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Prozessbeginn Breivik: Prozessauftkat in Norwegen: Die Opfer einer Wahnsinnstat

Prozessbeginn Breivik

Prozessauftkat in Norwegen: Die Opfer einer Wahnsinnstat

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    Wir erwarten, dass Breivik nie mehr in die Gesellschaft zurückkehrt.“Opferfamilien-Sprecher Blattmann
    Wir erwarten, dass Breivik nie mehr in die Gesellschaft zurückkehrt.“Opferfamilien-Sprecher Blattmann Foto: afp

    „Die kommenden Wochen werden die Hölle“, sagt Trond Henry Blattmann. Er ist Leiter der „Nationalen Selbsthilfegruppe 22. Juli“. Das ist der Tag, an dem Anders Behring Breivik Blattmanns 17-jährigen Sohn Torjus tötete. Und 76 weitere Menschen: Am 22. Juli 2011 zündete der Rechtsradikale im Osloer Regierungsviertel eine Autobombe, anschließend fuhr er an den 40 Kilometer entfernten Tyri-Fjord. Auf der Insel Utøya richtete er unter den Teilnehmern eines Sommerlagers der AUF, der Jugendorganisation der Arbeiterpartei, ein Massaker an. Heute beginnt der Prozess gegen Breivik. Das Urteil wird für Mitte Juli erwartet.

    Der Prozess wird teilweise live im TV übertragen

    Bis dahin werden Überlebende und Hinterbliebene wie Blattmann mit sämtlichen Details eines Verbrechens konfrontiert, dessen Umfang „man in Norwegen in moderner Zeit noch nie gesehen hat“. So steht es in der Anklageschrift. Ihre seelischen Wunden sind nicht annähernd verheilt und werden erneut aufgerissen. Nicht zuletzt von Breivik, der sich an fünf Prozesstagen, erstmals wohl morgen, äußern darf. Der Prozess soll teilweise live im Fernsehen übertragen werden. Die Furcht ist groß, dass Breivik den Gerichtssaal in eine Bühne für seinen Rassenhass verwandelt.

    Man fragt sich: Wenn Überlebende und Hinterbliebene all das als „Hölle“ empfinden, wie erst müssen sie den 22. Juli empfunden haben? Sie bereiten sich seit Wochen mithilfe von Psychologen, aber auch Richtern und Staatsanwälten auf den Prozess vor. „Es ist wichtig, dass das Verfahren endlich beginnt“, sagt Blattmann. Er bezeichnet es als einen „Meilenstein“. „Wir müssen da durch, damit wir mit dem, was passiert ist, abschließen können.“ Vom Gericht erhofft er sich ein „faires“ Verfahren, von den Medien eine Berichterstattung, die sich ethischen Grundsätzen verpflichtet fühlt. „Wir erwarten, dass Breivik nie mehr in die Gesellschaft zurückkehrt.“ Es sei ihm egal, ob er ins Gefängnis oder in eine geschlossene psychiatrische Anstalt komme.

    Ob Breivik in die Psychiatrie muss, hängt von seiner Zurechnungsfähigkeit ab

    Diese Entscheidung liegt bei den zwei Berufs- und drei Laienrichtern. Sie können sich auf zwei Gutachten stützen, die sich allerdings widersprechen. Im ersten wird Breivik wegen „paranoider Schizophrenie“ als nicht zurechnungsfähig, im zweiten als zurechnungsfähig beschrieben.

    Von der Frage seiner Zurechnungsfähigkeit hängt ab, ob der geständige 33-Jährige die kommenden Jahre, wahrscheinlich bis an sein Lebensende, in Haft oder in der Psychiatrie verbringen muss.

    Sein Anwalt Geir Lippestad und seine weiteren drei Verteidiger werden auf Freispruch plädieren. Sie hätten keine andere Wahl, als seinem Wunsch zu folgen, sagen sie. Wie Breivik argumentieren wird, ist bekannt: Die Taten seien notwendig gewesen, um Norwegen vor einem „verheerenden Multikulturalismus“ zu retten. Er wähnt sich auf einem Kreuzzug gegen eine vermeintliche Islamisierung Europas.

    Anwälte, inszeniert wie amerikanische TV-Stars

    Notwehr also. Breivik, der sich für zurechnungsfähig hält, suchte Lippestad selbst aus. Lippestad, Mitglied der Arbeiterpartei, hatte vor zehn Jahren einen Neonazi verteidigt. Nun nahm er die Aufgabe an, weil er überzeugt ist, dass in einem Rechtsstaat jeder das Recht auf einen Gerichtsbeistand hat. Er verhielt sich korrekt und wurde respektiert.

    Kürzlich tauchten jedoch Fotos auf, auf denen sein Anwaltsteam und er wie amerikanische TV-Stars inszeniert waren. Eine Werbekampagne? Die Anwälte drückten sich um eine klare Antwort.

    Norwegische Zeitungen haben auf ihren Internetseiten Grafiken veröffentlicht, die zeigen, wo im Gerichtssaal Breivik sitzen wird. Sie haben von seiner Angst vor Spinnen berichtet, am Wochenende wurde diskutiert, ob er während seiner Aussage mit Handschellen gefesselt sein sollte. Und sie haben erörtert, wann und wie Richter Zeugenaussagen unterbrechen können, denn Breiviks Verteidigung hat Islamisten als Zeugen benannt. Der Prozess ist eine Zumutung für das Land.

    Trond Henry Blattmann war am 22. Juli 2011 zu Hause in Kristiansand, als er von den Explosionen in Oslo hörte. Da rief ihn Torjus an und erzählte von einer Schießerei auf Utøya. Blattmann fuhr in den Ort Sundvollen, von dort kann man nach Utøya übersetzen. Seinen Sohn sah er nicht wieder.

    Auch das norwegische Gesundheitswesen bereitet sich auf den Prozess vor

    Auch Therese Brask-Rustad war damals in Sundvollen. Die Psychologin vom Großklinikum Vestre Viken bei Oslo kümmerte sich tagelang um Eltern, die in den Ort gekommen waren, und um Jugendliche, die das Massaker überlebt hatten. Sie leistete Erste Hilfe, indem sie für sie da war. Noch heute erinnert sie sich daran, wie „überaus düster“ diese Tage gewesen seien. „Die Terrorattacke hat zu einer kollektiven Trauer geführt. Selbst Menschen, die nicht direkt betroffen waren, weinten. Viele versammelten sich spontan in Kirchen.“

    So wie sich Überlebende und Hinterbliebene auf den Prozess vorbereitet haben, so hat sich das norwegische Gesundheitswesen auf ihn eingestellt. „Wir können und werden allen unsere Unterstützung während dieser schwierigen Wochen zukommen lassen“, sagt Therese Brask-Rustad. Eltern habe man geraten, den Medienkonsum ihrer Kinder zu kontrollieren. Nach wie vor lösen Berichte über Anders Behring Breivik Schmerz und Bestürzung aus, nach wie vor befinden sich einige in psychologischer Behandlung. „Viele Norweger sind verstört. Sie können kaum begreifen, dass Breivik einer von uns ist“, sagt Therese Brask-Rustad.

    Trond Henry Blattmann sagt: „Für mich ist er eine Nicht-Person.“

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