Lagerlechfeld Fahrlehrer Daniel Turner führt mich um das Auto herum und zeigt meiner Hand die geöffnete Fahrertür. Ich taste mich in das Auto hinein und sinke erleichtert auf den Fahrersitz. Anschnallen, Sitz einstellen. Den Blick in den Rückspiegel kann ich mir sparen. Ich habe eine Binde über den Augen und muss für meine beiden Mitfahrer Peter und Johannes alle meine Bewegungen in Worte zu fassen.
Fritz Turner und Werner Korn hatten 1996 die Idee, Blinden das Autofahren zu ermöglichen. Ein Bericht in einer Fachzeitschrift hatte sie auf die Idee gebracht. Seitdem stellt die Bundeswehr alle zwei Jahre die Start- und Landebahn ihres Flugplatzes am Lechfeld zur Verfügung. Dort können Blinde in Begleitung eines Fahrlehrers selbst fahren.
Heute versuche ich mich. „Dann starte mal den Motor“, fordert mich Daniels ruhige Stimme auf. In mir kriecht Panik hoch. Ich taste nach dem Zündschlüssel und drehe ihn, höre den Motor anspringen, lege den ersten Gang ein und würge den Motor in meiner Aufregung gleich wieder ab. Ich komme mir vor wie in meiner ersten Fahrstunde. Dabei hatte ich die bereits vor 26 Jahren. Und inzwischen bin ich viele Tausende Kilometer gefahren – aber keinen einzigen davon blind.
"Davon habe ich schon als Kind geträumt"
Ganz anders geht es Peter Prohl (47) aus Dachau: „Davon habe ich als Kind schon geträumt.“ Er genießt es, selbst am Steuer zu sitzen. Am meisten fasziniert Prohl die Bewegung, egal ob er beschleunigt oder bremst, im Kreis oder rückwärts fährt.
Dann tauscht er den Fahrersitz mit Johannes Avxentis. Der 46-Jährige ist bereits zum achten Mal bei einem solchen Termin dabei. In den 1980er-Jahren war er auf einer Jugendfreizeit in der DDR. Die Leiterin hatte einen Trabbi und lies ihn auf der Dorfstraße im ersten Gang fahren und bremsen. Seitdem hat ihm das Autofahren keine Ruhe mehr gelassen. Er genießt das Gefühl der Selbstständigkeit.
Ich dagegen fühle mich den Kommandos meines Fahrlehrers ausgeliefert. Er bestimmt, wohin wir fahren und ich sehe nicht einmal, welche Richtung wir einschlagen. „Du fährst jetzt 60 Stundenkilometer“, sagt Daniel. Mir wird bewusst: Er ist momentan der einzige in diesem Fahrzeug, der den Tachometer ablesen kann.
Mein Fahrlehrer muss nicht nur für mich sehen. Er muss ausrechnen, ob der Abstand reicht, wann ich wohin lenken muss und wie stark ich am Lenkrad drehen und das Gaspedal durchdrücken darf. Gleichzeitig muss er all seine Beobachtungen in Worte fassen, die ich verstehen und in Bewegung umsetzen kann.
„Wir können nicht die ganze Zeit fahren“, sagt Franz Turner, Initiator der Aktion während einer Pause. Freiwillige haben Kuchen gebacken und schenken Kaffee aus in einem Gebäude, das die Bundeswehr zur Verfügung stellt. Insgesamt beteiligen sich zehn Fahrschulautos samt Fahrlehrer der Firmen Turner (Großaitingen und Schwabmünchen), Amman (Schwabmünchen und Untermeitingen), Keinath (Augsburg) und Rödl (Schwabmünchen).
Jeder der 26 Blinden darf zweimal fahren. Jüngster Teilnehmer ist der 16-jährige Christoph aus Dinkelscherben. „160 Stundenkilometer, das war das Tollste“, sagt er. Fahrlehrer Michael Himsl ist beeindruckt von seinen blinden Fahrern: „Ich finde, Blinde haben eine bessere Motorik und setzen das Gesagte schneller um.“