Der kleinen Schrecksekunde folgte die große Erleichterung. "Jetzt ist der Rücktritt heraus. Jetzt werde ich mich auf den Sport konzentrieren und meine letzte Saison richtig genießen", erzählte Magdalena Neuner. Und hakte im noblen Hotel Krallerhof in Leogang lächelnd den gerade erlittenen Blechschaden am Dienstwagen ebenso ab, wie die turbulenten Stunden nach ihrem via Homepage verkündeten Rücktritt zum Saisonende, als sie sich mit Paparazzi im Heimatort Wallgau "eine richtige Verfolgungsjagd" geliefert hatte. Auch ein Grund dafür, warum der erst 24 Jahre alte Superstar die Chance auf ein Comeback im Biathlon-Weltcup auf "höchstens zwei Prozent" bezifferte.
Zeit für Neues ist gekommen
"Auch wenn es vielleicht blöd klingt. Ich freue mich so sehr auf die Normalität. Ich will in der Adventszeit Plätzchen backen und mir beim Skifahren an Weihnachten nicht ängstlich überlegen müssen, ob ich mich denn verletzen könnte", sagte Magdalena Neuner und blickte etwas wehmütig auf den Flockenwirbel jenseits der Fensterscheibe in den Alpen Österreichs. "Ich habe die Chance, mit 25 Jahren ein neues Leben anfangen zu können und freue mich riesig darauf, Dinge zu machen, die ich noch nicht machen durfte."
Ärgerlich reagierte die Biathlon-Rekordweltmeisterin auf öffentliche Vorwürfe, sie hätte keinen Bock mehr auf ihren Sport. "Das ist total falsch. Ich hatte und habe sehr großen Spaß und war so erfolgreich, wie ich mir das nie erträumen konnte. Aber sportlich habe ich nach dem Höhepunkt der Heim-WM in Ruhpolding im März keine Ziele mehr. Ich habe das Gefühl, dass es an der Zeit ist, etwas Neues zu machen."
Was das sein wird, weiß die Doppel-Olympiasiegerin von Vancouver selbst noch nicht genau. Sie sei offen für Vorschläge, werde nach Saisonende sicher etliche Offerten von Sponsoren und aus der Wirtschaft erhalten. "Außerdem werde ich ein ordentliches Abtraining betreiben. So fünf- bis sechsmal in der Woche Sport ist schon erforderlich. Ich achte sehr auf meine Gesundheit."
Olympische Spiele als großen Stress empfunden
Für die junge Frau, die seit 16 Jahren Leistungssport betreibt, ist das schiere Erholung. Rund 12.500 Trainingsstunden hat sie für sich in ihrer bisherigen Karriere errechnet. "Ungefähr 6500 mal bin ich aufgestanden und habe hart trainiert. Ich habe es gerne getan, aber auf vieles verzichtet", erzählte sie. "Ich möchte freitags auch einmal mit weg gehen, statt um 22 Uhr ins Bett, weil ich am Samstag zum Training muss."
Neuner schilderte auch, wie nach dem Bekanntwerden ihres Rücktritts über den Heimatort Wallgau "der Wahnsinn" herein brach. "Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben von Paparazzi verfolgt worden. Das war voll spannend. Die haben mich sogar beim Einkaufen fotografiert." Das ungeliebte öffentliche Interesse war auch ein Grund, warum Magdalena Neuner bereits nach den Olympischen Spielen in Vancouver ernsthaft an Rücktritt dachte. Dort sei ihr großer Kindheitstraum trotz der beiden Goldmedaillen so ganz anders abgelaufen, als er erwünscht. "Es war so ein wahnsinniger Stress. Ich bin nur rumgeschubst worden und konnte nicht einmal drei normale Worte mit meinen Eltern sprechen. Ich habe mir damals schon überlegt, ob ich mir das in Sotschi 2014 noch einmal antun will und mir selbst mit 'Nein' geantwortet."
Nun also will "Gold-Lena" die letzten acht Weltcups ihrer Karriere und die Heim-WM in Ruhpolding genießen, am Ende der Saison beim Finale in Chanty Mansijsk noch einmal bei der großen Sportler-Party mitmischen und möglichst zum dritten Mal nach 2008 und 2010 den Gesamtweltcup gewinnen. Der Auftakt der zweiten Saison-Station in Österreich allerdings ging schief. Kurz nach der Anreise rutschte am Teamhotel ein Lkw auf Neuners parkendes Auto. "Nun müssen wir uns erst einmal um die Unfallmeldung kümmern." dapd