Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule weitet sich aus. Immer mehr Opfer melden sich. Jetzt ging die Direktorin an die Öffentlichkeit.

Die Zahl der Missbrauchsfälle an der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim ist auf 24 angestiegen.
Das teilte die Direktorin der Schule, Margarita Kaufmann, in einer Pressekonferenz mit. Wegen der Berichterstattung in den Medien hätten sich in den vergangenen Tagen ehemalige Schüler mit der Schulleitung in Verbindung gesetzt.
Vier weitere Ex-Schüler meldeten sich laut Kaufmann bei der Schule. Darunter sei auch eine Frau. "Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte." Die Direktorin entschuldigte sich im Namen der Schule bei den Opfern und versprach eine "offene und offensive Aufarbeitung des Geschehenen".
Drei Lehrer als mutmaßliche Täter
"Wir haben jetzt 24 Fälle, 23 Männer und eine Frau", sagte Kaufmann. Sie geht von drei Lehrern als mutmaßlichen Tätern aus. Im Verlauf des Montags soll ein Brief an rund 900 Ex-Schüler des Internats verschickt werden, das zu den bekanntesten deutschen Reformschulen gehört.
Bei der Staatsanwaltschaft Darmstadt war bereits im August 1999 eine Strafanzeige gegen den damaligen Internatsleiter eingegangen. Ermittlungen gab es wegen der Verjährung der Vorfälle aber damals nicht. Nach einem Bericht der Frankfurter Rundschau erwägen ehemalige Schüler eine Verwaltungsklage gegen das Land Hessen, um Versäumnisse der Politik aufzudecken.
Der Sprecher der Darmstädter Staatsanwaltschaft, Ger Neuber, bestätigte, dass ein früheres Verfahren wegen Missbrauchs an der Schule eingestellt worden sei. Details könne er nicht nennen, "da die Akten inzwischen vernichtet wurden".
Der Missbrauchsskandal hat auch eine politische Diskussion über Verjährungsfristen ausgelöst. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will am 23. April einen Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch starten. Dabei sollen unter anderem Fragen der Hilfen für die Opfer sowie vorbeugende Maßnahmen erörtert werden, wie das Ministerium am Montag mitteilte.
Seehofer für längere Verjährungsfristen
CSU-Chef Horst Seehofer und die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) sprachen sich - wie bereits am Sonntag Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) - für eine längere Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch aus. Die strafrechtliche Frist solle künftig bei mindestens 30 Jahren liegen, sagte Merk in München. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) steht solchen Forderungen skeptisch gegenüber. "Ich glaube nicht, dass es das Allheilmittel ist", sagte sie im Deutschlandradio.
Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes (DL), Josef Kraus, forderte Sonderbeauftragte in allen Bundesländern, um mögliche Missbrauchsfälle an Schulen lückenlos aufzuklären. "Die Kultusminister haben die verfassungsrechtliche Pflicht, Fälle sexuellen Missbrauchs an Schulen rasch aufzudecken und an die Justiz weiterzuleiten", sagte er einer Zeitung.
Der Philologenverband kritisierte indes Schavans Vorstoß, sich mit den Kultusministern und Lehrerverbänden Maßnahmen zu überlegen. "Das ist der typische Aktionismus-Reflex der Politik auf solche Vorfälle. Entscheidend ist, wie jede einzelne Schule mit diesem Thema umgeht, nicht was Kultusminister dazu Kluges sagen, die sich morgen schon wieder anderen Themen zuwenden", sagte der Bundesvorsitzende, Heinz- Peter Meidinger. Er warnte vor einem Generalverdacht.
Angesichts von 42.000 Schulen und 800.000 Lehrkräften in Deutschland sei die jetzt genannte Zahl betroffener Einrichtungen Gott sei Dank sehr gering, auch wenn sicherlich noch weitere Fälle ans Licht kämen. (mig/dpa)
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