In Berlin stürmen vermummte Chaoten das Spielfeld des Olympiastadions. In Bochum werden neun Personen verletzt. Droht der deutsche Fußball in Gewalt zu versinken? Von Anton Schwankhart

In Berlin stürmen vermummte Chaoten das Spielfeld des Olympiastadions. In Bochum werden neun Personen verletzt, als Anhänger des 1. FC Köln randalieren. Beim A-Jugend-Spiel zwischen Dortmund und Schalke beschießen sich rivalisierende Fans mit Leuchtraketen.
Die verkürzte Bilanz eines Fußball-Wochenendes. Szenen, die den Eindruck erwecken, als versinke der Fußball in Gewalt.
Das Gegenteil aber ist der Fall. Der Fußball hat sich vom Hooliganismus der 80er und 90er Jahre befreit. Für Gewalt ist in den großen Stadien der Republik in der Regel kein Platz mehr.
Das hat Gründe: Die modernen Arenen sind vollgepackt mit Überwachungstechnik und Hundertschaften von Ordnern und Polizei. Dass der Staat für seinen allwöchentlichen Einsatz keine angemessenen Rechnungen schreiben darf, ärgert viele zu Recht angesichts der Millionengehälter, die Ribéry und Co. verdienen.
Die Vereine verweisen dagegen darauf, dass der Staat für Sicherheit zuständig sei. Man wird sich zusammenraufen müssen. Was nämlich passiert, wenn dieses Zusammenspiel zwischen Verein und Polizei nicht funktioniert, war in Berlin zu besichtigen, wo die 150 bewaffneten Chaoten ungehindert den Platz stürmten.
Dass die Gewalt im Fußball über die Jahre zurückgegangen ist, ist auch ein Erfolg der Fan-Projekte. Die Vereine haben sich ihrer schwierigen Kunden angenommen. Darüber hinaus bestimmen heute Familien und Frauen das Bild auf den Rängen. So viel geballte Friedfertigkeit hat die Chaoten aus den Stadien vertrieben.
Die Gewalt greift nach dem Fußball
Wo all das fehlt oder nur vermindert existiert, greift die Gewalt weiter nach dem Fußball. Dies geschieht in den veralteten Stadien der neuen Bundesländer. Oder bei Amateurspielen, wo fünf Rentner im Ordnungsdienst 1000 Zuschauer in Schach halten.
Hier wie dort ist Gewalt kein Problem des Fußballs, sondern eines der Gesellschaft. Solange Gewalt im täglichen Leben ihren Platz hat, wird sie auch auf die Fußballplätze drängen. Schließlich bietet sich ihr dort die größte Bühne.
Die Ereignisse des Wochenendes in Berlin haben den Fußball-Bund schwer getroffen. Zu den vielen Sorgen, die er im Moment hat, kommt nun auch eine Gewalt-Debatte. Am einfachsten wäre es, die Sicherheitsschraube anzuziehen, wie es die Polizei gerne sähe.
Fußball-Fankultur aber braucht Luft. Ein Opernpublikum würde sie ersticken. Wer von der tollen Atmosphäre im Stadion schwärmt, muss auch lärmende Zuschauer ertragen. Für randalierende Anhänger dagegen bleiben Vereine und Polizei gemeinsam zuständig. Anton Schwankhart
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