Sie geben sich als vornehme "First Lady", treten als nachdenkliche Liedermacherin auf oder präsentieren sich als familienfreundliche Sozialarbeiterin: Das öffentliche Bild weiblicher Rechtsextremisten wird von scheinbar gemäßigten Frauen verkörpert. Oft ist ihr Auftreten ruhig und bedacht - was gelegentliche Hetzparolen aber nicht ausschließt. Die Festnahme von Beate Zschäpe Mitte November gibt Einblicke, wie sich der weibliche Rechtsextremismus unter der Oberfläche radikalisiert. "Der Mythos der friedfertigen Frau ist auch in diesem Bereich schon lange überholt", sagt die Sozialwissenschaftlerin Michaela Köttig. "In der Szene gibt es alle vorstellbaren Rollenbilder von Frauen. Diese werden auch gelebt."
Die Frauen sind nicht bloß Mitläufer
Köttig forscht seit Anfang der 90er Jahre zu weiblichem Rechtsextremismus, zunächst an der Universität Kassel, später in Göttingen und Frankfurt. Eines ihrer Hauptanliegen besteht in der Klarstellung: Diese Frauen sind keine Mitläuferinnen. "Auch heute kann sich eigentlich kaum jemand vorstellen, dass eine Frau rechtsextrem-terroristisch auftritt. Bei Linksextremen geht das, weil diese für eine positiv konnotierte Utopie, eine bessere Welt, kämpfen", erzählt die 46-Jährige. "Die Rechten kämpfen für eine destruktive Welt. Und das ist bei Frauen nur schwer vorzustellen."
In den Vordergrund drängte zuletzt Marianne Pastörs. Die meist jovial lächelnde Frau von Mecklenburg-Vorpommerns NPD-Fraktionschef Udo Pastörs bewarb sich im Sommer um den Landratsposten für den Großkreis Südwestmecklenburg. Damit war sie die erste Kandidatin der rechtsextremen NPD - sie scheiterte jedoch. Dabei wollen rechte Kaderfrauen verstärkt in der gesellschaftlichen Mitte andocken: Ob als Betreuerin eines Schwimmvereins in Niedersachsen, als Liedermacherin auf NPD-Wahlkämpfen in Berlin oder im Yoga-Kurs für werdende Mütter.
"Man traut ihnen keine rechtsextreme Ideologie zu"
"Die derzeitige Strategie der rechten Szene ist, alle gesellschaftlichen Schichten zu unterwandern", sagt Köttig. "Da sind genau diese Frauen besonders gefragt, weil man ihnen überhaupt keine rechtsextreme Ideologie zutraut. So gelingt es ihnen, ihre Vorstellungen nach und nach in diesen Kontext einfließen zu lassen, damit dieser immer normaler wird." Den Versuch der schleichenden Unterwanderung bezeugt auch ein Ausschnitt aus einem Artikel der NPD-Zeitung "Deutsche Stimme". Darin heißt es: "Wir dürfen nicht weiterhin die Bereiche Bildung und Erziehung den Etablierten überlassen." Die Gegenmaßnahmen sind vielfältig: Mecklenburg-Vorpommern oder Lüneburg verlangen beispielsweise mittlerweile von allen städtischen Erzieherinnen eine Erklärung, nicht Mitglied einer extremen politischen Gruppierung zu sein.
Frauen verüben zehn Prozent der Neonazi-Taten
Rechtsextremistinnen sind bei weitem keine braunen Betthäschen, wie "Bild"-Kolumnist Franz Josef Wagner spekulierte. "Die Frauen sind nicht weniger fanatisch als die Männer", sagte jüngst Extremismus-Expertin und Autorin Andrea Röpke ("Mädelsache! - Frauen in der Neonazi-Szene"). Allein zehn Prozent der Straftaten in der Neonazi-Szene würden von Frauen verübt.
Vom weiblichen Rechtsextremismus geht nach Köttigs Einschätzung eine besondere Gefahr aus. "Frauen sind in der Szene vogelfrei, wenn sie nicht als politische Aktivistinnen erkannt werden." Daher würden sie gerne eingesetzt, um Demonstrationen anzumelden, Räume anzumieten oder Konten zu eröffnen.
Beate Z., die als mutmaßliches Mitglied der Zwickauer Terror-Zelle für zehn Morde mitverantwortlich sein soll, ist für Köttig ein Beispiel, dass die radikalisierten Frauen zunehmend an die Spitze drängen. "Die Frauen sind über Jahre in der Szene sozialisiert und treten immer mehr auch auf die Bühne. Sie bleiben nicht mehr so stark im Hintergrund." dpa/AZ
Die Zwickauer Terrorzelle - Chronologie der Ereignisse
Freitag, 4. November: Am Vormittag überfallen zwei Männer eine Bank im thüringischen Eisenach und fliehen. Während der Fahndung stoßen Polizisten auf zwei Leichen in einem Wohnmobil. Beamte hatten Hinweise erhalten, dass ein Caravan bei dem Überfall eine Rolle gespielt haben könnte.
