Ustersbach Ihre Anregungen holt sich Ingrid Braun in der Natur. Besonders angetan haben es der 59-jährigen Künstlerin Strukturen, die in der Landschaft auf Schritt und Tritt in unermesslicher Hülle und Fülle und in tausendfachen Varianten zu finden sind. „Man muss sie nur sehen und entdecken wollen. Die Natur ist in ihrem Formen- und Farbenreichtum unendlich verschwenderisch.“
Die herbe Reischenauer Landschaft dient als Motiv
Die aufgeplatzte, schwarz-weiße Rinde einer alten Birke, zerrissene Wolkenfetzen im schwindenden Licht des Abendhimmels oder eine gefrorene Wasserpfütze mit bizarren Lufteinschlüssen: Bei langen Spaziergängen in der herben Reischenau-Landschaft vor ihrer Haustüre stellen sich die besten Ideen und Gedanken ein. In ihrem Skizzenbuch kurz festgehalten oder mit dem Handy geknipst und im „Hinterstübchen“ abgespeichert, kann es manchmal Wochen dauern, bis sie Ingrid Braun wieder hervor holt und – verfremdet und abstrahiert – auf die Leinwand bannt und dabei versucht, mit Pinsel und Farben Materielles, Spirituelles und Atmosphärisches auszudrücken. „Ein Bild muss in meinem Innersten reifen. Und dann muss ich in der richtigen Stimmung sein, wenn ich an der Staffelei loslege.“ Dabei hält sie es mit ihrem großen Malerkollegen Pablo Picasso: „Ich suche nicht, ich finde! Suchen, das ist ein Ausgehen von alten Beständen. Finden, das ist das völlig Neue!“ Auch bei Ingrid Braun stellt sich der rechte Augenblick nicht auf Knopfdruck ein. Wenn’s dann aber so weit ist, dann gibt es für sie kein Halten mehr. Dann zieht sie sich für Stunden in ihr Reich unterm Dach des lichtdurchfluteten Holzhauses in der Ustersbacher Brunnenstraße zurück – und vergisst in dieser kreativen Phase (fast) alles um sich herum. Auch wenn ihr die farbintensiven Arbeiten scheinbar leicht und mühelos von der Hand gehen: Die strengste Kritikerin ihrer Werke ist die 59-jährige Patchworkmutter selbst. Abgeschlossen ist ihre Entwicklung noch lange nicht. Freude hat sie am Ausprobieren und Anrühren neuer Farben, am Experimentieren mit neuen Maltechniken und am Verwenden neuer Materialien. Fast collagenhafte Züge hat ihre aktuelle Bilderserie, in die sich schon mal ein Stück von einem alten Fischernetz oder ein Fetzen verirrt. Mit Acrylfarbe überpinselt, ergeben sich ganz eigenartige, verfremdete Strukturen: Erhebungen, Schatten, Unebenheiten. Letztlich zählt für Braun, dass sich in ihren Arbeiten ihre heitere und positive Grundstimmung, ihr Optimismus und ihre ansteckende Lebensfreude spiegeln.
Derzeit ist sie damit beschäftigt, einen lange gehegten Traum zu verwirklichen: Im Eigenverlag bringt sie das bebilderte Kinderbuch „Rhinos Reise“ heraus. Das Haus der Brauns am Ortsrand von Ustersbach ist nicht nur Wohnung, es ist zugleich auch Galerie. Überall an den Wänden der offenen, hellen und großzügigen Räume im Wohnbereich und im Treppenhaus hängen die Bilder der Hausherrin. Nie für lange Zeit. Dann werden sie wieder ab- oder umgehängt. Je nach Laune.
Im Lauf der Jahre hat sich die gelernte Kunsterzieherin und akademisch ausgebildete Künstlerin einen festen Kundenstamm aufgebaut. Wenn sie mal nicht mit Pinsel und Palette zugange ist, pflegt und genießt Braun andere schöne Dinge des Lebens: Zu ihren Hobbys zählen Musik, Tanzen, ihr liebevoll angelegter Garten und Reisen in südliche Gefilde – natürlich mit dem Skizzenbuch im Koffer.
Künstlerhaus und der Garten stehen den Besuchern offen
Im Rahmen der Kulturtage „Kultur Pur“, die in Gessertshausen, Kutzenhausen, Horgau und Ustersbach vom 3. bis 6. Mai erstmals veranstaltet werden, öffnet Ingrid Braun am Samstag, 5. Mai, und Sonntag, 6. Mai, die Türen ihres Ateliers. Darüber hinaus stehen auch ihr „Künstlerhaus“ und der Garten für Besucher und Interessenten offen (an beiden Tagen jeweils von 14.30 bis 18 Uhr). Mit von der Partie ist der Bildhauer Kurt Armbruster aus Thannhausen, der bei Ingrid Brauns Hausausstellung eine Auswahl seiner Steinskulpturen zeigt.