Bei seiner Befragung zum Abhörskandal um die inzwischen eingestellte britische Boulevardzeitung "News of the World" hat der Medienunternehmer Rupert Murdoch eine eigene Verantwortung bestritten. Die Schuld liege bei den Menschen, denen er vertraut habe "und vielleicht denen, denen sie vertraut haben", sagte der Chef des Medienkonzerns News Corporation am Dienstag bei einer Anhörung vor einem Parlamentsausschuss in London. Die Pressestimmen zur aktuellen Entwicklung.
"Main-Post": "Murdoch und andere sind mit ihren Revolverblättern so erfolgreich, weil sie liefern, was sensationsgierige Leser kaufen. Wer sie verdammt, muss sich fragen, ob er selbst nicht schon mit dem Kauf solcher Blätter dazu beigetragen hat, dass wichtige Nachrichten keinen Platz mehr in den Zeitungen finden, während immer blödere Banalitäten und Nackedei-Bilder immer breiteren Raum dort einnehmen."
"Dresdner Neueste Nachrichten": "An der Themse wird derzeit alles fortgespült, was bis vor zwei Wochen noch Rang, Namen und altehrwürdige Tradition genoss. Dass die Heimat der Höflichkeit ein Sumpf aus Filz, Schwächen und Korruption ist, sorgt weltweit für Schlagzeilen und trifft die Briten ins Herz. Allem voran rangiert die Entzauberung Scotland Yards. Die Behörde hat offenbar nicht nur Schmiergeld angenommen und dafür Bürger ausgespäht, sondern zudem zweifelhafte Journalisten für PR-Dienste fürstlich entlohnt. Auch die Mediendynastie Murdoch - erhaben, gefürchtet und einflussreich - taumelt. Das Imperium wird seine Gründer opfern müssen, um zu überleben. Ihr Kampf hat gestern vor dem Parlament erst begonnen."
"Nürnberger Nachrichten": "Der Geschmack der britischen Boulevardblattleser lässt sich durch eine Reform der Mediengesetze ebenso wenig ändern wie die Medienlandschaft des Königreichs, in dem es keine starke, vielfältige Regionalpresse gibt. Neue Gesetze hingegen bringen die Gefahr, dass Politiker die Pressefreiheit einschränken, unter deren Perversion sie so lange gelitten haben. Doch es waren die integren Journalisten von Guardian und Observer, die den Skandal aufdeckten, den Politik und Polizei verschleiert hatten. Wie der Telegraph, der letztes Jahr den Spesenskandal der Parlamentarier entlarvte, ist die britische Presse trotz Murdoch in der Lage zu verhindern, dass das Königreich zu einer Bananenrepublik verkommt."
"Handelsblatt": "Das Unternehmen muss radikal mit der Vergangenheit brechen. Und das ist nicht möglich mit Rupert Murdoch an der Spitze. Denn der 80-Jährige hat bis zuletzt bewiesen, dass er den Weltkonzern wie einen kleinen Familienbetrieb führt und die Interessen ihm nahestehender Menschen über die des Unternehmens stellt. Murdoch hat Enormes erreicht. News Corporation ist der zweitgrößte Medienkonzern weltweit. Überleben kann sein Lebenswerk nur ohne ihn."
"Stuttgarter Zeitung": "Murdochs Auftritt vor dem Kultur- und Medienausschuss des Unterhauses war ein Schauspiel sondergleichen. Der Riese, vor dem Politiker jahrzehntelang kuschten, wurde auf das Maß eines gebrechlichen Männchens reduziert. Früher ließ Rupert Murdoch die gewählten Volksvertreter in seinem Büro antreten, um ihnen zu sagen, was Sache war. Jetzt fand er sich gezwungen, zu ihnen zu kommen und sich in ihrem Kreis zu rechtfertigen: Das verkehrte Verhältnis wurde endlich vom Kopf auf die Füße gestellt."
