Von Ronald Hinzpeter Ein Täter wird gejagt - und das Internet ist voller Jäger. Kaum wurde bekannt, dass es sich bei dem Amokläufer von Winnenden um den 17-jährigen Tim K. handelt, gerät die Netzgemeinde gehörig ins Brummen - und macht Unschuldige für Stunden zu Tätern. Jeder, der Tim K. heißt, ist erst mal verdächtig und wird mit Namen und Bild ausgestellt.
Mittags war nur klar, dass er offenbar einmal für den TSV Leutenbach, ein Nachbarort von Winnenden, Tischtennis gespielt hat. Mehr ist zunächst nicht herauszubringen, auch in den Blogs ist nichts zu finden. Dennoch wird etwas entdeckt. Doch ob es sich um den wahren Tim K. handelt, ist nicht sicher. So wird lange ein Auszubildender aus Bremen gleichen Namens als Täter gehandelt. Sein Bild taucht mehrfach als Link bei Twitter auf. Wenn man sich dann die Seite näher anschaut, auf der das Gesicht von Tim K. auftaucht, stellt man fest: Es ist ein 20-jähriger aus Bremen.
Der nächste Verdächtige wird bei Facebook geortet. Auch dort hat ein Tim sein Profil hinterlassen und ein verdächtiges Bild eingestellt: Es zeigt Pistolen und Geld. Dass als Ortsangabe Hessen und nicht Baden-Württemberg daneben steht, scheint niemanden so recht zu interessieren. Auch das Alter - 18 - stimmt nicht. Und so wird munter dahin getwittert mit verdächtigen Links und einem weiteren Bild, das einen bebrillten Mann mit einer Art Blumenkette auf dem Kopf zeigt. Auch hier der unmissverständliche Hinweis: Das ist Tim K.! Mag sein, aber er ist nicht mit dem Amokläufer von Winnenden identisch.
Authentisch scheint nur ein Bild, das die Abschlussklasse der Albertville-Realschule zeigt. Unter den Schülern: Tim K. Es stammt von der Homepage der Schule, die schon kurz nach der schrecklichen Tat gesperrt worden ist. Die Spekulationen in Twitter schießen gewaltig ins Kraut, so sehr, dass das Portal teilweise wegen Überlastung nicht mehr zu erreichen ist. Erst am frühen Abend verbreiten sich die richtigen Fotos. Sie zeigen Tim K. bei einer Siegerehrung für die Tischtennis-Bezirksmeisterschaften 2004. Da steht ein milchgesichtiger Schüler auf einem improvisierten Treppchen in einer Turnhalle und schaut reichlich unbestimmt in die Gegend.
Wie ein englischsprachiger Blogger schreibt, sei dies die deutsche Stunde des Zwitscherdienstes. Der hatte überraschende Berühmtheit erlangt, als während der Anschläge im indischen Mumbai einige Augenzeugen ihre Beobachtungen via Twitter verbreiteten. Als in New York ein Flugzeug auf dem Hudson notlandete, da war das der "amerikanische Twitter-Moment", denn ein Student schickte von einer Fähre das allererste Bild der gewasserten Maschine ins Web. Doch Winnenden ist weder Mumbai noch New York, denn alle Nachrichten stammen aus den klassischen Medien. Augenzeugen sind nicht dabei, dafür jede Menge Mutmaßer. Jetzt möchte man nicht Tim K. heißen - sonst wäre man wahrscheinlich ein Opfer der Spekulationswut im Netz.