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24. August 2010 19:22 Uhr

Hauptbahnhof

Stuttgart 21: Zug der Zukunft auf dem Abstellgleis?

Seit die Bagger angerollt sind, wächst der Protest gegen Stuttgart 21, gegen die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde. Hauptargument der Gegner sind die hohen Kosten. Die Befürworter verweisen auf Zeitgewinne für die Reisenden. Von Peter Reinhardt

Die Folgen der Farbbeutelwürfe durch Stuttgart-21-Gegner sind noch gut sichtbar, als Projektsprecher Wolfgang Drexler am Montag zur Pressekonferenz bittet. Unbekannte hatten am Wochenende zehn Beutel gegen die Fensterfront des düsteren Hochhauses geworfen, in dem Drexler sein Büro mit Blick auf den heiß umstrittenen Nordflügel des Hauptbahnhofs hat.

Der SPD-Politiker und der Architekt Christoph Ingenhoven suchen die Offensive. Den aufgeflammten Protest findet der Planer nicht überraschend: "Es hat in den letzten 20 Jahren eine Reihe von Großprojekten gegeben, die zunächst ähnlich schwierig aufgenommen wurden." Ingenhoven will in der ziemlich aufgeheizten Atmosphäre einen "Beitrag zur Aufklärung" leisten.

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Ingenhoven behandelt den Streit um das Milliardenprojekt als "normalen Interessenkonflikt". Wer die hohen Stuttgarter Immobilienpreise gut finde, müsse gegen Stuttgart 21 sein, schiebt er nach. Denn das Projekt schaffe Raum für die Erweiterung der Stadt und sorge damit für eine Entspannung am Wohnungsmarkt. Ihn ärgert sichtlich, dass die Gegner so täten, als hätten sie "eine höhere moralische Autorität". Eigentlich wollte er Änderungen seines Entwurfs vorstellen. Doch die interessieren nicht so richtig.

Stuttgart 21 ist viel mehr als der Neubau eines neuen Hauptbahnhofs. Nur 15 Prozent der mittlerweile auf 4,1 Milliarden Euro gestiegenen Kosten entfallen auf die geplante unterirdische Durchgangsstation und zwei kleinere Haltestellen. "Die teueren Sachen sind die Strecken", erläutert André Zeug von der Bahntochter Station & Service. Zwischen Stuttgart-Zuffenhausen und Wendlingen im Kreis Esslingen werden 57 Kilometer neue Gleise gebaut, mehr als die Hälfte in Tunneln.

Nur noch acht Minuten brauchen die Schnellzüge durch den Fildertunnel von der Innenstadt bis zum neuen Flughafenbahnhof, der auch das neue Messegelände anschließt. Die Fahrzeiten verkürzen sich zum Teil drastisch. Von Heilbronn zum Flughafen dauert es nach Fertigstellung statt 90 nur noch 49 Minuten. Von Stuttgart kommen die Bahnreisenden dann in 36 Minuten nach Tübingen (bisher zwischen 46 und 61 Minuten).

Für den Fernverkehr ist die Neubaustrecke von Wendlingen bis Ulm entscheidend. Mit dieser auf 2,9 Milliarden Euro veranschlagten Trasse verkürzt sich die Reisezeit von Mannheim nach Ulm von 97 auf 67 Minuten. Diese 30 Minuten sind für die Landespolitiker ein gewichtiges Argument. "Ohne das Bahnprojekt würde Baden-Württemberg in den Verkehrsschatten geraten", rechtfertigte der damalige Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) den hohen Landeszuschuss von fast 1,8 Milliarden Euro.

Stuttgart 21 ist kein normales Bahnprojekt. Weil die oberirdischen Gleise durch die Zuleitungsstrecken im Tunnel entfallen, entstehen 100 Hektar Erweiterungsfläche. Ein Fünftel soll Park werden.

Die hohen Gesamtkosten von fast sieben Milliarden Euro für Stuttgart 21 und die Neubaustrecke bis Ulm sind ein zentrales Argument der Gegner. Mit dieser Summe könnte an anderer Stelle mehr für den Schienenverkehr erreicht werden. Am Bauzaun am Nordflügel versammelten sie sich mittlerweile zur 40. "Montagsdemonstration". Der Flügelbau soll abgerissen werden, während das Hauptgebäude mit dem markanten Turm stehen bleibt. In der aufgeheizten Stimmung finden diejenigen Redner die größte Zustimmung, die eine Kostenexplosion auf zehn bis elf Milliarden Euro prognostizieren.

Die Demonstrationen haben richtig Zulauf, seit im Juli der Bauzaun aufgestellt wurde, um den Seitenflügel abzureißen. Bis zu 20 000 Menschen haben sich zuletzt für den Erhalt des Kopfbahnhofs versammelt. "Oben bleiben", skandieren sie. Völlig unklar bleibt bei diesem Modell die Anbindung der Neubaustrecke nach Ulm. Selbst der selten um ein Wort verlegene Drexler wundert sich, wenn er seinen Blick über die Demonstranten schweifen lässt: Viele gut situierte Bürger aus der gesuchten Halbhöhenlage sind darunter, Kulturschaffende, Ingenieure und viele Rentner. Vielen geht es um den unveränderten Erhalt der Stadt oder sie fürchten die Belästigung durch Lärm und Staub, wenn erst einmal die größte Baustelle der Republik richtig in Betrieb sein wird. 20.000 Menschen haben sich bei den "Parkschützern" registrieren lassen. Sie wollen durch Sitzblockaden und Anketten das Fällen von 280 Bäumen im Schlossgarten verhindern.

Das Zauberwort unter den Gegnern ist derzeit Moratorium. Die Bauarbeiten sollten unterbrochen werden und die Pause für eine Bürgerbefragung genutzt werden. "Wenn noch mehr Leute für eine moderne Eisenbahn-Infrastruktur demonstrieren, auch wenn die Bagger rollen, dann wird den Befürwortern nichts anderes übrig bleiben, als sich mit den Gegnern an einen Tisch zu setzen", meint der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne), ein Stuttgart-21-Gegner. Doch es gibt bindende Verträge. Wie teuer wäre ein Ausstieg? Selbst darüber gibt es Streit.

Die Fronten sind festgefahren. "Das ist ein Kommunikations-GAU", gibt ein Stratege der Südwest-CDU zu. Selbst Ministerpräsident Stefan Mappus spottete kürzlich: "Wenn es mal einen Preis für die schlechteste Marketing-Kampagne gibt, haben wir mit Stuttgart 21 gute Chancen." Die eigenen Chancen bei der Landtagswahl im März 2011 steigen auch nicht. Zumindest in Stuttgart, fürchtet Verkehrsministerin Tanja Gönner, "kostet das Stimmen".

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