Wie sind Ihre Erwartungen für die Weltmeisterschaft?
Müßiggang: Wie immer hoch (lacht).
Was bedeutet das in Zahlen?
Müßiggang: Dass wir in jedem Rennen um die Medaillen mitlaufen. Ob das dann klappt oder nicht, kann man eh nicht vorhersagen. Aber wir werden Athleten an den Start bringen, die dazu in der Lage sind, unsere Ziele zu erreichen.
Das betrifft Männer wie Frauen?
Müßiggang: Ja, das war bisher immer unser Ziel. Es wäre schlecht, wenn wir den Athleten jetzt auf einmal andere Ziele vermitteln würden. Nach den erfolgreichen Jahren wäre es auch den Fans und dem Publikum nicht zu vermitteln, dass wir auf einmal nur um gute Platzierungen kämpfen wollen.
Das ist Uwe Müßiggang
Geboren am 5. November 1951 in Pirna
Karriere als Sportler Mitglied des Biathlon-B-Kaders der DDR.
Zeit in der DDR: In den 1970ern Trainer der Talentzentren Karl-Marx-Stadt und Dresden. 1980 plant sein Zwillingsbruder einen Fluchtversuch. Müßiggang wird als Mitwisser verhaftet und sitzt ein Jahr im Gefängnis. Danach arbeitet er bis 1984 als Gabelstaplerfahrer, ehe ihm die Ausreise erlaubt wird.
Neubeginn in Bayern: Von 1984 bis 1988 unterrichtet er in Berchtesgaden, wo er bis heute lebt, als Sportlehrer. Dann wechselt er zum DSV, ist zwei Jahre Männer-Trainer und wechselt 1990 zu den Frauen. Müßiggang macht Deutschland zur führenden Biathlon-Nation. Seit der Saison 2010/2011 ist er Cheftrainer der deutschen Biathleten.
Vor der Saison war es bei den Männern eher nicht zu erwarten, dass man in jedem Rennen um eine Medaille mitkämpfen kann. Wie bewerten Sie deren Entwicklung, die ja zuletzt durchaus positiv war?
Müßiggang: Das ist uns schon ein paar Mal so gegangen. Wir haben gesagt, dass für uns die WM im eigenen Land der Saisonhöhepunkt ist. Dementsprechend haben wir die ganze Vorbereitung so gestaltet, dass es uns gelingt, zur WM an unsere Bestleistung heranzukommen.
Aber hätten Sie damit gerechnet, dass die Männermannschaft so eine Kompaktheit auf hohem Niveau hat?
Müßiggang: Mit so etwas rechnen kann man nicht. Wir wissen, was sie trainieren. Wir wissen, wie sie eingestellt sind. Wir wissen, was alle bereit sind, dafür zu investieren. Wann sich das dann in einer positiven Entwicklung niederschlägt, ist immer schwierig zu sagen. Wenn ein Trainer behauptet, er bekommt seine Sportler auf den Punkt genau fit, wage ich das zu bezweifeln. Das sind keine Maschinen, die man programmieren kann, und vorne kommt dann das gewünschte Ergebnis raus. Das sind Menschen mit all ihren Befindlichkeiten und Schwächen.
Erwarten Sie unter den Medaillengewinnern vor allem die etablierten Sportler oder hoffen Sie auch auf Athleten, die jetzt noch keiner auf dem Zettel hat?
Riesenhype um Biathlon-WM
Müßiggang: Ich glaube nicht, dass wir große Überraschungen erleben werden. Wir nähern uns dem Ende der Saison, und wer es jetzt noch nicht nach ganz vorne geschafft hat, der wird es auch jetzt wohl nicht mehr schaffen. Und wenn doch, dann muss es Gründe geben wie zum Beispiel eine Verletzung, die am Anfang der Saison zum Ausfall geführt hat.
Was erwarten Sie in Ruhpolding für eine WM? Unter welchem Druck werden die deutschen Starter stehen?
Müßiggang: Von der Stimmung erwarte ich mir sehr, sehr viel. Man merkt ja schon im Vorfeld, dass da ein Riesenhype um die WM gemacht wird. Wir versuchen, uns als Mannschaft der ganzen Sache ein bisschen zu entziehen, soweit das überhaupt möglich ist.
Haben Sie die Athleten darauf vorbereitet, was sie in Ruhpolding erwartet?
Müßiggang: Das betrifft ja vor allem die Jüngeren. Die Älteren haben alle Olympia- und WM-Erfahrung. Die Weltcups in Oberhof und Ruhpolding sind nicht gravierend anders. Ausverkauft ist ausverkauft. Wir haben auch keine besonderen Maßnahmen unternommen. Denn mit jeder besonderen Maßnahme weise ich die Athleten ja noch einmal darauf hin, dass es um etwas Besonderes geht. Warum also bitte schön sollen wir keine ganz normale Vorbereitung machen?
Magdalena Neuner hat gesagt, ihr Ziel seien sechs WM-Medaillen . . .
Müßiggang: Das war schon ein bisschen frech. Aber sie legt dadurch einen schweren Rucksack ab. Denn jetzt wird sie niemand mehr fragen, ob und wann sie denn eine Medaille gewinnen will. Und wenn es nicht klappt, wird uns auch keiner den Kopf runterreißen.
Neuner hat bislang eine grandiose Saison gezeigt. Wie erleben Sie sie?
Müßiggang: Sie war von Anfang an sehr entspannt. Was in ihr drin vorgeht, weiß man natürlich nicht. Das öffentliche Interesse ist sehr stark auf ihre Person fokussiert. Aber das ist nicht neu und sie geht bewundernswert damit um.
Wann haben Sie von Ihrem Rücktritt erfahren? Wussten Sie es schon vor der Saison?
Müßiggang: Ja. Wir haben uns darüber unterhalten, ob die Olympischen Spiele 2014 in Sotschi noch ein Ziel sind. Und da war klar, dass das kein Ziel mehr ist.
Haben Sie versucht, sie noch davon zu überzeugen, weiterzumachen?
Müßiggang: Wir haben uns unterhalten, was ihr Rücktritt für den Biathlonsport allgemein bedeutet. Wenn so große Namen gehen, tut das dem Sport weh. Aber Lena ist jemand, der seine Ziele sehr klar benennt und verfolgt. Und wer Lena kennt, weiß, dass sie sich sehr intensiv damit beschäftigt, was für sie der richtige Weg sein könnte.