Der Lärm der brüllenden Motoren hat rund 30 Zaungäste zum ADAC-Verkehrsübungsplatz im Kemptener Industriegebiet Ursulasried gelockt. Timo Scheider dreht auf dem winzigen Kurs seine Runden im neuen Audi A5 DTM. Der Pilot gibt Gas beim Roll-out, beim Funktionstest der Rennboliden. Dann übt Scheider Boxenstopps. Vorne rechts gibt es immer wieder Probleme mit der Radmutter. „Da ist noch alles neu. Das müssen wir noch üben“, zeigt sich Teamchef Hans-Jürgen Abt unzufrieden mit den Stopps. Bis zum Saisonauftakt am Sonntag in Hockenheim muss das sitzen. Der Radwechsel wird bis dahin auch reibungslos funktionieren, ist sich Scheiders Kollege Mattias Ekström sicher. Perfektion hat höchste Priorität. Nur so holten die Kemptener mit Audi fünf DTM-Titel in den vergangenen zehn Jahren.
Akribische Arbeit bis ins Detail wird großgeschrieben. Das ist einer der Gründe, warum die Mannschaft von Hans-Jürgen Abt auch in der kommenden Saison zu den Titelanwärtern zählt.
Ekström erklärt die Philosophie
Ein anderer Faktor ist „der extreme Charakter von Abt“, wie Mattias Ekström die Team-Philosophie erklärt. Als der junge Schwede 2001 zu den bisweilen kantigen Allgäuern kam, musste er sich umstellen. Es werde eben nicht hingenommen, dass man mal einen schlechten Tag hat, erzählt Ekström. Der unbekümmerte Blondschopf musste sich erst an das raue Klima gewöhnen, das manchmal am Fuß der Berge herrscht. Die Ansprüche der Führungskräfte an die Fahrer, aber auch an die Mechaniker seien enorm. „Von klein bis groß versucht man das Beste herauszuholen“, schildert Ekström die Arbeitsweise, die nicht jedem zusagt. „Am Anfang ist das schwer für einen. Aber irgendwann ist das der Lebensstil.“
Die beiden zweifachen DTM-Meister Ekström (2004/2007) sowie Scheider (2008/2009) sind mit der Abt-Philosophie gut gefahren. Team-Neuling Adrien Tambay aus Frankreich und die Schweizerin Rahel Frey müssen noch lernen. Der Sohn des ehemaligen Formel-1-Piloten Patrick Tambay (114 Grand-Prix-Starts) feiert seine Premiere in der DTM. Die Schweizerin Frey wechselt aus dem Audi-Team Phoenix zu den Äbten und hat in den zehn Läufen der vergangenen Saison das Feld meist von hinten gesehen.
Vieles ist neu in diesem Jahr in der DTM. Besonders über die Rückkehr von BMW (wir berichteten) freuen sich nicht nur die Fans. Auch Hans-Jürgen Abt begrüßt den Konkurrenten: „Es ist ein Riesengewinn für die DTM, dass mit BMW ein dritter Hersteller neben Audi und Mercedes in unsere Serie gekommen ist.“ Auch Hans-Werner Aufrecht, Vorsitzender des Veranstalters ITR, atmet auf: „Ich hatte die Fragen nach dem dritten Hersteller satt.“
Die Bayern wollen ihren bisherigen 49 Siegen in acht DTM-Jahren weitere hinzufügen. Sie wagen nach 20 Jahren auch deshalb den Schritt zurück, weil sich die DTM auf ein neues Reglement einigte. Schließlich sollte der Erfahrungsvorsprung der bisherigen Platzhirsche nicht zu groß sein. Die Autos sind länger und breiter, sie kommen bulliger daher. Nachtanken ist seit dieser Saison verboten. Die Piloten schalten wie in der Formel 1 mit Wippen am Lenkrad. Zudem sind die Einheitsreifen größer und damit schwerer. Das bedeutet, dass die Boxencrew noch mehr gefordert ist.
Zusammengerechnet 270 Kilogramm abgespeckt
Mechaniker mit Bierbauch – geht nicht mehr. Hans-Jürgen Abt hat darauf seine eigene Antwort. Zwei Stunden Fitness pro Tag im Studio zählen seit dieser Saison in Kempten zur Arbeitszeit. Am Anfang stellten sich die Abt-Mitarbeiter auf die Waage. Kurz vor Saisonbeginn kann sich das Ergebnis sehen lassen. „Zusammen haben wir 270 Kilogramm abgenommen“, berichtet Hans-Jürgen Abt. Ein typisch Allgäuer Weg, um eine neue Herausforderung in der DTM anzupacken.