlraum eines Einkaufszentrums in Misrata. In langen Schlangen standen Einwohner der im Sommer schwer umkämpften Stadt an, um einen letzten Blick auf den verhassten Herrscher zu werfen.
Clinton fordert Aufklärung der Todesumstände Gaddafis
Chronologie: Aufstieg und Fall von Gaddafi
Libyens Muammar al-Gaddafi wurde als Terrorhelfer international geächtet und als Handelspartner hofiert. Im Westen galt der selbst ernannte Revolutionsführer mit bizarr anmutenden Gewohnheiten vielen als unberechenbar.
1942: Im September nahe der Stadt Sirte in Libyen geboren.
1963: Jura- und Geschichtsstudium für Offizierslaufbahn abgebrochen.
1969: Ein «Bund der freien Offiziere» putscht Gaddafi an die Macht.
1970: Ausländische Öl-Firmen in Libyen werden verstaatlicht.
1973: Gaddafi veröffentlicht seine «Dritte Universaltheorie» als Mittelweg zwischen Kommunismus und Kapitalismus.
1977: Der «Revolutionsführer» ruft die «Sozialistische Libysch- Arabische Volks-Dschamahirija (Herrschaft der Massen)» aus.
1985: Wegen Libyens Verstrickung in den internationalen Terrorismus verhängen die USA einen Wirtschaftsboykott.
1986: Die USA machen Gaddafi für einen Anschlag auf die Berliner Diskothek «La Belle» verantwortlich und bombardieren Tripolis.
1988: 270 Tote bei Explosion eines US-Jumbos über Lockerbie.
1991: Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Libyen.
2003: Libyen sagt für den Anschlag von Lockerbie die Zahlung von Entschädigungen zu; die UN heben die Sanktionen auf.
2003: Gaddafi kündigt Einstellung des libyschen Atomprogramms und die Zerstörung seiner Massenvernichtungswaffen an.
2004: Die USA heben ihre Handelsbeschränkungen auf. 2007: Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy vereinbart mit Gaddafi eine militärische und atomtechnische Kooperation. Anvisiert wird die Lieferung von Kampfjets und eines Atomkraftwerks.
2008: Die USA schließen mit Libyen ein Öl-Handelsabkommen. 2009: Gaddafi wird für ein Jahr Ratsvorsitzender der Afrikanischen Union und fordert die «Vereinigten Staaten von Afrika».
2009: Freundschaftsabkommen und erster Staatsbesuch Gaddafis in Rom.
2010: Nach Festnahme seines Sohns Hannibal in Genf wegen Misshandlung von Angestellten ruft Gaddafi zum Dschihad gegen die Schweiz.
2010: Um den Zustrom afrikanischer Flüchtlinge über Libyen einzudämmen, zahlt die EU Gaddafi 50 Millionen Euro.
2011: Am 15. Februar demonstrieren Tausende gegen Gaddafi. Seine Gefolgsleute richten später ein Blutbad unter Zivilisten an. Der folgende Bürgerkrieg läutet den Sturz des «Führers» ein. (dpa)
US-Außenministerin Hillary Clinton schloss sich der Forderung der UN nach Aufklärung der Todesumstände Gaddafis an: In einem Interview mit dem Fernsehsender NBC erklärte sie, ein demokratisches Libyen solle mit Rechtsstaatlichkeit, Verantwortung sowie Einheit und Versöhnung beginnen. Eine Untersuchung, wie Gaddafi ums Leben kam, sei Teil dieses Prozesses.
Der Freude am Tag der offiziellen Befreiungserklärung tat dies keinen Abbruch. Denn heute begann in Libyen eine neue Ära: Die neue libysche Führung wollte das Land bei einer Feier in Bengasi, der Geburtsstadt der libyschen Revolution, für befreit erklären. Binnen eines Monats sollen eine neue Übergangsregierung gebildet und innerhalb von acht Monaten erste Wahlen zu einer verfassungsgebenden Versammlung abgehalten werden.
Die meisten Libyer sind an den Todesumständen Gaddafis, der 42 Jahre lang an der Macht war, wenig interessiert, sondern eher erleichtert über dessen Tod: Ein Gerichtsprozess hätte doch nur für Chaos gesorgt, erklärte ein Einwohner der Hauptstadt Tripolis. "Jetzt ist es vorbei." De-facto-Regierungschef Mahmud Dschibril sagte dem britischen Fernsehsender BBC indes, dass er es bevorzugt hätte, wenn Gaddafi noch am Leben wäre. Dann hätte er sich den Fragen der Bevölkerung zu seiner Herrschaft stellen müssen, sagte Dschibril. dapd