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Portrait: Die eine und die andere Lena

Portrait

Die eine und die andere Lena

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    Die zwei Gesichter der Magdalena Neuner: konzentriert im Wettkampf, ausgelassen in der Freizeit.
    Die zwei Gesichter der Magdalena Neuner: konzentriert im Wettkampf, ausgelassen in der Freizeit. Foto: dpa

    Zwölf Sekunden dauert in Obertilliach eine Autofahrt vom „Grüß Gott“ zum „Auf Wiedersehen“. Zwischen den beiden Ortsschildern ist nicht viel. Die Kirche, ein Supermarkt, ein paar Gasthöfe links und rechts der Hauptstraße. Kalter Wind treibt Schneeflocken durch den kleinen Ort in den Osttiroler Bergen, dessen 714 Einwohner nicht da sind oder sich in den Häusern verkrochen haben. Es scheint, als vergehe die Zeit hier oben ein bisschen langsamer als unten im Tal.

    Ein blecherner Knall scheppert zwischen den Berghängen durch das winterliche Idyll und weckt den Reisenden aus seinen Träumen von Einsamkeit und Stille. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Jeder Schuss ein Treffer. Magdalena Neuner rappelt sich auf, schwingt das Gewehr über die Schulter und hastet keuchend zurück in die Loipe. „Lena, ein bisschen höher zielen. Gefahr der Tiefschüsse“, ruft ihr Gerald Hönig, der Trainer, noch hinterher. Dann ist sie weg. Zurück auf dem Rundkurs durch die Gebirgslandschaft. Stille.

    Bis zu 500.000 Fans werden in Ruhpolding vor Ort sein

    Dieser Stille wegen haben sich die deutschen Biathletinnen bis in das 1450 Meter hoch gelegene Obertilliach zurückgezogen. Hinauf ins oberste Lesachtal, wo Norwegens Biathlon-Star Ole Einar Bjørndalen seinen Wohnsitz hat. In dem kleinen Biathlonzentrum am Rande der Ortschaft bereiten sich die Frauen auf die Weltmeisterschaft vor.

    Es ist ihre Weltmeisterschaft, weil sie in Ruhpolding im Berchtesgadener Land stattfindet. Heim-WM sagt man zu so etwas. Ein Ereignis der Superlative. Bis zu 500.000 Fans werden live vor Ort sein und Millionen vor den Fernsehern sitzen. Noch nie war Biathlon hierzulande so populär. Und das, obwohl die Anzahl derer, die Biathlon aktiv betreiben, verschwindend gering ist. Die Ausrüstung ist teuer, Schießstände und Loipen sind rar.

    Trotzdem hat sich die Kombination aus Laufen und Schießen längst zur beliebtesten Wintersportart in Deutschland gemausert. Stars wie Uschi Disl, Kati Wilhelm oder Michael Greis hatten ihren Anteil daran. Vor allem aber ist es die Mischung aus Leistung und Glück, die die Menschen fasziniert. Ein Windstoß zur falschen Zeit hat schon Favoriten straucheln lassen, als der Sieg nur noch Formsache zu sein schien. Biathlon ist unberechenbar und der Grat zwischen Sieg und Niederlage schmal. Knapp vier Millionen fiebern regelmäßig bei Weltcuprennen vor den Fernsehgeräten mit. Für die WM erwarten die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF noch deutlich bessere Zahlen. Sie erwarten Rekorde.

    Garant dafür ist die junge Frau, die abgekämpft im Schneegestöber von Obertilliach steht und mit zitternden Fingern die Verpackung eines Müsliriegels aufreißt. Auf der letzten Runde ist Neuner an ihre Grenzen gegangen. Hat den Puls bis weit in den roten Bereich getrieben und die müden Muskeln zur Höchstleistung gezwungen. Milchsäure durchwandert ihren Körper.

    Für heute ist die Tortur zu Ende. Zwei Touristen stehen einige Meter entfernt und filmen mit Handykameras, wie Neuner den Riegel verschlingt und einen Schluck Tee trinkt. Sie lächelt freundlich, grüßt die beiden und verschwindet in der Kabine. Die Trainer stehen noch am Schießstand zusammen. Der Wind verweht ihre Worte. Sie lachen. Das wirkt alles sehr entspannt.

