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12. März 2009 11:51 Uhr

Amoklauf von Winnenden

Schmerzen retten Mädchen vor Todesschützen

Am Mittwoch hat Sylvia Pressburger ihre Tochter ein zweites Mal geschenkt bekommen. Denn Cynthia ging es am Morgen schlecht. Von Ronald Hinzpeter Von Ronald Hinzpeter

Am Mittwoch hat Sylvia Pressburger ihre Tochter ein zweites Mal geschenkt bekommen. Cynthia ging es am Morgen schlecht. Sie klagte über Rückenschmerzen und bat: »Mama, kann ich zu Hause bleiben?» Die Mutter gab nach. Es war vermutlich die beste Entscheidung ihres Lebens.

Denn rund zwei Stunden später stand Tim K. in Cynthias Klassenzimmer 304 der Albertville-Realschule in Winnenden und schoss. Das Mädchen wäre genau in diese Moment dort gesessen.

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Am Tag danach kann die Mutter das Glück immer noch nicht fassen: »Das ist unbeschreiblich! Das ist ein Geschenk, dass sie ausgerechnet an diesem Tag krank war. Ich weiß nicht, wem ich danken soll. War es Glück? War es Vorsehung? War es Schicksal?»

An jenem schwarzen Mittwoch hatten andere nicht das Glück, daheim geblieben zu sein. Im Kugelhagel des Amokläufers Tim K. starben neun Schüler und drei Lehrer. Eine Zeugin sagt, der bis dahin als völlig unauffällig geltende Bub habe gezielt auf die Köpfe geschossen. Die Polizei fand im Gebäude rund 60 Patronenhülsen.

So oft hat Tim K. gefeuert »Er wollte nur schießen und schießen und schießen», sagt Polizeisprecher Nik Brenner. Wäre das Spezialkommando der Polizei nicht so schnell und energisch in das Gebäude eingedrungen, hätte es wohl noch mehr Tote gegeben: Der Täter hatte hunderte von Patronen eingesteckt.

Dieser irrsinnige Gewaltausbruch macht die Menschen hier fassungslos. Immer wieder ist zu hören: »Man kann das noch gar nicht verarbeiten. Warum ausgerechnet hier?» Das fragt sich auch Renate Riedel. Sie hält ein Bündel Tulpen in der Hand, die sie im Namen ihrer Tochter, die einmal an diese Schule ging, niederlegen will: »Es ist hier doch so schön, mit den Weinbergen drumherum, mit den Wiesen. Wir fühlten uns doch hier geborgen.»

Das ist vorbei. Sie hat den Irrsinn aus der Nähe miterlebt. Wie jeden Mittwoch Vormittag war Renate Riedel zum Sport in die Turnhalle gegangen. Plötzlich kamen völlig verstörte Kinder angelaufen und berichteten von Schüssen und einem Mitschüler, er an ihrem Fenster vorbei zu Boden gestürzt war. »Sie konnten kaum sprechen.» Dass hier wirklich so etwas schlimmes passiert, das ist ihr in dem Moment nicht in den Sinn gekommen. »Wir haben die Kinder gestreichelt, sie in den Arm genommen und sich ausweinen lassen.»

Auch am Tag danach ist das Schulzentrum von Winnenden ein Ort der Tränen. Der Unterricht ist bis zum Montag ausgesetzt. Und dennoch zieht es viele Schülerinnen und Schüler hierher. Sie stellen Blumen und Kerzen ab, legen Stofftiere dazu, stellen kleine Engel auf und lassen Botschaften zurück. Es sind Briefe voller Mitgefühl und Fassungslosigkeit.

Kinder, die am Mittwoch dabei waren, berichten von den Bildern, die ihnen nicht mehr aus dem Kopf gehen: »Die Lehrerin hat gesagt, wir sollen ruhig sein, aber wir haben Panik gehabt, wir haben geschrieen und sind weggelaufen», so schildert es die 14-jährige Vivien Laubs. Momentan habe sie das alles noch gar nicht realisiert. Eine ihrer Freundinnen ist erschossen worden. »Am Morgen haben wir uns noch unterhalten, wie langweilig die Schule ist. Jetzt kann ich nie wieder mit ihr sprechen.» Sie habe Angst, wieder hierher in die Schule zurückzukommen. Wenn der Unterricht am Montag wieder beginnt, werden viele mit einem sehr unguten Gefühl zurückehren. So wie Marvin aus der sechste Klasse. »Ich hab diese Schreie gehört, die sind immer noch in meinen Gedanken. Was mache ich, wenn ich wieder in diese Schule muss?»

Die meisten Gesichter an diesem Tag sind grau, gezeichnet. Manche der Kinder waren noch am Vorabend da, nach dem Gedenkgottesdienst. Anschließend pilgerten nach Angaben der Polizei tausende zur Schule und zündeten Kerzen an.

Wer allerdings an diesem Donnerstag gekommen ist, um mit seinen Gefühlen allein zu sein, hat keinen guten Zeitpunkt gewählt. Es ist gleichsam eine Trauer unter den Augen der Welt. Vor dem Schulzentrum drängen sich hunderte von Medienvertretern aus aller Welt - ein geradezu babylonisches Sprach- und auch Fragengewirr, das auf die Besucher niederprasselt. Manche sprechen bereitwillig in die Mikrofone, weil sie ihre Gefühle einfach mitteilen müssen. Andere reagieren aggressiv auf die Belagerung. Ein junger Mann schreit plötzlich empört los: »Wir wollen hier trauern und Sie filmen das hier mit der Kamera!» Die Nerven liegen blank. Sie werden wohl noch lange blank liegen in dieser Idylle, die seit Mittwoch keine mehr sein darf.

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