"Ich befand mich gerade auf dem Weg zu einem Flug nach Peking. Als ich noch einmal ins Büro zurückkehrte, registrierte ich verblüfft, dass eine Menschentraube den Bildschirm umringte. Gezeigt wurden Bilder von den Twin Towers und es hieß, ein Sportflugzeug sei in einen der Türme gekracht. Das hat mich etwas gewundert, aber der Gedanke an einen Unfall lag da noch nahe. Wir hatten noch einen zweiten Bildschirm im Keller, wo ich meine Unterlagen hatte. Auch da waren viele Kolleginnen und Kollegen vor den Live-Bildern versammelt, und ich kam dazu, als das zweite Flugzeug in den zweiten Tower flog. Das war ein großer Schock. Nun war klar, dass es kein Unfall sein konnte, sondern ein Attentat. Ich sah noch, wie der erste Turm in sich zusammenfiel. Dann musste ich los. Natürlich war ich in einem Schockzustand. Sorge, dass auch der Flug nach Peking gefährdet sein könnte, hatte ich nicht. Es war klar, dass die Attentäter die USA im Visier hatten. Aber Bauchgrummeln hatte ich schon. Und schlagartig wurde mir auch klar, dass sich die Welt des Fliegens für immer verändern würde. Denn zum ersten Mal wurden Flugzeuge direkt als Waffe benutzt. Das war eine völlig neue Qualität.
Dennoch ist der Flugverkehr nach der ersten Schockwelle stetig gewachsen. Zu Teilen waren die Maßnahmen, die nach 9/11 ergriffen wurden, nicht sonderlich vernünftig. Für uns Piloten jedenfalls sind sie ein großes Ärgernis. Denn die Einstellung zu den Piloten hat sich grundlegend geändert. Bisher wurden wir als Teil der Sicherheitskette betrachtet, als Vertreter des Gesetzes an Bord. Nach den Anschlägen wurden wir unter Generalverdacht gestellt und bis heute werden wir oft strenger kontrolliert als die Passagiere. Dieser unterschwellige Verdacht verärgert sehr viele Kollegen. Wir sind ja alle sicherheitsüberprüft und trotzdem macht man uns Probleme, wenn wir auch nur ein Taschenmesser mitnehmen wollen. Dagegen wurde die wichtige fälschungssichere Identifikation bis heute nicht angegangen."