Der Himmel röhrt mit dem Turbinenlärm der Flugzeuge vom nahen City Airport. Unkraut schießt durch Metallzäune in die klebrigen Abgase der Stadtautobahn. Fish Island ist die feindseligste Landschaft Londons, die düstere Gegenseite zum Glanz und Glamour rund um Piccadilly Circus. Schrottpressen, Container-Waschanlagen und Lagerhallen verdauen hier den Müll der Metropole, verbannt in ein Niemandsland zwischen Betontrasse, Bach und muffigem Kanal. In einem Busdepot machen die Fahrer Pause. Die Straße endet an einem Bretterzaun. Früher hätte dies gut das Ende der Welt sein können, heute erhebt sich über den schmuddeligen Flachbauten die futuristische Dachkrone des Olympiastadions.
Dann kamen die Planer und Investoren mit ihren Krawatten
Für Oliver David könnte es gar nicht schlimmer kommen: „Es hat bisher keinen anderen Ort in Großbritannien gegeben, an dem Künstler so billig so viel Platz zum Experimentieren haben.“ 600 Kreative leben und arbeiten in der Ecke – so zumindest die grobe Schätzung der Stadtverwaltung. Doch viele mehr hausen wie David außerhalb irgendwelcher Statistiken in verlassenen Fabrikhallen. Für sie war die Industriebranche stets Schutzraum in einer völlig überhitzten Metropole – bis London 2005 den Olympia-Zuschlag bekommen hat. Denn dann kamen die Planer, Investoren und Käufer in Krawatten nach Fish Island, nur 100 Meter vom Olympiapark gelegen.
Neben den Billigateliers in einem alten Backsteinbau, der früher Taxizentrale und Prostituiertenquartier war, haben Entwickler teure Neubau-Architektur hochgezogen. Das Counter-Künstlercafé musste einem schicken Klub weichen, die Stimmung ist eine andere geworden. „Wenn wir eine Party feiern“, sagt David, „ist gleich die Polizei da. Gegen den Lärm aus dem Nachtklub unternimmt sie aber nichts.“ Überwachungskameras sind mittlerweile überall im Viertel, die Mieten klettern rasant, seitdem die Stadt den unwegsamen Osten für Olympia urbar gemacht hat.
Neue Häuser im Olympiapark
Seitdem fließen auch Menschen und Millionen in die Viertel Hackney und Stratford. Tausende neue Häuser rund um den Olympiapark sollen die Wohnungsnot im West End lindern. Für Europas größtes Städtebauprojekt sind S-Bahn-Linien verlegt, Erdreich entgiftet und Bäche renaturiert worden. Wenn Gäste 2012 für die Spiele am neuen Eurostar-Bahnhof „Stratford International“ aussteigen, stehen sie erst einmal vor Europas größtem Einkaufszentrum. Zwei Milliarden Euro haben Investoren in die „Westfield Mall“ mit 300 Läden und 50 Restaurants gepumpt.
Autor und Hackney-Historiker Iain Sinclair schmerzt der Mega-Strukturwandel genau wie auch den Künstlern in Fish Island: Ihm scheint es, als ob „Frankenstein mithilfe von Google Earth und einem Laser-Skalpell“ sein Viertel umpflügen würde. Mit „Ghost Milk“ hat er dem Londoner Osten gerade ein literarisches Denkmal gesetzt – ein Denkmal für Verschwundenes, Planiertes, Abgerissenes. Regenerierung, jenes Zauberwörtchen, mit dem London schließlich den Zuschlag für Olympia 2012 gewonnen hat, macht ihn wütend. „Alles, was man hier etablieren will – Nachbarschaft, Gemeinschaft, finanzierbarer Wohnraum, Erholungsflächen –, das war immer schon vorhanden“, sagt er, „hier wird nicht regeneriert, sondern zerstört.
Anwohner werden wegen des Olympiaparks vertrieben
Er erinnert an Kleingärtner, die dem Olympiapark weichen mussten. Auch auf Fish Island sind für einen gigantischen Reisebus-Parkplatz 170 Kleinbetriebe vertrieben worden. Bis auf die Vorzeigefirma „Forman & Sons“, Londons älteste Lachsräucherei, hat kaum ein zwangsumgesiedelter Betrieb den Neuanfang geschafft. Wer bleiben durfte, zittert jetzt vor dem neuen Einkaufszentrum.
Das Schicksal des Ruderklubs „Eton Mission“ zeigt, wie löchrig die offiziellen Versprechen von nachhaltiger Planung sind. Seit 1886 lässt der Klub in der Nähe von Fish Island seine Boote ins Wasser, Generationen von Arbeitern haben das billige Freizeitvergnügen wahrgenommen. Jetzt soll ihr Geräteschuppen für eine Brücke in den Olympiapark weichen. Einen Abtretungsvertrag musste der Verein bereits unterschreiben, ein neues, erschwingliches Grundstück mit Wasserzugang ist wegen des Immobilienbooms jedoch nicht mehr zu finden. Die Ironie dieser Situation entgeht auch den Ruderern nicht: „Unser Freizeitsport wird wegen Olympia 2012 seiner Existenz beraubt“, so Mitglied Robert Hall junior. Das Rudern auf ihrer alten Vereinsstrecke ist ihnen im Sommer 2012 ohnehin untersagt – aus Sicherheitsgründen. Die Terroreinheit der Polizei hat bereits zwei Mal ihr Klubhaus an der Olympiabaustelle gestürmt. Fürs Fotografieren und Entenfüttern haben sie kürzlich eine Rüge kassiert. Die ursprüngliche Freude auf die Spiele ist bei den Sportlern verschwunden.
Wo sollen die Menschen mit niedrigem Einkommen hin?
„Die Frage ist doch“, sagt Oliver David in Fish Island, „wo wir und alle anderen mit wenig Einkommen hin sollen, wenn diese Ecke von London verschwindet.“ Dass es ausgerechnet die flippige Künstler-Atmosphäre ist, die reiche Immobilienhaie anlockt, gehört zu den Paradoxien des urbanen Umbruchs. Nur wer sich wie die „Odyssey Media Collective“ mit den neuen Vorzeichen arrangiert, profitiert. Die Freiberufler- und Künstler-Genossenschaft aus Hackney ist gerade auf Erfolgskurs und wird vom Kamerahersteller Olympus für kreative Projekte gebucht. Auch sie arbeiten 100 Meter neben dem neuen Stadion in den Billigateliers von „Stour Space“, sind jedoch anders als Oliver David längst Teil der Boom-Maschinerie. „Im Herzen bin ich Zyniker“, sagt ihr Mediengestalter Jeremy Newton, „aber bei der Zukunft von Fish Island wäre ich gern Optimist.“ Auf die Olympischen Spiele 2012 freut er sich schon jetzt.