In der Bundesrepublik schrumpft die Bevölkerung. Dieser Trend hält seit Jahren an.Im Jahr 2060 wird das Land deshalb ganz anders aussehen als heute.
"Deutschland schafft sich ab", lautet die umstrittene These von Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin. Teile seines gleichnamigen Buches - darunter sein Genetikkapitel - haben Fachleute längst als Unsinn zurückgewiesen. Dass Deutschland vor einem dramatischen demografischen Wandel steht, darüber sind sich Forscher aber einig.
Die politische Diskussion um die Rente mit 67, die Finanzierung der Pflege und die Forderung nach Zuwanderung findet im Schatten dieser Einsicht statt. Wie aber sieht der Wandel genau aus? Einige Antworten auf wichtige Fragen.
Wie entwickelt sich die Bevölkerung der Bundesrepublik?
Deutschland schrumpft. Grund ist die niedrige Zahl an Geburten. In Westdeutschland geht die Bevölkerung seit 1973 zurück, in Ostdeutschland seit 1968. Nach der Wiedervereinigung ist die Einwohnerzahl zwar dank der Aussiedler aus dem Ostblock kurzzeitig gewachsen. Seit dem Höchststand im Jahr 2002 mit 82,5 Millionen sinkt die Bevölkerung aber wieder.
Was sagen die Experten voraus?
Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Einwohnerzahl weiter zurückgeht. Das Statistische Bundesamt nimmt an, dass im Jahr 2030 noch 77,4 Millionen Leute hierzulande leben. Im Jahr 2060 sollen es dann 69,4 Millionen sein - aber nur, wenn die Rate von 1,4 Kindern pro Frau konstant bleibt und jährlich 100 000 Einwanderer kommen. Entvölkert wäre Deutschland 2060 übrigens noch lange nicht: Es hätte genauso viele Einwohner wie Ost und West 1950 oder immer noch mehr als die alte Bundesrepublik.
Was sind die Gründe für den Bevölkerungsrückgang?
Wie sich die Bevölkerung entwickelt, hängt von Geburten, Sterbefällen, der Einwanderung und Auswanderung ab. In den letzten Jahren zählte man pro Jahr rund 650 000 Geburten, aber 850 000 Sterbefälle, wobei die Zahl der Geburten sinkt, die der Sterbefälle steigt. Inzwischen ziehen zudem mehr Leute fort, als es Einwanderer gibt.
Was ist die Ursache für die niedrige Zahl an Geburten?
Hier gibt es mehrere Trends, die sich verstärken. Erstens sank die Zahl der Kinder, die eine Frau durchschnittlich zur Welt bringt, lange Zeit: Hatte eine Frau im gebärfähigen Alter im Jahr 1934 noch statistisch 2,2 Kinder, waren es 2008 noch 1,38. Zweitens bleiben immer mehr Frauen kinderlos. Das Statistische Bundesamt hat einen Zusammenhang mit der Bildung ermittelt: Je höher die Bildung ist, desto seltener haben Frauen im Westen Deutschlands Kinder. Und drittens sinkt heute die Zahl der potenziellen Mütter, da es immer weniger junge Frauen gibt. Trotz Familienplanung kommt auch heute jedes dritte Kind ungeplant zur Welt, wie das Rostocker Zentrum für Demografischen Wandel ermittelt hat.
Haben Migrantinnen besonders viele Kinder?
Laut Statistischem Bundesamt sind Migrantinnen häufiger Mütter als in Deutschland geborene Frauen. Sie haben dabei mehr Kinder: Jede vierte Mutter mit vier und mehr Kindern ist eine Zuwanderin. Der Demografie-Experte Reiner Klingholz ist aber sicher, dass von einer "hemmungslosen" Zunahme an Leuten mit türkischen Wurzeln nicht die Rede sein kann: "Derzeit bekommen Türkinnen im Mittel noch 2,1 Kinder", sagte er dem Spiegel.
Der Staat versucht mit Elterngeld und Kita-Plätzen dem Bevölkerungsschwund entgegenzusteuern. Ist dies zwecklos?
Es ist zu früh, einen langfristigen Trend abzulesen. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung zählt seit kurzem etwas mehr Geburten: Im Jahr 2006 kamen pro tausend Frauen zwischen 15 und 44 Jahren 41,7 Kinder zur Welt, 2007 waren es 43,1 und 2008 dann 43,3.
Wie wandelt sich die Bevölkerung?
Die Zahl der Menschen mit Migrationshintergrund steigt langsam, aber stetig. Hatten im Jahr 2005 rund 15,1 Millionen Einwohner ausländische Wurzeln, waren es im Jahr 2008 bereits 15,6 Millionen. Bei den Vorschulkindern hat mittlerweile jedes dritte ausländische Wurzeln.
Schreitet die Integration voran?
Migranten sind in Deutschland relativ gut integriert. Über 42 Prozent der Einwanderer und deren Nachkommen bewerten ihre Deutschkenntnisse als sehr gut. Bei den Schulabschlüssen gibt es kaum Unterschiede zur deutschen Bevölkerung. Eine Ausnahme ist der Anteil derer ohne Schulabschluss; er ist bei den Migranten höher.