Königsbrunn Die Stadt auf dem Lechfeld liegt mehrere Hundert Kilometer vom nächsten Meer entfernt – aber wenn der Seemanns-Chor hier auftritt, dann werden die Shantys und Schlager aufgenommen wie Heimatlieder. Und das nicht etwa, weil so viele Mitbürger hier schon mal zur See gefahren sind.
Aber die Lieder, die die rund 40 Sänger und Musiker intonieren, sind für die Zuhörer, die fast durchweg der „reiferen Jugend“ angehören, mit vielen Erinnerungen verbunden. Das ist auch bei der Maienbowle am Sonntagnachmittag wieder deutlich zu sehen. Kaum haben die Sänger mit „Heut geht es an Bord“ ihr erstes Stück angestimmt, singen schon viele Gäste im voll besetzten Saal des evangelischen Gemeindezentrums mit.
„Das weckt Erinnerungen an früher, an den Urlaub, an Lieder“, sagt Ursula Holzmann aus Wehringen, die gekommen ist, nachdem der Seemanns-Chor bei der dortigen Maifeier auftrat.
Diese Lieder haben das Fernweh einer ganzen Generation geprägt
Diese Lieder von Wind und Wellen, vom Drang nach Freiheit und Abenteuer, von rauen Jungens mit sentimentalen Gefühlen fern der Heimat, die haben wohl das Fernweh einer ganzen Generation nach 1945 geprägt. Und an diesen Gefühlen rühren die singenden Seemänner wieder. Karl Kugelmann drückt das mit Schwung und theatralischem Talent bei „Einmal noch nach Bombay“ mitreißend aus, Heinz Becker ein bisschen dezenter bei „Nimm und mit, Kapitän“.
Moderator Günter Sonnenwald nennt das Meer einen „Ort der Illusionen, der Fantasie, der beglückenden Innerlichkeit“. Das mag sein. Auf die Lieder vom Meer trifft das mit Sicherheit zu. Da wird es sehr still im Saal, wenn etwa Hans Fastl zum Summen des Chores die gefühlvolle Melodie von „La Paloma“ anstimmt. Oder wenn German Euerl bei „Island in the Sun“ dem Schmelz des großen Vorbilds Harry Belafonte sehr nahe kommt.
Das Piano ist mindestens so wichtig wie das Fortissimo
Die Sänger haben in den gut 16 Monaten, seit Pasquale Baratta die Leitung des Seemanns-Chores übernommen hat, intensiv an ihren Liedern gearbeitet. Der Dirigent legt großen Wert auf einen Vortrag mit Nuancen, das Piano ist ihm mindestens so wichtig wie das Fortissimo.
Das ist bei allen Liedern zu hören, besonders markant bei „Heimat, Deine Sterne“. Hier werden die Texte der Strophen wuchtig, fast martialisch, als Marschmusik intoniert – der Refrain aber leise, sehnsuchtsvoll, fast klagend.
Aber der Chor will auch eine Art „Verdruss-Staubsauger“ sein, sagt Günter Sonnenwald. Deshalb präsentieren die Sänger auch viele schwungvolle Lieder und haben selber viel Spaß an ihren humoristischen Einlagen.
Sie kommen damit nicht nur bei der „reifen Jugend“ an. Julia Bichler ist mit 22 Jahren mit deutlichem Abstand eine der Jüngsten im Saal. Sie ist mit einer Bekannten aus der Hammerschmiede gekommen, steht eigentlich auf Rock ‘n’ Roll, findet aber den Chor „recht peppig“.
In Bad Wörishofen tritt der Seemanns-Chor am Mittwoch, 23. Mai, um 19.30 Uhr im Kurtheater auf. Karten gibt es im MedienServiceCenter unserer Zeitung in Schwabmünchen, Bahnhofstraße 17, Telefon 08232 / 96 77 11.