Als ich die schwere Tür zur Puppenkiste aufdrücke, schlüpfen drei Kinder unter meinem Arm hindurch. Man sieht den Jungen und Mädchen die Vorfreude auf die bevorstehende Vorstellung deutlich an.
Vor etwa 15 Jahren war ich eines der aufgeregten Kinder und konnte es nicht erwarten, endlich die Flügel der Puppenkiste aufschwingen zu sehn. Heute treffe ich den Mann, der den Helden meiner Kindheit Leben einhaucht – Klaus Marschall, Leiter der Augsburger Puppenkiste. Pünktlich um 15 Uhr betritt er zusammen mit seiner Tochter Melanie das Foyer. Leider findet unser Gespräch ohne Sohn Michael und Bruder Jürgen Marschall statt, da beide krankheitsbedingt absagen mussten.
Meine erste Frage ist zugleich eine der wichtigsten: Was bedeutet Glück für die Puppenkiste? „Ein volles Haus natürlich, gesunde Mitarbeiter und keinen Holzwurm“, meint Marschall lachend. Und privat? Gibt es überhaupt ein „privat“, wenn die gesamte Familie voll im Projekt Puppenkiste steckt?
Schnell wird klar: Die Trennung zwischen Familie und Arbeit fällt bei den Marschalls eher schwer. „Selbst im Urlaub schaffen wir es höchstens zwei Tage, nicht über das Theater zu reden“, erzählt Marschall. „Es ist eben mehr als ein Job. Es ist eine Lebensaufgabe.“ Eine Aufgabe, die alle gerne annehmen. Oder hatte die Tochter eigentlich andere Pläne? „Ich habe mir andere Berufsfelder angeschaut. Das war mir sehr wichtig. Aber die Faszination für das Puppenspiel blieb“, meint Melanie Marschall. Sie kümmert sich verstärkt um die Verwaltung und wird diesen Bereich irgendwann einmal übernehmen. Natürlich nicht, ohne auch das Puppenspiel zu erlernen. Ihr Bruder Michael ist ebenfalls im Theater tätig. Er unterstützt seinen Onkel Jürgen Marschall beim Schnitzen der Puppen. Auch im Ensemble hat er einen festen Platz.
„Wie konnten Sie beide Kinder so für ihren Beruf begeistern“, frage ich Klaus Marschall. „Wir haben die Kinder nie ins Theater gezwungen. Das war alles eine freiwillige Geschichte“, antwortet er. Eine Ausnahme verrät er mir dann doch: An Weihnachten mussten beide Kinder mit in die Vorstellung, damit die Mutter zu Hause den Baum schmücken konnte. Ich spreche das Thema Konkurrenz durch andere Medien an. „Wir bedienen eine ganz andere Sparte“, betont er. Wichtig ist für ihn gute Unterhaltung. Erwachsene wie Kinder werden beim Besuch der Vorstellungen gefordert. Ihnen wird kein perfektes Produkt serviert.
Fantasie ist gefragt, um die wenigen Eindrücke, welche die Bühnenkulissen liefern, zu einem lebendigen Bild zu vervollständigen. „Wir wollen gute Geschichten erzählen und rennen keinen Trends hinterher“, fügt Marschall hinzu. Er selbst steht trotz Terminstress und Verwaltungsaufgaben gerne hinter der Bühne und zieht die Fäden. Das schafft er aber nur noch selten. Seit 1992 leitet er die Augsburger Puppenkiste in dritter Generation. Als Enkel von Walter und Rose Oehmichen, den Gründern des Theaters, wuchs auch er inmitten der Puppen auf.
Ich will wissen, ob es in der Vergangenheit Vorführungen gab, in denen nicht alles reibungslos geklappt hat. Nach kurzem Überlegen erzählt er lachend von Puppen, die während der Vorstellung ihren Kopf verloren haben, Missverständnisse in der Technik und schmerzhaften Zusammenstößen auf der dunklen Brücke über der Bühne.
Eine Frage, die viele Fans von Urmel & Co interessiert: Wo sehen die beiden die Puppenkiste in 20 Jahren? „Ich hoffe, dass wir ähnlich aufgestellt sind wie jetzt“, antwortet Melanie Marschall. „Eine unserer großen Aufgaben wird sein, die Eltern dazu zu bewegen, ihren Kindern den Zugang zum Puppenspiel zu ermöglichen.“ Ihr Vater sieht das genauso.
Am Ende unseres Gesprächs äußert Klaus Marschall noch einen Wunsch: „Es wäre sehr schön, wenn sich Augsburg zur Puppenspiel-Stadt bekennen würde. Wir sind Fuggerstadt, Brechtstadt oder Friedensstadt. Aber fragt man Leute in anderen Bundesländern, verbinden sie mit Augsburg immer die Puppenkiste.“ An Ideen für ein Zentrum des Puppenspiels in Augsburg mangelt es jedenfalls nicht.
Die Augsburger Puppenkiste blickt auf eine lange Geschichte zurück.
|
|