Dr. Christine Höss-Jelten vom Institut für Sportwissenschaften der Universität Augsburg hat ihre Dissertation über das Thema Dehnen verfasst . Wir haben mit ihr über die strittigen Fragen beim Dehnen gesprochen.
Es kommt beim Dehnen immer auf die Sportart an
Man unterscheidet grundsätzlich zwischen statischem und dynamischen Dehnen. Das statische Dehnen, bei dem die Muskeln in der Dehnstellung gehalten werden, dient der Förderung und Erhaltung der Beweglichkeit. Das dynamische Dehnen mit schwunghaften, federnden Bewegungen empfiehlt sich eher als Teil des Aufwärmprogramms.
Allerdings komme es beim Dehnen stets auf die nachfolgendenden sportlichen Anforderungen an, weshalb es schwierig ist, pauschale Empfehlungen zu geben, betont Höss-Jelten. "Ein Fußballer dehnt anders als ein Ballett-Tänzer. Es kommt immer aufs Ziel an", meint die Sportwissenschaftlerin. In der unmittelbaren Phase vor einem Wettkampf, etwa beim Sprinten, sollten Sportler auf ausgiebiges Dehnen lieber verzichten. Kurzes dynamisches Dehnen wäre da besser. In jedem Fall sei es richtig, sich ausreichend aufzuwärmen, ehe man an den Start geht, um den Kreislauf in Schwung zu bringen.
Dehnen zur Vermeidung von Verletzungen ist Glaubenssache
Nach dem Sport rät Höss-Jelten zu statischen Dehnübungen, bei denen die jeweiligen Muskelgruppen etwa 10 bis 20 Sekunden gedehnt werden sollten. Die Dehnübung dürfe durchaus etwa 15 Minuten dauern. Neben dem Training der Beweglichkeit wirke das Dehnen nach sportlicher Betätigung auch entspannend.
Dehnen zur Vermeidung von Verletzungen sei Glaubenssache, sagt Höss-Jelten. "Es gibt keinen wissenschaftlichen Nachweis einer Verletzungsprophylaxe des Dehnens". Wenn ein Sportler glaube, sich durch das Dehnen vor Verletzungen zu schützen, dann könne das durchaus hilfreich sein, so Höss-Jelten. "Die psychische Komponente ist sehr wichtig beim Dehnen".
Allgemein sei der Schmerz ein wichtiges Zeichen dafür, dass es "jetzt reicht". Man sollte keinesfalls über den Dehnschmerz hinaus dehnen. Ebenso erhöhe falsches, unspezifisches Dehnen die Verletzungsgefahr. AZ