Es hätte auch anders laufen können. Ganz anders. Als Rainer Brüderle am Abend des 27. März zurück nach Berlin fliegt, sind seine Aktien an der liberalen Börse tief gefallen. In Rheinland-Pfalz, dem Landesverband des damaligen Wirtschaftsministers, ist die FDP gerade aus dem Landtag geflogen, kurz zuvor hat er selbst mit einer flapsigen Formulierung das Atommoratorium der Regierung als eine Art Wahlkampfmanöver disqualifiziert – und außerdem steht auch schon ein potenzieller Nachfolger bereit. Philipp Rösler will nicht nur Guido Westerwelle als Parteichef beerben, sondern am liebsten auch noch dem unpopulären Gesundheitsministerium entfliehen und in Brüderles Ressort wechseln.
Die Dinge haben sich ins Gegenteil verkehrt
Nicht einmal acht Monate danach haben sich die Dinge ins Gegenteil verkehrt. Rösler ist zwar inzwischen wunschgemäß zum Vizekanzler und Wirtschaftsminister aufgestiegen, Brüderle aber sitzt nicht frustriert als einfacher Abgeordneter in einer der hinteren Reihen des Bundestages, sondern an der Spitze der Fraktion – einflussreich wie noch nie zuvor in seinem liberalen Leben.
Auch beim Parteitag in Frankfurt ist der 66-Jährige einer der gefeiertsten Redner, der Sozialdemokraten und die Grünen unter dem Jubel der Delegierten als „Pharisäer“ verhöhnt und seine Liberalen mit Pathos und Temperament vor einem Kurswechsel in der Euro-Politik warnt: Im Zweifel, sagt er, solle die FDP stets für ihre Überzeugungen stehen und „lieber mal eine Wahl verlieren als den Verstand“. Für viele der mehr als 60000 Mitglieder ist Brüderle auch wegen solcher Auftritte längst so etwas wie die heimliche Nummer eins, eine Art Rückversicherung, falls auch noch das Experiment Rösler scheitert.
Sie hätten ihn am liebsten mit Westerwelle gestürzt
Die Strippenzieher des Putsches hätten ihn am liebsten gleich mit Westerwelle gestürzt, allen voran der heutige Gesundheitsminister Daniel Bahr. Doch während Bahr, Rösler und Generalsekretär Christian Lindner sich tagelang nicht einigen können, wer in der neuen FDP welche Rolle übernehmen soll und wofür diese FDP denn stehen wird, sammelt Brüderle bereits diskret seine Bataillone. Wo die anderen zögern, handelt er – und je konfuser es zugeht in der Partei, umso größer wird die Sehnsucht nach einem ruhenden Pol wie dem Pfälzer.
Hat Brüderle nicht immer davor gewarnt, die Brot-und-Butter-Themen der Liberalen zu vernachlässigen, den Mittelstand und die Wirtschaftspolitik zum Beispiel? Ist er nicht der Minister, der sein Handwerk mit am besten beherrscht? Der es auch wagt, der Kanzlerin erfolgreich die Stirn zu bieten wie im Streit um die Opel-Hilfen?
Das Amt des Wirtschaftsministers, auf das er so lange hingearbeitet hat, gibt er zwar nur ungern auf, das des Fraktionsvorsitzenden allerdings ist das mächtigere – und Brüderle ist fest entschlossen, etwas daraus zu machen. Beim Parteitag in Frankfurt liegt vor jedem Delegierten eine kleine Brotzeitbox aus Plastik, ein Geschenk der Bundestagsfraktion mit einem plakativen Slogan darauf: „Brot und Butter“.