    Die Werte von Magdalena Neuner: überragend

    Neuner liegt genau im Plan, sagt Gerald Hönig später. Ihre Werte sollen überragend sein, auch wenn das niemand aus der Trainerriege bestätigen will. Es reicht aber auch ein Blick in die Statistik, um zu sehen, dass die 25-Jährige in der Form ihres Lebens ist. Mit acht Siegen führt sie den Gesamtweltcup vor der Weißrussin Darja Domratschewa an. Wer in Ruhpolding Weltmeister werden will, muss erst einmal an Neuner vorbei.

    Das ist Magdalena Neuner

    Geboren am 9. Februar 1987 in Garmisch-Partenkirchen.

    Beruf: Ist offiziell Zollbeamtin, aber weitgehend für den Sport freigestellt.

    Erfolge: Startet seit 2006 im Weltcup, wo sie bislang 32 Einzelrennen gewonnen hat.

    Schloss 2008 und 2010 als Erste im Gesamtweltcup ab. Führt auch derzeit diese Rangliste an.

    Ist mit zehn Gold- und drei Silbermedaillen die erfolgreichste Athletin in der Geschichte der Biathlon-Weltmeisterschaften.

    Hat darüber hinaus zwei Gold- und eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver geholt.

    Wurde 2007 und 2011 zur Sportlerin des Jahres gewählt.

    Privates: Lebt seit ihrer Kindheit im oberbayerischen Wallgau. Seit Herbst 2009 liiert mit dem Zimmerermeister Josef Holzer. Er ist drei Tage jünger als Neuner.

    Die deutsche Mannschaft wohnt während des Trainingslagers im Gasthof Waldfrieden. Vorhänge und Mobiliar verströmen den herben Charme der späten 1970er Jahre. Speisesaal und Küche sind mit Schildern in altdeutscher Schrift ausgewiesen. In jedem Zimmer hängt ein hölzernes Kreuz an der Wand. Nur das Hirschgeweih sucht man vergeblich. Hier steht sie nun, die junge Frau, auf die sich alle Blicke richten, in einem schwarzrosafarbenen Trainingsanzug, und lässt sich die Fragen der kleinen ausgewählten Journalistengruppe gefallen. Weil sich der Koch zwei Tage zuvor krankgemeldet hat, müssen die Biathletinnen im Waldfrieden selbst an den Herd. Es gibt Suppe, Kartoffelecken und Omelett. „Einfache Sachen. Die Trainer waren vor allem froh, dass sie nicht kochen mussten“, erzählt Neuner.

    Sie genießt das Einfache und Unkomplizierte in diesen Tagen von Obertilliach. „Ich weiß, dass das die Ruhe vor dem Sturm ist“, sagt sie und lacht ihr unwiderstehliches Lachen, das nicht unwesentlich zu ihrer Beliebtheit beigetragen hat. Wie ihr Aussehen. Auch das wird sie wissen. „Hier kann ich einfach zum Training rausgehen, und alles ist stressfrei. Ich weiß, dass das in Ruhpolding ganz anders wird, aber damit beschäftige ich mich jetzt noch gar nicht. Ich freue mich einfach auf die WM und die Wettkämpfe.“

    Noch bis zum morgigen Freitag sind Neuner und ihre Kolleginnen in Österreich. Dann kehrt die Mannschaft nach Deutschland zurück. Die Sportlerinnen verbringen das Wochenende bei ihren Familien. Am Montag dann schart Cheftrainer Uwe Müßiggang in Ruhpolding seine Mannschaft um sich, am Donnerstag steht der erste Wettkampf auf dem Programm. Insgesamt elf Titel werden vergeben – fünf bei den Frauen, fünf bei den Männern und einer in der gemischten Staffel. Neuner wird sechsmal an den Start gehen, also in allen Staffeln und Einzelrennen. Ihr Ziel: sechs Medaillen.

