„Lieber Musa“, begann Steve Kappes sein vertrauliches Schreiben. Wer weiß, dass es der angelsächsische Kulturkreis eindeutig bevorzugt, Adressaten mit ihrem Vornamen anzureden, wird daraus nicht gleich eine enge Duzfreundschaft ableiten.
Eine gewisse Nähe aber muss es gegeben haben zwischen Kappes, dem CIA-Mann, und Musa Kussa, der die libysche Spionage leitete, bevor er Außenminister wurde und schließlich ins Exil floh. Zumindest lassen die Zeilen auf eine eingespielte Arbeitsbeziehung schließen. In dem Brief, zu Papier gebracht im März 2004, hält sich Kappes nicht lange bei der Vorrede auf. Die USA waren dabei, Muammar al-Gaddafi aus der Kälte der Isolation zu holen, nachdem der Alleinherrscher beschlossen hatte, nicht mehr nach Massenvernichtungswaffen zu streben. Der Wille Libyens zur Kooperation bedeute, „dass nun der richtige Zeitpunkt ist, um weitere Schritte zu gehen“, lobte der amerikanische Geheimdienstler und wurde schnell konkret. „Wir möchten gern mit Ihnen zusammenarbeiten beim Verhör des Terroristen, den wir Ihrem Land vor Kurzem übergeben haben.“ Er wolle, so Kappes, zwei seiner Mitarbeiter nach Tripolis schicken, damit sie den Verdächtigen direkt befragen könnten.
Bei dem Inhaftierten handelte es sich um Abdul Hakim Belhadsch, einen der Anführer der Libyschen Islamischen Kampfgruppe, die im Untergrund gegen Gaddafi agierte. Für die Regierung George W. Bushs war er ein Feind, ein Verschwörer jener radikalislamischen Internationale, die sich rings um El Kaida formierte, um den Westen zu bekämpfen. Nach Informationen des Intellektuellenmagazins New Yorker wurde Belhadsch Anfang 2004 auf dem Flughafen von Kuala Lumpur festgenommen, ins benachbarte Thailand gebracht, wo ihn CIA-Agenten verhörten, und dann nach Libyen geflogen, wo er sechs Jahre hinter Gittern saß. Die Ironie der Geschichte will es, dass er heute zu den Rebellenkommandeuren gehört, die Gaddafi aus Tripolis verjagten, mithilfe von Briten, Franzosen und Amerikanern.
Gefunden wurde das Schreiben in einem Büro Musa Kussas in Tripolis. Es steht nicht auf einem Kopfbogen, was vorsichtige Kommentatoren seine Echtheit anzweifeln lässt. An der Substanz freilich ändert es nichts.
Pünktlich zum zehnten Jahrestag der 9/11-Anschläge ruft die Causa Belhadsch eines der umstrittensten Kapitel des „Krieges gegen den Terror“ in Erinnerung. Jenes Geheimprogramm, das Bushs Mannschaft „rendition“ nannte: die Überstellung gefangener Terrorverdächtiger in Drittländer, wo sie zum Reden gebracht werden sollten, mit robusteren Methoden, als es amerikanisches Recht erlaubt hätte. Die CIA, seit dieser Woche von dem früheren Viersternegeneral David Petraeus geführt, wird wohl noch etliche Fragen beantworten müssen. Konfrontiert mit dem Dokumentenfund, hielt sich die Geheimdienstzentrale in Langley fürs Erste bedeckt. Es könne nicht überraschen, dass man mit ausländischen Regierungen zusammenarbeite, um Amerika vor Terror und anderen tödlichen Bedrohungen zu schützen. „Das ist genau das, was von uns erwartet wird.“
Auch deutsche Dienste erhielten offenbar Informationen
Auch deutsche Sicherheitsbehörden erhielten in der Vergangenheit offenbar Informationen von Gaddafis Geheimdienst. „Es ging in erster Linie um Informationen für den Anti-Terror-Kampf und damit um die Sicherheitsinteressen von Deutschland“, sagte der frühere Geheimdienstkoordinator von Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU), Bernd Schmidbauer, der Bild am Sonntag. Gemeinsame Aktionen von deutschem und libyschem Geheimdienst habe es aber nicht gegeben, versicherte Schmidbauer. (mit dpa)