Ex-RAF-Terroristin Verena Becker tat am Montag zwei Dinge, die sie bis jetzt nie getan hatte: Am 89. Verhandlungstag nahm sie ihre Sonnenbrille ab und verlas eine Erklärung. 88 Verhandlungstage, sprich anderthalb Jahre, hatte sie im Oberlandesgericht Stuttgart im Prozess um den Mord an dem Generalbundesanwalt Siegfried Buback zur Sache eisern geschwiegen – die Augen verdeckt durch dunkle Gläser.
Die Prozessbeteiligten, aber auch die Medien, hatten ihrer angekündigten Aussage mit Spannung entgegengesehen. Doch als sie rund 20 Minuten später ihre Brille wieder aufsetzte, war klar, dass die Ohren- und Augenzeugen im überfüllten Sitzungssaal 6 soeben keine sensationelle Wende im Prozess gegen die Ex-Terroristin erlebt hatten.
Verena Becker und ihre Abkehr vom Terror
Ein Kernsatz am Anfang ihrer Aussage genügte, um Ernüchterung einkehren zu lassen: „Sie wollen wissen, wer Ihren Vater getötet hat. Diese Frage kann ich nicht beantworten, ich war nicht dabei“, sagte Becker mit klarer, fester Stimme und schaute zu Michael Buback, dem Sohn des Attentatsopfers und Nebenklägers, hinüber. Sie müsse sich verteidigen und das tue sie mit dieser Erklärung. Schließlich habe es im Prozess „Beschuldigungen gegen sie gegeben, die sie nicht stehen lassen“ könne.
Die Rote Armee Fraktion (RAF)
Die RAF war eine linksextremistische terroristische Vereinigung in Deutschland.
RAF steht für Rote Armee Fraktion.
Gegründet wurde die Terrorvereinigung 1970 unter anderem von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Horst Mahler.
Mitglieder der RAF töteten im Lauf der Jahre 34 Menschen, verletzten bei Attentaten unzählige weitere Opfer, und richteten enorme Sachschäden an.
Die RAF verstand sich als antiimperialistische Gruppe. Ihre Anhänger waren der Meinung, sie müssten den "US-Imperialismus" mit Waffengewalt bekämpfen.
In den Medien wurde die RAF anfangs als „Baader-Meinhof-Bande“ oder als „Baader-Meinhof-Gruppe“ bezeichnet.
Zu den prominentesten Opfern der RAF gehörten Peter Lorenz, Spitzenkandidat der Berliner CDU, der Vorstandssprecher der Dresdner Bank AG Jürgen Ponto, der Präsident des Bundesverbandes der Arbeitgeber Hanns Martin Schleyer, und Ernst Zimmermann, Chef des Rüstungskonzerns MTU.
Auch die Morde am Diplomat Gerold von Braunmühl (1986), am Chef der Deutschen Bank, Alfred Herrhausen (1989), und dem Präsidenten der Treuhandanstalt, Detlev Karsten Rohwedder (1991) gingen auf das Konto der RAF.
Von den rund 80 Menschen, die zum engeren Kreis der RAF gehörten oder mit ihr sympathisierten, kamen 27 ums Leben, wurden bei Polizeieinsätzen getötet, begingen Selbstmord oder starben durch Hungerstreik.
Mehrere Verbrechen, die der RAF zugerechnet werden, sind bis heute nicht restlos aufgeklärt.
1998 erklärte die RAF ihre Selbstauflösung.
Dann jedoch kam doch noch so etwas wie ein Bekenntnis: „Schon seit Mitte der 80er Jahre bin ich, wie in der Folgezeit ja offenkundig wurde, meinen eigenen Weg gegangen“ – so verklausuliert formulierte die Angeklagte ihre Abkehr vom Terror. Zu einem offenen Wort darüber, dass ihr Einsatz für die RAF falsch gewesen sei, konnte sie sich aber nicht durchringen.
RAF wollte Terroristen aus Stammheim freibekommen
Wer gar mit einer Bitte um Verzeihung an Michael Buback und die Hinterbliebenen der beiden anderen Begleiter, Wolfgang Göbel und Georg Wurster, die ebenfalls bei dem Anschlag getötet wurden, gerechnet hatte, sah sich getäuscht. Im Kontext der folgenden konkreten Aussagen war dies allerdings fast konsequent. Denn Becker beteuerte, weder bei der Tat selbst dabei gewesen noch in Planung und Vorbereitung involviert gewesen zu sein. Es stimme hingegen, dass bei Treffen der Gruppe von den Überlegungen, eine „Aktion“ gegen Siegfried Buback durchzuführen, die Rede gewesen sei. Sie habe diese Aktionen damals im Grundsatz auch gebilligt. Schließlich habe es ein „starkes Bedürfnis“ gegeben, die in Stammheim inhaftierten RAF-Terroristen freizubekommen.
Becker hatte Bekennerschreiben in der Hand
Warum aber hat sie dann nicht mitgemacht? Die heute 59-Jährige sagte gestern aus, sie habe sich am 7. April 1977, dem Tag des Anschlags, auf der Rückreise aus dem Nahen Osten über Osteuropa befunden. In Rom schließlich habe sie am 8. April von der Tat erfahren. Becker gab lediglich zu, einige Tage später Briefumschläge mit Bekennerschreiben bestückt zu haben – man hatte 2009 ihre DNA an den Umschlägen gefunden.
Nur wenige Prozessbeobachter glauben heute noch daran, dass die zierliche Verena Becker am Gründonnerstag 1977 auf dem Motorrad saß, geschweige denn geschossen hat. Oberstaatsanwalt Walter Hemberger hat dies nie getan: Er hoffe, dass sich dieser Vorwurf mit der Erklärung „erledigt“ habe, denn „an dieser Spekulation ist nichts dran“.
Gegen Becker gibt es nur Indizien
Es wird nun immer unwahrscheinlicher, dass Becker wegen Mittäterschaft belangt wird. Und das, obwohl es Indizien gibt, die zumindest den Verdacht einer Mittäterschaft stützen: So wurde am 3. Mai 1977 die Tatwaffe bei Verena Becker und dem Terroristen Günter Sonneberg in Singen sichergestellt. Becker sagte dazu, sie hätten die Aufgabe übernommen, die Waffe ins Ausland zu bringen. Dennoch erscheint es aus heutiger Sicht rätselhaft, warum damals gegen das Duo nicht weiter ermittelt wurde. So aber gilt es als nahezu sicher, dass Becker, wenn sie überhaupt verurteilt werden sollte, wohl nur wegen Beihilfe belangt werden wird.
Wer hat Buback erschossen?
Michael Buback war gestern nicht der Einzige im Saal, der Verena Becker nicht abnimmt, dass sie nicht weiß, wer geschossen hat. Schließlich könne man auch von dem Hergang einer Tat wissen, bei dem man nicht dabei gewesen ist. Sein Vorwurf: „Warum haben Sie das nicht zu Beginn dieses Prozesses – der ja sehr lang ist und sehr quälend, ich glaube, auch für Sie –, warum haben Sie diese Erklärung nicht zu Beginn des Prozesses abgegeben?“ Ein Prozess, der sich dem Ende zuneigt. Doch Buback gibt nicht auf: Er appellierte an die Angeklagte, in einer weiteren Erklärung die offenen Fragen zu beantworten. Doch seine Stimme verriet, dass es ihm selber schwerfällt, daran zu glauben, dass Verena Becker im Oberlandesgericht noch einmal ihre Sonnenbrille abnimmt, um endlich zu sagen, wer seinen Vater erschossen hat.