    Nach den ersten WM-Titeln bricht das öffentliche Interesse über sie herein

    Mit zehn WM-Titeln ist sie schon jetzt die erfolgreichste Biathletin aller Zeiten. Dennoch ist der Erwartungsdruck gewaltig, den sie sich mit ihrer Ankündigung auf die Schultern geladen hat. Neuner ahnt, was auf sie zukommt: „Sehr viel wird sich auf mich konzentrieren. Aber das war auch in den vergangenen Jahren so. Da habe ich schon ein bisschen Erfahrung gesammelt.“

    Als sie 2007 in Antholz ihre ersten drei WM-Titel gewann, brach das öffentliche Interesse wie eine Sturmflut über sie herein. Die damals 20-Jährige begeisterte mit ihrer unbekümmerten Art und ihren fantastischen Leistungen die Massen. Vier Jahre hielt sie der Begeisterung stand, die ihr Privatleben auf ein Minimum reduzierte. Neuner gewann sieben weitere Goldmedaillen bei Weltmeisterschaften, holte zwei Olympiasiege, schrieb ein Strickbuch, wurde zum Werbestar und verdiente Millionen. Dann, Ende des vergangenen Jahres, gab sie überraschend bekannt, nach dieser Saison ihre Karriere zu beenden.

    Seitdem ist alles noch ein bisschen schriller geworden. Plötzlich war klar, dass die WM in Ruhpolding Neuners letzter Auftritt in Deutschland sein würde. Höhepunkt und Abschied gleichermaßen. „Das ist doch toll, sich bei einer WM vom deutschen Publikum zu verabschieden. Einen besseren Zeitpunkt gibt es gar nicht“, sagt Neuner. „Ich versuche es zu genießen. Es wird unheimlich schön werden.“

    Neuner macht einen lockeren Eindruck. Sie lächelt. Spielt mit ihrem Glücksbringer in Form eines vierblättrigen Kleeblatts, den sie an einer dünnen Kette um den Hals trägt. Sie plaudert entspannt über die Tage in Obertilliach. Auch darüber, dass sie am Abend zuvor losheulen musste. Zusammen mit ihrer Zimmerkollegin Miriam Gössner hat sie die amerikanische Fernsehserie „One Tree Hill“ auf DVD geschaut, „und als es traurig wurde, sind bei uns beiden die Tränen geflossen. Mädels halt.“

    Neuners Lockerheit ist das Ergebnis harter Arbeit. Das zu betonen, ist ihr wichtig. Seit Längerem arbeitet sie mit einem Mentaltrainer zusammen, dessen Name zum Staatsgeheimnis erhoben wurde. „Die, die denken, dass die halt so locker ist, dass die einfach Glück hat, irren. Das ist nicht so. Je entspannter es aussieht, desto mehr Arbeit steckt dahinter.“ Und auf einmal wirkt sie gar nicht mehr entspannt.

    Der harte Kampf um die innere Balance

    Sie spricht nicht gerne darüber, aber das Thema liegt ihr am Herzen. Viele Stunden habe sie in den vergangenen Monaten daran gearbeitet, in dem ganzen Trubel um ihre Person die innere Balance zu halten. „Das sind Stunden, die nicht auf der Strecke oder am Schießstand stattfinden, sondern im stillen Kämmerlein.“ Einfacher sei es, draußen im Wald Runden zu laufen. So und so viele Kilometer, in dem und dem Tempo. „Mentales Training ist unberechenbar. Du kannst dich nicht darauf einstellen, es ist immer ein anderes Thema. Und du musst selbst arbeiten. Du musst auf Gefühle eingehen, auf Gedanken. Du musst sie analysieren und auflösen.“ Superinteressant sei das, aber auch superanstrengend. „Viele stellen sich da was Falsches drunter vor, aber mir hat es sehr geholfen.“ Neuner atmet tief durch.

    Dreieinhalb Wochen sind es noch, dann wird aus der Sportlerin Magdalena Neuner wieder die Privatperson. Was sie dann macht – Trainerin, Expertin fürs Fernsehen, Familie gründen, ganz was anderes –, das weiß sie noch nicht. Zumindest will sie es nicht sagen. Ihren letzten Wettkampf wird sie beim Weltcup-Finale im russischen Chanty Mansijsk absolvieren. Dann ist es vorbei. „Das ist schon ein komisches Gefühl, aber für mich nicht negativ besetzt. Ich bin zwar ein bisschen wehmütig, aber das wird ein schöner Abschied.“

    Im Hintergrund winkt Pressesprecher Stefan Schwarzbach und klopft auf seine Armbanduhr. Neuner muss weg, Krafttraining. Ein letztes Mal ordnet sie alles dem Sport unter. Sie lächelt. Und geht.

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