"Mittelbayerische Zeitung": "Für die Abgeordneten des britischen Unterhauses ist es wie im Märchen. Mit einem Schlag erkennen die Volksvertreter: Der Kaiser hat keine Kleider an. Rupert Murdoch, der Unantastbare, der Mann, vor dem sie alle zitterten und dessen Zeitungen sie alle fürchteten, musste vor ihnen erscheinen und Rede und Antwort stehen. Seine Macht über sie ist dahin. Der Spieß hat sich gedreht, und jetzt ist es Murdoch, der Angst haben muss. Ein kollektives Aufatmen scheint durch die ehrwürdigen Hallen des Unterhauses zu gehen: Endlich ist man frei vom Würgegriff des Australiers."
Leo Kirch - Geschichte eines Medienimperiums
1990: Bertelsmann, Canal Plus (Frankreich) und die Kirch-Gruppe gründen den Pay-TV-Sender Premiere.
1996: Die Kirch-Gruppe startet als erster Anbieter das digitale Pay-TV in Deutschland. Unter dem Dach von DF-1 werden zu Beginn über ein Dutzend Kanäle angeboten.
1997: Die Kirch-Bertelsmann-Allianz für Digital-TV wird gegründet. Leo Kirch und CLT-Ufa unterzeichnen die Verträge über eine gemeinsame Pay-TV-Gruppe unter dem Dach von Premiere.
2001: Spekulationen über eine feindliche Übernahme der Kirch-Gruppe durch Rupert Murdoch verunsichern die deutsche Medienbranche.
2002: Der Axel Springer Verlag fordert für seine Beteiligung an ProSiebenSAT.1 rund 770 Millionen Euro von der Kirch-Gruppe zurück. Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer stellt öffentlich die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe infrage. Die Gruppe stellt Insolvenzantrag für ihr Kerngeschäft, dann bricht die Kirch-Gruppe vollständig zusammen. Gemessen am Schuldenstand von 6,5 Milliarden Euro handelt es sich um die bis dahin größte Firmenpleite in der deutschen Nachkriegsgeschichte.
2006: Vor dem Bundesgerichtshof erringt Kirch einen Teilerfolg. Breuer und die Bank müssen grundsätzlich persönlich für Schäden haften, die dem Unternehmen entstanden sind. Eine Haftung der Bank für den Zusammenbruch des Medienimperiums lehnt das Gericht jedoch ab.
2009: Das Landgericht München weist einen Teil der Schadenersatzforderungen zurück. Es geht um Ansprüche der Kirch-Firma KGL Pool, in der 17 Töchter gebündelt sind. Sie fordern von der Deutschen Bank insgesamt rund 2 Milliarden Euro.
2010: Kirch scheitert mit einer Strafanzeige gegen Breuer. Das Oberlandesgericht Frankfurt verwirft einen Antrag auf Klageerzwingung als unzulässig.
2011: Vor dem Landgericht München I erleidet Kirch eine weitere Niederlage. Das Gericht weist milliardenschwere Schadenersatzforderungen zurück. Es geht um die Ansprüche der Printbeteiligungs GmbH, in der Kirch seinen Anteil am Springer-Konzern gebündelt hatte.
"Der Tagesspiegel": "Wie immer in solchen Krisen wird maßlos übertrieben. Aber richtig ist, dass sich Rupert Murdochs Sturz nahtlos in die Reihe epochaler Erschütterungen der britischen Gesellschaft einfügt, deren Folgen sich langsam herausschälen. Erst brachen die Banken zusammen und mit ihnen das Vertrauen in eine wirtschaftliche Führungselite, die nur den eigenen Vorteil im Auge hatte. Dann erschütterte 2009 der Spesenskandal das Vertrauen in Politiker und politische Institutionen. Als nächstes die Presse, vor allem der Boulevard, der sich als Fürsprecher des kleinen Mannes gegen das selbstgerechte Establishment präsentierte. Nun stehen fünf der höchsten Polizisten am Pranger. Das Vertrauen in die letzte Bastion einer tugendhaften Gesellschaftsordnung ist damit erschüttert. Vertrauen können die Briten eigentlich nur noch ihrer Queen." dpa/dapd