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16. Dezember 2009 14:00 Uhr

Nach dem Mainzer Vorfall

Der Fall Jens Lehmann - scheinheilig ohne Ende

Jens Lehmann ist derzeit ähnlich beliebt wie Fußpilz. Dabei hat er sich nicht mehr zu Schulden kommen lassen als Aristide Bancé. Ein Lehrstück über die Scheinheiligkeit im Fußballgeschäft. Von Tilmann Mehl

Ein Lehrstück der Scheinheiligkeit: Jens Lehmann und Aristide Bancé
Foto: dpa

Jens Lehmann ist ein ganz ein Böser. Hat sich eine dämliche Rote Karte eingehandelt und ... und was eigentlich? Objektiv hat er sich nicht allzu viel zu Schulden kommen lassen. In der Öffentlichkeit genießt er aber ein ähnlich hohes Ansehen wie Fußpilz.

Wie bigott das Verhalten von Medien, Fans und Vereinsvertretern ist, zeigt sich am Beispiel von Lehmanns Verhängnis: Aristide Bancé.

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Jens Lehmann ist kein Saubermann. Sein Verhalten auf und neben dem Platz muss nicht überall auf Verständnis stoßen. Der Fußballer Lehmann hat sich in dieser Saison allerdings nicht annähernd so viel zu Schulden kommen lassen, wie man anhand der derzeitigen Berichterstattung zufolge glauben müsste.

Man muss seine Meinung, Markus Babbel sei auf Druck pubertierender Jugendlicher entlassen worden, nicht teilen. Verstehen kann man sie. Dass er die daraufhin verhängte Geldstrafe in Höhe von 40.000 Euro nicht zahlen will, ist verständlich. Kein Autofahrer würde zahlen, wenn er in der 50er-Zone mit 49 km/h geblitzt wird.

Im Spiel gegen Mainz hat sich Lehmann blöd angestellt. Er hat Aristide Bancé beim Stand von 1:0 für den VfB Stuttgart im Strafraum einfach umgeschubst und ist ihm dabei wenig zart auf den Fuß gestiegen. Rote Karte, Elfmeter, Punktverlust. Das war es. Mehr kann man dem Torhüter der Stuttgarter aus sportlicher Sicht nicht vorwerfen.

Mit Aristide Bancé geht man auf dem Boulevard bedächtiger um. Dass er kurz vor Saisonbeginn eine Frau auf dem Trainingsgelände seines Klubs FSV Mainz 05 geschlagen haben soll, ist schon lange aus den Schlagzeilen verschwunden. Die Frau zog schnell ihre Aussage zurück, obwohl bei dem Vorfall mehrere Zeugen dabeigewesen sein sollen.

In der Woche vor dem "Fall Lehmann" machte Bancé mit einem erhobenen Mittelfinger Schlagzeilen. Als Entschuldigung gab der Mann aus Burkina Faso an, von seinem Gegenspieler Maik Franz rassistisch beleidigt worden zu sein. Nun kann man Maik Franz wirklich Einiges vorhalten, rassistisch auffällig geworden ist er aber noch nicht. Franz wurde so in die rechte Ecke gestellt. Bancé konnte seine Anschuldigung nicht belegen und musste 6.000 Euro berappen. So sehr der Äpfel-Birnen-Vergleich hinkt: 40.000 Euro für eine Aussage, die man teilen kann, 6.000 Euro für den Stinkefinger - stimmen da die Relationen?

Im Spiel gegen die Stuttgarter durfte Bancé wieder auflaufen. Der DFB sah eine Sperre nicht als nötig an. Stefan Effenberg wurde wegen eines ähnlichen Vergehens aus der Nationalmannschaft verbannt. Bancé läuft also auf. Lehmann nervt ihn ein wenig. Also läuft Bancé wenige Minuten vor Schluss auf den Torwart zu. Eine Chance, den Ball zu bekommen, hat er nicht. Egal, er läuft weiter. Und trifft mit seinem Knie Lehmann auf Höhe dessen Knies. Absichtliches Foul, keine Chance den Ball zu bekommen. Mindestens Gelb. Nicht für Schiri Stark. Der pfeift Foul und gut is. Kurz darauf steigt Lehmann ihm auf den Fuß und schubst ihn weg. Bancé fällt und flippert am Boden rum, als müsste man schnellstens einen Exorzisten bemühen. Lehmann fliegt, ist der Buhmann. Man kann Bancé nicht vorwerfen, dass er sich fallen lässt. Die anschließende schauspielerische Einlage hätte bei annähernd konsequenter Regelauslegung aber auch eine Karte verdient gehabt.

Aristide Bancé und Jens Lehmann kommen nicht immer der postulierten Vorbild-Rolle auf dem Platz nach. Medien, Fans und Vereinsvertreter müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, auch keine gute Figur abzugeben. Gleichbehandlung ist anders. Wäre aber vielleicht wichtiger, als sich darüber auzuregen, dass ein Sportler einem anderen auf den Fuß steigt. Tilmann Mehl

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