Dopingsünder dürfen nach Ende ihrer Sperre an Olympischen Spielen teilnehmen. Damit darf Eisschnellläuferin Claudia Pechstein wieder auf Olympia 2014 in Sotschi hoffen. In einer Grundsatzentscheidung am Donnerstag erklärte der Internationale Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne die Regel 45 der Olympischen Charta für unzulässig. Die sogenannte Osaka-Regel des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) besagt, dass ein Athlet, der länger als sechs Monate wegen eines Dopingvergehens gesperrt war, bei den nächsten Spielen nicht teilnehmen darf. Geklagt hatte der wegen Dopings für 21 Monate gesperrte 400-Meter-Olympiasieger LaShawn Merritt.
Osaka-Regel verstößt gegen WADA-Code
Die am 27. Juni 2008 beschlossene Osaka-Regel verstoße gegen den Code der Welt-Antidopingagentur (WADA), begründete das dreiköpfige CAS-Gremium seine Entscheidung. In dem Vertragswerk, das auch vom IOC unterzeichnet wurde, ist eine Höchststrafe von zwei Jahren für ein Dopingvergehen festgelegt. Durch die Osaka-Regel, so der CAS, könnten Athleten bis zu drei Jahren gesperrt werden beziehungsweise unzulässigerweise doppelt bestraft werden.
Bach: "Wir bedauern das Urteil"
Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) und IOC-Vizepräsident erklärte in einer Stellungnahme: "Wir bedauern das Urteil des CAS, respektieren es aber. Die heutige Entscheidung hat uns allerdings überrascht, denn zuvor hatte es eine bestätigende Expertise des CAS gegeben. Die Osaka-Regel war dazu gedacht, die Rolle der Olympiamannschaften zu stärken und ihre Vorbildwirkung zu erhöhen. Wir treten nun dafür ein, dass der WADA-Code sobald als möglich geändert wird, damit diese Regel auf diesem Weg durchgesetzt werden kann."
Rogge ist für längere Sperren
Der CAS hatte in seiner Urteilsbegründung darauf hingewiesen, dass das IOC eine Änderung des WADA-Codes anstreben könne, wenn es ehemalige Doper von Sommer- wie Winterspielen fernhalten wolle. IOC-Präsident Jacques Rogge hatte in einem Interview mit der "Berliner Zeitung" schon vor der CAS-Entscheidung erklärt, sich im Falle einer Niederlage des IOC für längere Sperren einzusetzen. Rogge: "Hält der CAS sie aber für nicht zulässig, werden wir für den neuen Antidopingcode, der ab 2013 eintritt, Druck machen, dass längere Sperren eingeführt werden für diese schwereren Vergehen."
Mittel zur Penisvergrößerung eingenommen
Das Nationale Olympische Komitee der USA (USOC) hatte wegen der Regel 45 gegen das IOC geklagt. USOC stellte sich hinter LaShawn Merritt, der bis Juli 2011 für 21 Monate wegen Dopings gesperrt gewesen war. Der Olympiasieger von 2008 und Weltmeister von 2009 war im Winter 2009/10 dreimal positiv auf das Prohormon Dehydroepiandrosteron getestet worden. Merritt hatte zugegeben, ein Mittel zur Penisvergrößerung eingenommen zu haben. Im September nahm er an der Weltmeisterschaft in Daegu teil und gewann die Silbermedaille.
Auch Ahlmann darf sich Hoffnungen machen
Mit dem Urteil hat nicht nur Merritt für Olympia 2012 Grünes Licht erhalten. Zu den Athleten, die sich nun Hoffnungen auf einen Start in London machen können, zählt auch der deutsche Springreiter Christian Ahlmann. Wegen der Verwendung des verbotenen Mittels Capsaicin bei seinem Pferd Cöster während der Sommerspiele 2008 war Ahlmann für acht Monate gesperrt worden. Auch für die fünffache Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein stünde damit der Weg zu den Spielen in Sotschi 2014 offen. Voraussetzung ist allerdings das Erreichen der Olympianorm. Ahlmann reagierte überrascht auf die Rücknahme der Osaka-Regel und ein Olympia-Comeback offen gelassen.
"Wie aus heiterem Himmel"
Die Chance auf eine Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012 in London komme für ihn "wie aus heiterem Himmel", sagte Ahlmann am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. Während des Mittagessens habe er zu Hause erfahren, dass der Internationale Sportgerichtshof (CAS) einige Stunden zuvor die Osaka-Regel gekippt hatte. "Ich habe mich überhaupt nicht damit beschäftigt." Ahlmann ließ offen, wie er mit dem CAS-Spruch umgehen wird. "Meine Planung war nicht auf London ausgerichtet, überhaupt nicht." Der Weltcup-Sieger will sich nun zunächst über die Hintergründe informieren.
DOSB will Entscheidung noch analysieren
Der DOSB werde die Entscheidung noch analysieren, erklärte Thomas Bach. "Eines lässt sich aber schon jetzt sagen: Sie ist das endgültige Aus für die vom DOSB bei den Spielen in Peking und Vancouver angewandte noch strengere Regel, jeden Athleten mit einem Dopingvergehen im laufenden Olympiazyklus von den nächsten Spielen auszuschließen", sagte der Anwalt und Chef der juristischen Kommission des IOC. Prominente Namen, die sich nun auf Olympia 2012 vorbereiten können, sind auch Hammerwurf-Weltmeisterin Tatjana Lysenko aus Russland, der britische Radfahrer David Millar, der ehemalige Vuelta-Sieger Alejandro Valverde aus Spanien oder der frühere Sprint-Olympiasieger Justin Gatlin aus den USA. (dapd, dpa)