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Kritik an Merkel: Sie und er

Kritik an Merkel

Sie und er

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    Altbundeskanzler Kohl kritisiert Kanzlerin Angela Merkel in einem Interview deutlich.
    Altbundeskanzler Kohl kritisiert Kanzlerin Angela Merkel in einem Interview deutlich. Foto: dpa

    Das Reden fällt ihm schwer, aber deswegen schweigt er nicht. Nachdem sich das Echo auf seine letzten öffentlichen Auftritte in Grenzen hielt, hat Helmut Kohl jetzt einen Weg gefunden, sich ebenso plakativ wie nachhaltig Gehör zu verschaffen. Das Interview, in dem er hart mit der Arbeit seiner Nachfolger ins Gericht geht, hat der Altkanzler schriftlich mit der Redaktion der Zeitschrift Internationale Politik geführt. Für die Antworten hatte er mehrere Wochen Zeit, deshalb sitzt jetzt auch jeder Satz. Und obwohl er den Namen von Angela Merkel kein einziges Mal nennt, weiß doch jeder, wer gemeint ist.

    Die Kanzlerin selbst hält den Ball flach. Ihre Regierung, sagt sie diplomatisch, arbeite daran, die aktuellen Probleme „entschlossen zu meistern“. Kohls Vorwurf, ihrer Regierung fehle in der Libyen-Frage und der Schuldenkrise der außenpolitische Kompass, kontert sie mit einem vergifteten Lob. Die Verdienste ihres früheren Mentors als Kanzler der Einheit und der europäischen Einigung seien „nicht hoch genug einzuschätzen“. Aber: „Jede Zeit hat ihre spezifischen Herausforderungen.“ Im Umkehrschluss heißt das: Der 81-jährige Kohl ist nicht mehr auf der Höhe der Zeit.

    Eine diffuse Sorge um sein politisches Vermächtnis

    Dass er mit seinem spektakulären Interview eine alte Rechnung begleicht, die er mit Angela Merkel noch offen hat, bezweifeln die meisten Parteifreunde allerdings. Kohl arbeite nicht direkt gegen Merkel, sagt ein einflussreicher Unionsmann, der beide gut und lange kennt. Ihn treibe weniger persönliche Verbitterung als eine diffuse Sorge um Europas Zukunft und sein politisches Vermächtnis um, zu dem ja nicht zuletzt der Euro gehöre. Die Form jedoch, die Helmut Kohl dafür gewählt hat, erinnert durchaus an die Art, wie die CDU-Generalsekretärin Merkel nach der Spendenaffäre 1999 mit ihm gebrochen hat.

    Damals erschien in der Frankfurter Allgemeinen ein Beitrag der heutigen Kanzlerin, in dem sie dem Altkanzler vorwarf, sich über Recht und Gesetz gestellt zu haben, und in dem sie der CDU empfahl, künftig ohne ihr „altes Schlachtross“ auszukommen. Nun ist es Kohl, der gar nicht erst versucht, seine unpopuläre Botschaft auf dem kleinen Dienstweg an die Frau zu bringen, sondern sie in gedruckter Form öffentlich macht. „Wenn wir damals so verzagt reagiert hätten“, klagt er, „hätten wir die deutsche Einheit mit Sicherheit nicht erreicht.“ Große Veränderungen in der Welt könnten keine Entschuldigung dafür sein, „dass man keinen Standpunkt hat“.

    Es ist nicht das erste Mal, dass er sich die Politik von Angela Merkel vornimmt – zur Freude der Opposition, die sich wie Jürgen Trittin durch die „beispiellose und vernichtende“ Kritik bestätigt fühlt. Bereits im vergangenen Herbst hatte Kohl bei einem Festakt zum Tag der Einheit betont, was er vom Verzicht auf die Wehrpflicht hält, nämlich überhaupt nichts. Im Mai, bei der Verleihung des Henry-Kissinger-Preises, machte er seine Sorge um Europa und seine Zweifel am bisherigen Krisenmanagement erstmals öffentlich. Da er gesundheitlich nach einem schweren Sturz vor einigen Jahren stark angeschlagen und teilweise kaum noch zu verstehen ist, ging die Kritik jedoch im allgemeinen Trubel unter. Aufmerksamen Beobachtern fiel allerdings auf, dass er Angela Merkel, die im Publikum saß, regelrecht ignorierte. Wenige Wochen zuvor hatte Kohl sich in seinem Hausblatt, der Bild-Zeitung, auch schon über ihren „überhasteten“ Ausstieg aus der Kernenergie erregt: „Es ist ein folgenschwerer Irrtum anzunehmen, dass andere Länder uns folgen werden.“

    Was die Kanzlerin von ihrem Parteifreund gelernt hat

    Die Kanzlerin hat diesen Einwand wie viele andere auch bislang geflissentlich ignoriert. Sie weiß, dass sie Helmut Kohl viel zu verdanken hat, und dass der Bruch mit ihm und der sich anschließende Rücktritt von Wolfgang Schäuble als Partei- und Fraktionsvorsitzender ihr womöglich erst den Weg ins Kanzleramt geöffnet haben. Gerade hat das US-Magazin Forbes sie wieder zur mächtigsten Frau der Welt ernannt, da kann Angela Merkel mit Kohls Kritik so umgehen, wie sie es bei ihm gelernt hat: Sie sitzt sie aus.

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