Samstag, 5. November: Ermittler untersuchen die Schusswaffen, die in dem Wohnmobil gefunden wurden.
Montag, 7. November: Unter den Pistolen im Wohnwagen sind die Dienstwaffen der im April 2007 in Heilbronn getöteten Polizistin Michele Kiesewetter und ihres schwer verletzten Kollegen. Die später identifizierten Männer Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, deren Leichen entdeckt wurden, sollen den Banküberfall begangen haben. Sie sollen zusammen mit einer Frau in einer Wohnung in Zwickau gelebt haben, die wenige Stunden nach dem Banküberfall explodiert war. Nach der Frau, Beate Zschäpe, wird gefahndet.
Dienstag, 8. November: Die bundesweit gesuchte Beate Zschäpe stellt sich der Polizei in Jena. Spekulationen kommen auf, dass die mutmaßlichen Bankräuber eine Verbindung in die Neonazi-Szene gehabt haben könnten. Sie und die verdächtige Frau sollen in Thüringen als rechtsextreme Bombenbauer in Erscheinung getreten sein.
Mittwoch, 9. November: Zschäpe sitzt in U-Haft und schweigt. Nach Aussage von Thüringens Innenminister Jörg Geibert hatten die Männer bis 1998 Verbindungen zum rechtsextremen Thüringer Heimatschutz - danach jedoch nicht mehr. Polizei und Staatsanwaltschaft in Sachsen machen die Frau zunächst nur für die Explosion des Wohnhauses in Zwickau verantwortlich.
Donnerstag, 10. November: In den Trümmern des abgebrannten Hauses in Zwickau werden weitere Schusswaffen gefunden.
Freitag, 11. November: Es ist die spektakuläre Wende in dem Fall: Unter den Waffen ist die Pistole, mit der zwischen 2000 und 2006 neun Kleinunternehmer erschossen wurden - Türken, ein Grieche und Deutsche mit Migrationshintergrund. Außerdem entdecken Fahnder rechtsextreme Propaganda-Videos. Diese beziehen sich auf eine Gruppierung mit dem Namen Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) und enthalten Bezüge zur Mordserie. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe übernimmt die Ermittlungen.
Sonntag, 13. November: Die Bundesanwaltschaft geht erstmals ausdrücklich von Rechtsterrorismus aus. Der Bundesgerichtshof erlässt Haftbefehl gegen Zschäpe wegen des dringenden Tatverdachts «der Gründung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung». In Lauenau bei Hannover wird ein mutmaßlicher Komplize festgenommen. Holger G. soll dem Neonazi-Trio 2007 seinen Führerschein und vor etwa vier Monaten seinen Reisepass zur Verfügung gestellt haben. Die Rolle des Verfassungsschutzes in dem Fall ist unklar. Politiker fragen, warum die Rechtsextremen, die unter Beobachtung standen und schon 1998 in Jena als Bombenbauer auffielen, so lange unbehelligt blieben.
Montag, 14. November: Justizministerin Sabine Leutheusser- Schnarrenberger sagt, die Strukturen des Verfassungsschutzes sollten auf den Prüfstand gestellt werden. Ihre Frage: «Was mich wirklich umtreibt, ist: Gibt es ein fester gefügtes rechtsextremistisches Netzwerk in Deutschland als bisher angenommen wurde?».
Donnerstag, 17. November: Der hessische Verfassungsschutz dementiert einen Bericht, ein 2006 suspendierter Mitarbeiter habe einen V-Mann beim rechtsextremen Thüringer Heimatschutz geführt. Der Verfassungsschützer war 2006 in einem Internetcafé in Kassel gewesen, kurz bevor dort die tödlichen Schüsse auf den türkischstämmigen Betreiber fielen.
Freitag, 18. November: Die Terrorzelle ist möglicherweise größer als bisher bekannt. Ermittler haben zwei weitere Personen im Visier. Sie sollen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe unterstützt haben. Nach mehreren Ermittlungspannen in der Vergangenheit wollen Bund und Länder mit besseren Strukturen auf den über Jahre unentdeckten rechtsextremistischen Terror reagieren.
Dienstag, 29. November: Fahnder nehmen den früheren NPD-Funktionär Ralf W. fest. Er soll ein weiterer mutmaßlicher Unterstützer der terroristischen Vereinigung «Nationalistischer Untergrund» (NSU) sein.