Startseite
Icon Pfeil nach unten
Politik
Icon Pfeil nach unten

Reich-Ranickis bewegende Rede im Bundestag

Politik

Reich-Ranickis bewegende Rede im Bundestag

  • |
  • |
  • |
    Bundespräsident Christian Wulff (r) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle (l), geleiten Marcel Reich-Ranicki, nach dessen Rede, zu seinem Platz im Plenum.
    Bundespräsident Christian Wulff (r) und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle (l), geleiten Marcel Reich-Ranicki, nach dessen Rede, zu seinem Platz im Plenum.

    Schon Wochen vor seiner Rede im Bundestag hatte Marcel Reich-Ranicki gesagt, dass dies eine schwere Aufgabe für ihn sei und er nicht wisse, ob es ihm gelingen werde. Offenbar ist es Marcel Reich-Ranicki aber gelungen. Nach seiner Rede herrschte minutenlang Stille im Bundestag. Der Literaturkritiker hat eine bewegende Rede zum Gedenken an die Holocaust-Opfer gehalten.

    Ehefrau im Warschauer Ghetto kennengelernt

    Mit brüchiger Stimme schilderte  Marcel Reich-Ranicki am Freitag im Bundestag seine Zeit im  Warschauer Ghetto: Als Protokollant einer Sitzung war er 1942 mit  dabei, als die Nationalsozialisten die Deportation tausender Juden  ins Vernichtungslager Treblinka einleiteten. Die  "Umsiedlung" der  Juden aus Warschau "hatte nur einen Zweck: den Tod", berichtete der  91-Jährige in seiner bewegenden Rede. Der scharfzüngige Kritiker  ist eben nicht nur der gefürchtete Literaturpapst, sondern ein  wichtiger Zeitzeuge des Holocaust. 

    Reich-Ranicki mit brüchiger Stimme

    Marcel Reich-Ranicki hat während der Nazi-Zeit in Deutschland unvorstellbar Schlimmes durchgemacht. Seine Eltern kamen in den Gaskammern Treblinkas ums Leben, Reich-Ranicki litt während der NS-Zeit unter Vertreibung und Verfolgung. Davon will Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nun im deutschen Bundestag erzählen.

    Es war die Zeit des aufkeimenden Nationalsozialismus, die den  späteren Leiter des "Literarischen Quartetts" in jungen Jahren  prägte. Der am 2. Juni 1920 im polnischen Wloclawek geborene Sohn  des Fabrikanten David Reich wuchs zwar zunächst behütet auf und  besuchte die deutsche Schule. Doch nach der Pleite des Vaters  schickten ihn die Eltern nach Berlin zu Verwandten. Dort geriet  Reich-Ranicki in die fortschreitende Juden-Verfolgung. Wegen seiner  Religion wurde er von Schulausflügen und anderem ausgeschlossen.

    Marcel Reich-Ranicki widmete sich in dieser Zeit vor allem der  Literatur. "Ein extremes, ein unheimliches Gefühl hatte mich  befallen und überwältigt. Ich war verliebt. Ich war verliebt in  sie, die Literatur", erinnerte er sich später. 1938 konnte er noch  sein Abitur machen. Schon Wochen danach ging es nur noch ums  Überleben. Die Nazis verhafteten ihn und wiesen ihn nach Polen aus.

    Marcel Reich-Ranickis Eltern kamen in Gaskammern um

    In Warschau lernte er seine spätere Frau Teofila, genannt Tosia  kennen. Es entstand eine symbiotische Liebe, die bis zu Tosias Tod  im Frühjahr 2011 hielt. Nach ihrer Zwangsumsiedlung ins Warschauer  Ghetto heirateten sie. Die junge Ehe der beiden war im Ghetto von  Anfang an ein Überlebenskampf, über den er auch am Freitag im  Bundestag berichtete.

    Im Januar 1943 sollten beide vergast werden - auf dem Weg zum  Versammlungsplatz des Ghettos gelang es ihnen jedoch, sich zu  verstecken. Bald darauf gelang dem Paar auch die Flucht aus dem  Ghetto. Ein arbeitsloser Schriftsetzer versteckte sie schließlich.

    Doch bei ihrem Beschützer Bolek Gawin bestand die Gefahr, dass  er seine für ihn selbst gefährlichen Gäste wieder rausschmeißen  könnte. Reich-Ranicki half sich mit der Macht der Literatur und  unterhielt seinen Gastgeber mit Nacherzählungen von Büchern. "Je  besser eine Geschichte war, je spannender, desto mehr wurden wir  belohnt. Mit einem Stück Brot, mit zwei Mohrrüben oder dergleichen. " Der Plan ging auf - anders als seine Eltern und sein Bruder  Alexander Herbert überlebte Reich-Ranicki den Holocaust.

    Bis 1958 blieben er und seine Frau mit ihrem 1948 geborenen Sohn  Andrzej Alexander in Polen. Dort arbeitete Reich-Ranicki zunächst  für die Geheimpolizei, später dann als Lektor und Schriftsteller.  Doch bei einer Studienfahrt blieb er 1958 in Frankfurt am Main,  bald folgten ihm auch Frau und Sohn. Reich-Ranicki begann seine  Laufbahn als Literaturkritiker: Zunächst für die "Frankfurter  Allgemeine Zeitung", dann für die "Zeit" und später wieder für die  "FAZ" schrieb er Rezensionen.

    Reich-Ranickis bewegende Rede im Bundestag

     Seine Bedeutung für die deutschsprachigen Schriftsteller  brachte einmal der Dichter Wolfgang Koeppen auf den Punkt. "Er  schreibt über mich, also bin ich." Doch den Ruf als  "Literaturpapst" erlangte er erst mit dem Einstieg beim ZDF 1988.  Dreizehn Jahre lang leitete Reich-Ranicki dort das Literarische  Quartett. Der polternde Reich-Ranicki, der von ihm missbilligte  Romane in Grund und Boden stampfen konnte, ist seither vielen im  Gedächtnis verwurzelt. All jene, die seine zum Bestseller gewordene  Biographie "Mein Leben" nicht kennen, haben am Freitag einen  anderen Reich-Ranicki kennengelernt. afp/AZ

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein
    Dieser Artikel kann nicht mehr kommentiert werden